Straßenstrich Kurfürstenstraße

Sex-Boxen und Dixis statt Sperrbezirk: ein Anfang?

Sex-Boxen und Dixis statt Sperrbezirk: ein Anfang?
Der Strich ist eine Sache, aber die Kriminalität, die Drogenszene, der Müll drum herum... den Anwohnern wird das zu viel.
Der Senat will keinen Sperrbezirk, der Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel keine weiteren Diskussionen: Es sei Zeit, zu handeln. Ist von Dassel ein echter Held oder nur ein Don Quijote? Ein (Fast-schon-Fan)Kommentar einer Anwohnerin…

Es hat ein wenig mehr von Barack Obamas „Yes we can“ als von Merkels „wir schaffen das“ und das ist auch gut so: Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel will vom runden Tisch aufstehen, um endlich etwas gegen die Probleme am Straßenstrich zu unternehmen, statt sie weiter nur von allen Seiten zu bereden. Und mit dieser Meinung steht er nicht allein. Die Umfrage, die von Dassel jüngst mit Hilfe der Universität Potsdam durchgeführt hat, zeigt deutlich, dass fast 70 Prozent der Anwohner genug haben von dem Müll, den Fäkalien, der Aggression, den Spritzen, den Junkies, dem öffentlichen Geschlechtsverkehr und der Ansprache durch Sexarbeiter, wie die Prostituierten im Behördendeutsch auch heißen. Frisch im Amt hatte der neue Bezirksbürgermeister von Mitte, Tiergarten und Wedding 2017 bereits versucht, einen Sperrbezirk durchzusetzen, doch der Senat lehnt das bis heute ab. Auch auf Bezirksebene gibt es Widerstand. Nun will Stephan von Dassel die 100.000 Euro, die ihm dafür zur Verfügung stehen, einsetzen, um wenigstens das Leben für die Anwohner erträglicher zu machen.

Kein geleckter Vorzeige-Kiez

Es gehe nicht darum, aus dem Bezirk einen geleckten Vorzeige-Kiez zu machen und das Vorurteil, dass Neuzugezogene erst den Charme des Bezirks liebten und ihn nun durch Spießigkeiten zerstören wollen, sei falsch. Diejenigen, die die Umfrage als Chance gesehen haben und nutzten, leben schon seit mehr als 10 Jahren hier. An zugeschissene Hauseingänge, meterweise Live-Sex und herumliegende Kondomen und Spritzen kann sich aber selbst der härteste Kiezbewohner nicht gewöhnen. Ob die Maßnahmen gegen diese Ärgernisse fruchten, werde man erst sehen, wenn man sie ausprobiert habe. „Versuch macht klug„, sagt Stephan von Dassel und ist sich bewusst, dass er Häme kassieren wird, wenn irgendwas nicht funktionieren sollte. Nichts zu tun, sei aber keine Alternative.

Maßnahmen mit Mut

Zunächst werden Dixi-Toiletten aufgestellt, um die Verrichtung der menschlichen Geschäfte in geordnete Bahnen zu bringen. Außerdem soll es künftig Verrichtungsboxen geben, um den Sex aus den Augen der Öffentlichkeit zu nehmen. Damit die Auflagen, die es längst gibt, auch eingehalten werden, soll die Polizei verstärkt Streife fahren und das Ordnungsamt auch nach 22 Uhr noch arbeiten. Kurz nachdem von Dassel die Pläne bekannt gegeben hat, wurde die Kritik übrigens schon laut: Die Dixis werden doch versaut oder für Sex genutzt, die Boxen sehen doch bestimmt ätzend aus im Straßenbild, als ob die Zuhälter sich was von der Polizei sagen ließen, die Prostituierten werden wieder nicht gefragt, sollte man sich nicht lieber noch mal zusammensetzen… Ohne Motzer geht es halt nicht.

Das Rettungsboot legt ab

Fakt ist, wenn sich alle an die Gesetze halten würden, hätten wir gar keine Probleme, meint auch Stephan von Dassel. Aber wenn es keine Sanktionen gibt, interessiert sich halt niemand für Paragraphen. Im Alleingang wird der Bezirksbürgermeister bestimmt nicht aufräumen können und das ist dem bodenständigen Grünen-Politiker durchaus bewusst. Neben Polizei und Ordnungsamt versucht er den Frauentreff Olga und die evangelischen Kirchengemeinde in Tiergarten mit ins (Rettungs)Boot zu holen. Den Schutz der Prostituierten gegen Gewalt, Raub oder Zwangsprostituition will er keineswegs aus den Augen verlieren. Übrigens einen einzigen runden Tisch würde sich Stephan von Dassel doch noch wünschen: Sehr gern würde er mit Vertretern der Städte Köln, Hamburg, München, Hannover oder Frankfurt am Main zusammensitzen, um sich zu informieren, wie man dort mit ähnlichen Problemen umgeht. Fast alle haben Sperrbezirke oder feste Rotlichtmeilen mit Großbordellen. Aber Berlin bleibt halt Berlin? Eine Insel, die lieber untergeht, als Freiheiten einzuschränken?     

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