Wilmersdorf
Stolpersteine für Amalie und Elisabeth Perls

Sie waren unsere Nachbarinnen

Sie waren unsere Nachbarinnen
Amalie war die Mutter, Elisabeth die älteste Schwester von Fritz Perls, dem Mitbegründer der Gestalttherapie. Zur Foto-Galerie
Prinzregentenstraße – Zwei Stolpersteine erinnern an die Mutter und die Schwester von Fritz Perls, dem Mitbegründer der Gestalttherapie. Die beiden Frauen wurden von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet. Unsere Gastautorin Elisabeth Gründler erzählt ihre Geschichte und die ihrer Familie.

Manche Stolpersteine entdecke ich erst bei widrigem Wetter, wenn ich mich bei heftigem Re­gen mit hochgezogenen Schultern und gesenktem Schirm gegen den Wind stemme und die Augen auf den Boden richte, um Pfützen auszuwei­chen. Doch diese Stolpersteine fielen mir sofort auf – sie glänzten in der Morgensonne. Amalie Perls und Elisabeth Perls, las ich. Von den Lebensdaten her muss­ten es Mutter und Tochter sein. Der Name ließ mich an Fritz Perls denken, einem der Begründer der Gestalt­therapie.

Amalie Perls war die Mutter von Friedrich Salomon Perls, der zu­sammen mit seiner Frau Laura, im südafrikanischen Exil und später in den USA, die Gestalttherapie mitbegründete. Elisabeth Perls war seine älteste Schwester. Die beiden Frauen lebten bis zu ihrer Deportation vor 71 Jah­ren, am 7. September 1942, in der Prinzregenten­straße 77. Dort steht heute ein Nachkriegsbau aus den 50er-Jahren. Seine Mau­ern wissen nichts mehr von dem Leid, das den beiden Frauen angetan wurde. Als sie im Morgengrauen von der Gestapo abgeholt wur­den, hatten sie schon zehn Jahre lang Er­niedrigung, Ausgrenzung und systematische Entrechtung erfahren. Viel­leicht versprach der 7. September 1942 noch ein schöner Spätsom­mertag zu werden, vielleicht blühten Herbstastern im Vorgarten. Ahnten die Frauen, dass es für sie keine Rück­kehr geben würde?

Amalie Perls, geborene Rund, aus Laurahütte in Oberschlesien, war 84 Jahre alt, als sie deportiert wurde. Sie war eine fromme, orthodoxe Jüdin, die auf die Einhaltung der Gebete und Riten an den jüdischen Feiertagen achtete. Bis zur nächsten Synagoge hatte die alte Dame nur wenige Schritte zu gehen. In der Prinzregentenstraße 70 war 1930 ein neues jüdisches Gotteshaus mit einer Schule eröffnet worden. Oder ging  Amalie Perls doch lieber in die Synagoge in der Münchener Straße? Konnte sie noch so weit gehen? Als sie an jenem Septembermor­gen von der Gestapo abgeholt wurde, hatte sie schon fast vier Jahre lang keine Syn­agoge mehr besu­chen können, denn beide Gotteshäuser waren zu dieser Zeit schon Rui­nen. Die SA hatte sie in der Pogromnacht des 11. November 1938 ange­zündet und zerstört.

Nachbarn von Walter Benjamin

Elisabeth Perls war 51 Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer greisen Mutter das Auto der Gestapo besteigen musste. Eine Frau in ihren besten Jahren, von der wir wenig wissen. Sie lebte sehr zurückgezogen, heißt es, und trug eine Brille, wegen eines Sehfehlers. Ist sie je ihrem fast gleich­altrigen Nachbarn aus der Prinzregentenstraße 66 begegnet? Der Philo­soph und Literaturwissenschaftler Walter Benjamin wohnte hier von 1930 bis 1933 und schrieb an diesem Ort seine „Berliner Kindheit“. Als Elisabeth Perls 1942 deportiert wurde, war Walter Benjamin schon fast zwei Jahre tot. Auf seiner Flucht vor der Deportation durch die Nazis wählte der Kulturkritiker den Tod von eigener Hand, weil ihm die rettende Grenze nach Spanien verschlossen blieb.

Nathan Perls, der Ehemann von Amalie, war ein Einwanderer aus einem jüdischen Schtetl in Polen, dem Aufstieg und Integration gelungen waren. Die Familie lebte zunächst, wie viele arme Immigranten, im Berliner Scheunenviertel, heute Bezirk Mitte. Dort kamen Elisabeth Perls 1891 und ihr jüngerer Bruder Fritz 1893 zur Welt. Nathan Perls machte Karriere als Handels­vertreter und brachte es zu Wohlstand. So konnte er es sich 1896 leisten, in das gutbürgerliche Bayerische Viertel im Berliner Westen, in die Ansbacher Straße 53, umzuziehen. Von Amalie Perls wissen wir, dass sie mit ihren Kindern gern ins Theater und in die Oper ging. Amalie Perls wurde am 7. Oktober in Theresienstadt er­mordet. Ihre Tochter Elisabeth konnte unter den elenden Bedingungen des Lagers noch zwei Jahre über­leben. Am 16. Oktober 1944 wurde sie weiter deportiert nach Auschwitz und vermutlich am Tag ihrer Ankunft dort in der Gaskam­mer ermordet.

Beeinflusst von Sigmund Freud

Es ist Christof Weber und seinen KollegInnen in der Gemeinschaftspraxis für Gestalttherapie zu verdanken, dass mit den Stolper­steinen für Amalie und Elisabeth Perls an diese ermordeten Mitbürgerinnen erinnert wird. Die Gestalt­therapie besinnt sich seit einiger Zeit auf ihre deutsch-jüdischen Wurzeln. Christof Weber hat diesen Prozess als Vizepräsident des Deutschen Ver­bandes für Gestalttherapie (DVG) wesentlich mitgetragen, u.a. durch die Mitarbeit an einem Film über das Leben von Laura Perls.

Die Gestaltthera­pie ging von der Psy­cho­analyse Sigmund Freuds aus, einer ihrer Ahnherren war Wilhelm Reich, der von 1930 bis 1933 ebenfalls in der Nachbarschaft, in der Schwäbischen Straße, wohnte. Prägend für die Ges­talttherapie waren die Flucht von Fritz und Laura Perls aus Deutschland, ihr Exil in Südafrika und den USA, sowie ihr Über­leben des Holocaust, durch den sie zahlreiche Angehöri­ge verloren. An zwei Mitglieder dieser Familie, Amalie und Elisa­beth Perls, erinnern die Stolpersteine in der Prinzre­gentenstraße 77.

Elisabeth C. Gründler ist auch die Verfasserin der Broschüre „Synagoge Prinzregentenstraße„, herausgegeben von der Evangelischen Auen-Kirchengemeinde.

Foto Galerie

Sie waren unsere Nachbarinnen, Prinzregentenstraße 77, 10715 Berlin

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