Zu Besuch im stärksten Kiez Berlins

Stillleben an Dahlems Thielallee

Stillleben an Dahlems Thielallee
Das 1930 fertiggestellte Wohnhaus an der Thielallee ist Teil einer denkmalgeschützten Denkmalgruppe. Solche Einfamilienhäuser prägen den Kiez.
Ein paar ausladende Einfamilienhäuser mit Vorgärten nach englischem Vorbild teilen sich die Thielallee mit Gebäuden der Universität und einem kleinen Park. Ein Besuch.

Die Thielallee liegt ruhig da; sie ist gleichsam lang wie leer. Ab und zu ist mal jemand zu sehen, der mit Kindern oder Hunden die Straße entlangspaziert – oft sind es Nannys und Hundesitter. Die Studenten der Freien Universität bleiben in ihrem Revier vor den Uni-Gebäuden. Doch wo stecken eigentlich die Anwohner der nach dem Sozialstrukturatlas stärksten Straße?

Ein paar ausladende Einfamilienhäuser mit Vorgärten nach englischem Vorbild teilen sich die Thielallee mit Gebäuden der Universität und einem kleinen Park. Der ist, obwohl hervorragend in Schuss, ebenfalls menschenleer. Vor die Haustür treibt es die Anwohner scheinbar nur, wenn es etwas zu tun gibt.

Otto Riel wohnt seit 40 Jahren in der Straße. Heute beschäftigt ihn der Frühjahrsputz seiner Garage. Womit sich die Thielallee das Prädikat „sozial stark“ verdient hat, ist ihm ein Rätsel. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Thielallee kann nicht die Straße einer gehobenen sozialen Schicht sein, ausgeschlossen“, sagt er und schüttelt den Kopf.

„Hier wohnt doch eigentlich niemand.“

„Hier gibt es vor allem Verwaltungsgebäude und einen Park. Hier wohnt doch eigentlich niemand. Dieser Sozialindex ist Pfusch.“ Vielleicht wird mit diesem Einwurf deutlich: Wo kaum jemand wohnt, halten sich die sozialen Unterschiede in Grenzen.

Otto Riel steht mit seiner Überraschung nicht ganz allein da. Irma M., die ihren Nachnamen nicht nennen will, spurtet zusammen mit ihrer Tochter die Straße hinunter. Ursprünglich kommt die Familie aus Kreuzberg. Doch dort seien die Mieten und Grundstückspreise teilweise höher als hier. An den hiesigen Charme eines Stilllebens musste sich Irma M. erst gewöhnen: „Wir wohnen seit zwei Jahren hier und es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir uns wohlgefühlt haben. Es ist wirklich ein Kulturschock. Denn man trifft eigentlich selten Leute auf der Straße.“

Was der Thielallee an Fußgängern fehlt, gleicht der Autoverkehr wieder aus. Womöglich geht die Fahrt zum nächstgelegenen Supermarkt. Den gibt es hier nämlich auch nicht. Aber wer sollte sich daran stören?


Quelle: Der Tagesspiegel

Dahlemer Literatur- und Kunst-Salon, Am Hirschsprung 9, 14195 Berlin

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