Stolpersteininitiative in der Thomasiusstraße

Wenn Opfer wieder Nachbarn werden

Wenn Opfer wieder Nachbarn werden
In diesem Haus lebte die Familie Löw - heute ist hier eine Nachbarschaftsinitiative aktiv.
Moabit - Vor genau 20 Jahren wurde in Köln der erste "Stolperstein" verlegt. Immer mehr der kleinen Messingquader erinnern seitdem deutschlandweit mitten im öffentlichen Raum an die Opfer des NS-Regimes. In der Thomasiusstraße ist durch eine Stolpersteininitative nicht nur die Nachbarschaft enger zusammengerückt - die ehemaligen Opfer haben nun (wieder) einen festen Platz im Bewusstsein der Kiezbewohner.

„Es ist ein Ruck durch unseren Kiez gegangen“, fasst Astrid Vehstedt die Ereignisse, die sich in den vergangenen Monaten in der Thomasiusstraße in Berlin-Moabit zugetragen haben, zusammen. Seit über einem Jahr setzt sich eine engagierte Nachbarschaftsgruppe um Initiator Oliver Geiger für die Erinnerung an die ermordeten jüdischen Anwohner ein. Doch was in anderen Kiezen vielleicht etwas schleppender und weniger öffentlichkeitswirksam vonstatten geht, hat in der Thomasiusstraße, einem früheren Zentrum des jüdischen Lebens in Berlin, eine ganz eigene Dynamik entwickelt.

Zentrum dieser Entwicklung ist die Thomasiusstraße 11, Wohnsitz von Astrid Vehstedt sowie acht weiteren Mitstreitern der Stolpersteininitiative – und ehemaliges Wohnhaus der jüdischen Familie Löw. Im Laufe ihrer Recherchearbeiten knüpfte Regisseurin und Schriftstellerin Astrid Vehstedt, die sich bereits in den 90er Jahren für ein Musiktheaterprojekt eingehender mit dem Holocaust auseinandersetzte, eine enge Verbindung zu den Nachfahren von Wilhelm (Willy) Löw – dem einzigen überlebenden Sohn der aus Österreich stammenden Familie. Mit viel Engagement, gegenseitigem Verständnis und akribischer Fleißarbeit konnten Astrid Vehstedt und Shimon Lev, ein in Israel lebender Sohn von Willy Löw, das Schicksal seiner Familie rekonstruieren. Ans Licht gekommen ist eine Geschichte, die sich so oder so ähnlich während der Nazi-Diktatur vielleicht tausendfach zugetragen hat, den Zuhörer aber trotzdem, oder gerade deshalb, bis heute erschüttert.

Die Geschichte der Familie Löw

In den 1930er Jahren kamen Nuchem und Erna Löw mit ihren Kindern Willy und Liane aus geschäftlichen Gründen aus Wien nach Berlin, 1938 bezogen sie ihre Wohnung im ersten Stock des Hinterhauses der Thomasiusstraße 11. Erst am 17. Mai 1943 wurden Nuchem, Erna und die damals 14-jährige Liane, die gerade erst aus dem besetzten Belgien auf abenteurlichem Weg zu ihrer Familie zurückkehren konnte, mit dem „38. Transport Ost“ ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Über ihren genauen Todeszeitpunkt gibt es keine weiteren Angaben. Willy überlebte. Er war 1939 mit einem der letzten sogenannten Kindertransporte nach England geschickt worden. Dort wurde er als Deutscher in ein Kriegsgefangenenlager eingewiesen und später nach Kanada verschifft. Nach dem Kriegsende emigrierte Willy, der als Physiker Karriere machte, in die USA und wanderte von dort nach Israel aus, wo er das „Jerusalem College of Technology“ aufbaute. Erst 2004 starb Willy Löw, Vater von insgesamt fünf Kindern, in Israel.

Einige Fotografien, dokumentierte Erinnerungen, zahlreiche erhaltene Briefe und Rotkreuz-Postkarten führen dem Leser die letzten Jahre des Ehepaars Löw eindrücklich vor Augen. Doch warum die Familie, die bereits 1938 erstmals ins Visier der Nazis geriet und Besuch von einem Gestapo-Mann erhielt, solange überleben konnte, ist für Astrid Vehstedt noch immer ein Rätsel. Was die Löws möglicherweise noch längere Zeit geschützt hat, würde die Nachbarschaftsgruppe auch deshalb gern in Erfahrung bringen, weil die Geschichte der Schwestern Channa und Golda Rachela Holländer, die ebenfalls in der Thomasiusstrasse 11 lebten, so gänzlich anders verlaufen ist. Sie wurden im Februar 1941 aus ihrer Wohnung in die Tile-Wardenberg-Straße vertrieben und am 17. März 1942 deportiert. Ungeklärt ist auch das Schicksal des sechsjährigen Joachim Falkenstein, der laut Transportliste bei den Schwestern Holländer in der Thomasiusstraße wohnte. Vehstedt will auch in dieser Richtung weiter recherchieren.

Ein Kiez rückt endlich zusammen

Mit Shimon Lev, dem Enkel von Nuchem und Erna Löw, verbindet sie heute über die Recherchearbeit hinaus eine tiefe Freundschaft. Doch auch Ursula Vogel, Mitstreiterin der Stolpersteininitative, sagt: „Simon ist ein Nachbar geworden – wir vermissen ihn hier richtig!“ Im Februar war der Nachfahre der Familie Löw für mehrere Tage in der Thomasiusstraße zu Gast. Dabei entstand in enger Zusammenarbeit mit der Nachbarschaft unter anderem ein filmisches Kunstprojekt, bei dem an verschiedenen Orten Briefe der Löws vorgelesen wurden. Und ein nächster Besuch steht auch schon fest: Im August sollen, wenn alles klappt, in der Thomasiusstraße 100 neue Stolpersteine auf einmal verlegt werden. Allein sieben von ihnen werden, so hoffen die Initiatoren, vor der Thomasiusstraße 11 eingebettet. „Mit der gleichzeitigen Verlegung aller Stolpersteine wollen wir die Zusammengehörigkeit der vernichteten jüdischen und der derzeit hier lebenden Kiezbewohner unterstreichen“, betont Astrid Vehstedt. Auch Wilhelm Löw wird so, zumindest symbolisch, wieder mit seiner Familie zusammengeführt.

Wenn Opfer wieder Nachbarn werden, Thomasiusstraße 22, 10557 Berlin
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