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Loretta Stern, das Staatsballett und eine große Idee

Loretta Stern, das Staatsballett und eine große Idee
Im Vordergrund stand beim Workshop der Spaß und die Lust zu tanzen.
Einmal am Berliner Staatsballett zu trainieren, ist für viele ein Traum. Für einige Kinder ging der nun in Erfüllung. Das Besondere: Kaum einer hätte gerade diesen Kids das Tanzen überhaupt zugetraut…

Tanzen macht glücklich. Das weiß jedes Kind, aber nicht jedes Kind bekommt die Chance dazu, einen Kurs zu belegen – vor allem, wenn es Cerebralparese hat. Diese sehr spezielle Beeinträchtigung motorischer oder geistiger Fähigkeiten durch eine frühkindliche Hirnschädigung hat die Moderatorin und Schauspielerin Loretta Stern schon länger auf dem Radar, weil das Kind einer Freundin eine solche Bewegungsstörung hat. Loretta Stern weiß durch diese Freundschaft auch, wie schwer es ist, den Kindern und ihren Eltern Normalität zu ermöglichen. Die Kids werden oft unterschätzt, ausgegrenzt und angestarrt. Und mindestens ebenso unangenehm ist das Mitleid, das ihnen entgegengebracht wird, weil sie dadurch das Gefühl bekommen, ihr Leben sei ein schlechteres… Aber wieso? Weil sie nicht in ein Raster passen, das so willkürlich wie ungerecht ist?

Kinder trainieren an der Ballettstange.

An der Ballettstange fühlten sich alle sehr wohl.

Als ein Beitrag über einen Workshop für Kinder mit Cerebralparese am berühmten Lincoln Center in New York in Loretta Sterns Timeline bei Facebook gespült wurde, war die 44-Jährige so begeistert, dass sie sofort dachte: Wieso geht so etwas nicht auch in Berlin am Staatsballett? Prompt schickte sie an verschiedene Stellen beim Staatsballett Berlin den Vorschlag, einen vergleichbaren Workshop hier anzubieten. Auch beim amerikanischen Vorbild war es schließlich nur eine einzelne Mutter, Natalia Armoza, die das New York City Ballett angeschrieben hatte, um zu fragen, ob sie nicht mal ein Projekt anbieten wollten, bei dem auch Kinder mitmachen könnten, die nicht die gängigen Tanzvoraussetzungen haben. Gerade Kids, die durch eine Cerebralparese immer am Rand stehen müssen, weil sie nicht ins Programm oder schlimmer noch: ins Bild passen, sollten erleben können, wie Tanz befreit und wie jeder Tanzen lernen kann. „Und ob ich tanze“ lautet daher auch der trotzige Name des hiesigen Projekts, das tatsächlich in den Osterferien mit dem Education-Verein des Staatsballetts Berlin Tanz ist KLASSE! umgesetzt werden konnte.

Ein Mädchen im Rollstuhl und andere Kinder mit Cerebralparese tanzen

Leonie sitzt im Rollstuhl und ist extra aus Offenbach zum Workshop angereist.

Der Workshop sollte auf keinen Fall eine Therapiestunde sein, aber auch nicht auf eine Aufführung hinauslaufen, um keinen Druck aufzubauen. Doch während die Tanzpädagog*innen den kreativen Tanz in den Fokus stellen wollten, verlangten die Teilnehmer*innen zwischen fünf und 16 Jahren nach klassischem Ballett. „Wir sind doch hier beim Staatsballett, haben die Kinder gesagt, wir wollen an die Stange“, berichtet Loretta und freut sich noch heute darüber, wie angstfrei und willensstark die Kinder an den Workshop herangegangen sind. Die Stange wurde zu einem verbindenden Element. „Das war ergreifend, denn aus meiner Tanzausbildungszeit weiß ich noch, dass man der Stange beim Training durchaus manchmal feindlich gegenübersteht, weil sie dir auch deine Unvollkommenheit zeigt“, erklärt uns die Schauspielerin. Bei den Kindern bewirkte sie das Gegenteil, sie gab Halt und bereitete Spaß. Auch eine Choreografie zu erarbeiten, stand für die Kids übrigens gar nicht zur Debatte und die kleine Aufführung, die sie am letzten Tag für Freunde und Familie präsentierten, war hinreißend.

Loretta Stern sitzt auf dem Boden im Studio.

Beim Workshop hielt Loretta Stern sich im Hintergrund.

Lars Pape und Holger Schürmann, die sich als Dokumentarfilmer schon einen Namen gemacht haben, begeisterten sich für den Workshop und haben ihn filmisch begleitet, so wirst du das Glück, das Eltern, Kinder und alle im Team gespürt haben, bald nachempfinden können. Die gemeinsame Woche hat alle Erwartungen weit übertroffen. „Wir müssten uns ganz schön blöd anstellen, um aus 25 Stunden tollem Material nicht einen berührenden Film zu machen“, meint Loretta Stern und lacht. Vielleicht kann der Film auch den Blick auf Menschen mit Cerabralparese verändern. „Als wir mit unseren Protagonistinnen im Zoo waren, fragten uns viele Kinder, warum ausgerechnet die beiden Mädchen in einem Film mitspielen dürften“, erzählt Loretta betrübt, denn es folgten Beleidigungen wie „die sind doch behindert“ oder „die können doch bestimmt nicht tanzen“, um nur harmlose Beispiele zu nennen. „Wirklich seltsam fand ich, dass deren Eltern sich nicht erklärend eingemischt haben, um ihren Kindern mal gedanklich über den Tellerrand zu helfen“, empört sich Loretta – zurecht. Zurück zu den schönen Dingen: Für einen zweiten Workshop gebe es schon jetzt genug Teilnehmer*innen: „…allein durch die Wiederholungstäter*innen, die auf jeden Fall noch mal kommen wollen“, erklärt Loretta Stern. Wir drücken die Daumen, dass es bald wieder soweit ist.

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