Eigentümer will Ökofiliale statt Wäscherei

Nicht Bio, sondern Company

Gute Frage. Der Eigentümer der Skalitzer Straße 71 sähe die Bio Company lieber heute als morgen im Gebäude.
Gute Frage. Der Eigentümer der Skalitzer Straße 71 sähe die Bio Company lieber heute als morgen im Gebäude.
Wrangelkiez - Lange schien es, als müsse eine Textilwäscherei ihren Sitz in der Skalitzer Straße zugunsten einer neuen Filiale der Bio Company räumen. Im Kiez formierte sich Widerstand gegen Biounternehmen und Hauseigentümer - und siegte, nicht zuletzt, weil die Company selbst zurückruderte. Hier ging es nicht um die Frage "bio" oder Familienwäsche, sondern um die Regeln des Kapitalismus.

Fakt ist: Die Bio Company hat Interesse daran, eine Filiale in der Skalitzer Straße zu eröffnen. Von diesem Vorhaben ist auch die Hausnummer 71 betroffen, in der sich eine Wäscherei befindet. Frau Schefflers familiengeführte Textilpflege existiert dort seit 30 Jahren, nun hat die Chefin überraschend einen Kündigungsbrief erhalten. So weit die Ausgangslage. Dass „in Kreuzberg jetzt auch gegen Bio protestiert“ wird, wie Medien berichten, ist aber ein reißerischer und an der Problematik vorbeigehender Aufhänger.

Für den Erhalt der Textilreinigung hat sich mittlerweile gefühlt der halbe Wrangelkiez mobilisiert; es werden Unterschriften gesammelt, Videos gedreht und lokale Initiativen bemüht. Den Zorn mehrerer Dutzend Demonstranten zogen bei einer Gebäudebesichtigung am Montag jedoch allein die Maklerin und die Anwälte des Eigentümers auf sich. Die Bio Company blieb bei dem Treffen vorerst zurück und versuchte Konsensvorschläge für alle Beteiligten zu erarbeiten.

Zwar verzichtet das 35 Filialen umfassende Öko-Unternemen darauf, seine Stellungnahme online zu stellen – womöglich, um weiterer medialer Aufmerksamkeit zu entgehen? (Stand: 20. November) – auf Anfrage äußert sich die Bio Company jedoch: „Die Gewerberäume am Schlesischen Tor wurden uns vom Eigentümer angeboten“, lautet der erste Satz ihrer Stellungnahme. Mit anderen Worten muss es der Eigentümer gewesen sein, der aktiv nach neuen Interessenten gesucht hat.

Das Wäschereigebäude besenrein hinterlassen

Doch wieso? Die Wäscherei existiert hier seit 1985, schon seit 1961 wurde das Gebäude als Wäschereibetrieb geführt.

Dazu ist zu sagen: Das Recht steht auf der Eigentümerseite. Anders als beim Wohnmietrecht gibt es beim Gewerbe keinen Kündigungsschutz. Eine „Kündigung ist jederzeit ohne Grund spätestens […] zum Ablauf des nächsten Kalendervierteljahres möglich“, warnt der Berliner Mieterschutzverein. Mit dem 31. Januar 2014 dürfte diese Frist verstrichen sein – dann muss Frau Scheffler mitsamt Reinigungsmachinen weiterziehen und das Gebäude – wie sie den Kündigungsbrief zitiert – „besenrein hinterlassen“. Der Eigentümer nimmt von seinem Recht Gebrauch, wittert für den Szenekiez ertragreichere Mietpreise.

Die Bio Company kann zahlen. In ihren Augen sorgen die übereilte Rauskehraktion des Eigentümers und ein wenig auch der mediale Aufruhr dafür, dass die Situation „für die ältere Dame ein bisschen zu viel“ wird, wie die PR-Abteilung telefonisch mitteilt. Doch Frau Scheffler ist keine überforderte Großmutter, an der von allen Seiten gezogen wird. Ihr Standpunkt ist klar: Bleiben oder einen alternativen Gewerbeort angeboten bekommen.

Bedenkt man die immensen Investitionssummen und das bare Gewicht der Reinigungsmaschinen, ist ein übereilter Ortswechsel – der Rausschmiss – logistisch unstemmbar und der finanzielle Ruin für Frau Scheffler. Dass der Kiez keinen weiteren Bioladen braucht, stellen die Unternehmerin und ihre Fürsprecher außerdem klar. Eine Drogerie, eine Bank, die fehlen hier. Doch gerade weil auf der Skalitzer Straße ein hohes Maß an Laufkundschaft vorbeiflaniert, könnten sich die Produkte der Company-Filiale trotzdem verkaufen wie geschnitten Brot.

Sind Unternehmer ihrem Gewissen verpflichtet?

Spielt es also eine Rolle, dass „bio“ draufsteht, wo Gentrifizierung ansteht? Eigentlich nicht. In das Gebäude könnte wer weiß wer einziehen, solange er zahlungsfähig ist. Hier stößt man nämlich auf ein Grundsatzproblem: Kann ein Unternehmen frei und nach gutem Gewissen entscheiden? Oder befinden wir uns in Kausalketten aus Aktion und Reaktion? Hat die Bio Company eine andere Wahl als den Mietvertrag abzuschließen? Die weist allein mit ihrem ersten Satz die Mitverantwortung zunächst von sich, schließlich sei es der Eigentümer, der die Enscheidung zur Neuvermietung fälle. Spätenstens, seit sich die Kiezanwohner für die Wäscherei aussprechen, versucht die Company einen Kompromiss mit Textilpflegerin und Eigentürmer auszuhandeln. Doch ist ein Unternehmen – gerade eines, das in einem Zwölf-Punkte-Manifest seine soziale und ökologische Verantwortlichkeit betont – auch in der Lage, „Nein“ zu sagen? Kann ein auf Wachstum ausgerichtetes Unternehmen sich gegen den Bau einer neuen, wahrscheinlich lukrativen Filiale entscheiden? Das Problem ist nicht das Wort „Bio“, sondern die „Company“.

Update: Und das Wort „bio“ – zumindest wie man es sich als unbedarfter Bürger vorstellt, mitsamt „fair“ und „sozial“ – hat über das Wort „Company“ gesiegt. Am 21. November steht fest: Die Filiale verzichtet auf die Expansion in die Hausnummer 71 und errichtet eine kleinere Filiale ausschließlich im Nebengebäude. Die Company sah sich im Zugzwang, schreibt in einer weiteren Stellungnahme: „wir müssen der Frau helfen.“ Maßgebliche Hilfe kam aber wohl vor allem durch die öffentlichkeitswirksame Mobilisierung des Wrangelkiezes, ohne den die Belange der Textilwäscherei wohl artikulationslos geblieben wären. Ein Hoch auf das Gewissen aller Beteiligter!

Nicht Bio, sondern Company, Skalitzer Straße 71-72, 10997 Berlin

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