Heiligensee, Reinickendorf
Essen in Berlin-Reinickendorf

Ausflug ohne Fresspakete

Das frühere Straßenbahndepot in Heiligensee räumt mit dem nicht ganz unberechtigten Vorurteil auf, dass die Gastronomie am Berliner Stadtrand zu wünschen übrig lässt.

Einige Flecken in Berlin scheinen vom kulinarischen Zeitgeist noch unberührt zu sein. Seltsamerweise sind es oft gerade jene, die uns wegen ihrer naturnahen Lage anziehen. Doch wenn es ins Grüne geht, nimmt der Berliner scheinbar lieber ein Fresspaket mit oder fastet bis zur Rückkehr. Heiligensee ist ein solcher Ort – eine grüne Idylle mit Wasseranschluss und Gruselgarantie, was die dort vorhandenen Restaurants betrifft. Daher habe ich sofort recherchiert, als ich hörte, dort gäbe es etwas Neues; wäre doch schade, wenn es mangels Zulauf gleich wieder verschwindet. Es handelt sich um das ehemalige Straßenbahndepot in Alt-Heiligensee.

Kaum jemand weiß noch, dass da oben tatsächlich mal eine Straßenbahn fuhr, von 1913 bis 1958. Das Depot steht unter Denkmalschutz und wurde zuletzt von einem exzentrischen Bildhauer genutzt – als Depot. Zuletzt gab es scheinbar einen Eigentümerwechsel, durch den wieder Leben in das Gebäude gekommen ist. Das Restaurant auf der rechten Seite macht einen freundlichen Eindruck, anheimelnd und gut beleuchtet, nur die riesige Eingangstür stört da etwas, da sie bei jedem Öffnen einen Schwall Kaltluft einlässt. Die Konstruktion ist wohl durch den Denkmalschutz bedingt.

Die Hauptsache ist jedoch: Ich habe gut gegessen und kann das Restaurant nur empfehlen – trotz oder gerade wegen der Lage am Berliner Stadtrand. Die Küche bleibt stilistisch innerhalb der Grenzen moderner Bürgerlichkeit mit Kindergerichten und Wiener Schnitzel. Das überrascht nicht – was ich hier oben jedoch niemals erwartet hätte ist das Glas Ruinart-Champagner, zu dem es deftig geschmorte Schweine-Kleinigkeiten gibt. Ansonsten stehen verblüffend einfache Dinge auf der Karte, wie der würzige Gurkensalat mit Ingwer und Koriander (4,50 Euro), der durchaus als Vorspeise geeignet ist; noch herzerwärmender fällt die Wildconsommé mit Pilzravioli (6,90 Euro) aus.

Ente und Jacobsmuscheln

Die gebratenen Jacobsmuscheln mit asiatisch geschmortem Sesam-Chinakohl (11,50 Euro) stellen den kreativen Höhepunkt der Karte dar, gut schmeckende und handwerklich gelungene Muscheln, obwohl ich die dominant mit Vanille angereicherte Balsamico-Reduktion so nicht empfehlen kann. Der Safranschaum schmeckte dagegen kaum nach Safran, ging somit unter. Puristisch gelungen fiel der im Ganzen gebratene Loup de Mer (17,50 Euro) aus, nur von Fenchel und Tomatengnocchi begleitet. Die Ente war, wie sie sein soll, knusprig und saftig, gut gewürzt, eine üppige Portion mit Grünkohl, Rotkohl und Kartoffelklößen (22,50 Euro).

Das passt besser in den Winter als in den Sommer, wenn draußen hoffentlich ein schöner Biergarten lockt – zur kalten Jahreszeit ist es jedenfalls derart köstlich, dass es den langen Weg ganz allein lohnt. Die Desserts bleiben im erwartbaren Rahmen, aber das tun sie gekonnt. Die locker-fluffigen Grießknödel konnten voll überzeugen, das Pflaumenkompott dazu hätte für meinen Geschmack ein wenig mehr Zucker vertragen. Daneben gab es einige hausgemachte Sorbets, beispielsweise Mandarine, sehr gut. Die Weinkarte legt keinen Wert auf die große Geste und auch nicht auf den großen Preis, daher ging der anständige Pfälzer Weißburgunder für angemessene 22 Euro in Ordnung. Wer keine allzu hohen Ansprüche hat, wird hier etwas für den eigenen Geschmack finden, das genauso fair kalkuliert ist wie das Essen.

Ich kann jedenfalls nur anraten, mal rauszufahren. Das Straßenbahndepot ist ein gutbürgerliches Restaurant in Berlin-Heiligensee und neben der „Kapitänskajüte“ in Gatow ein weiteres Argument dafür, den Berliner Stadtrand beim Essen nicht abzuschreiben. Die Fresspakete kann man sich getrost sparen.

Straßenbahndepot Heiligensee, Alt-Heiligensee 73, 13503 Berlin

Telefon 030 755423070

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Mittwoch bis Freitag von 17:00 bis 22:00 Uhr | Samstag und Sonntag von 12:00 bis 22:00 Uhr

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