Dokumentation

Symphony of Now: Der Puls der Stadt um Mitternacht

Symphony of Now: Der Puls der Stadt um Mitternacht
Mit Symphony of Now von Johannes Schaff bekommt Berlin eine Ode an das Nachtleben.
Wie klingt Berlin? Nach Hip-Hop, Jazz oder elektronischen Bässen? In "Symphony of Now" bekommt die Stadt einen Sound verpasst und zeigt sich vor allem von der nächtlichen Party-Rausch-Seite. Dabei experimentiert die neue Doku mit einem Klassiker, nämlich "Berlin – Die Sinfonie der Großstadt".

Vor 91 Jahren brachte Walter Ruttmann mit seiner Doku Berlin – Die Sinfonie der Großstadt ein Werk heraus, das Musik und Film verschmelzen lässt. Nicht nur wurde der Film in fünf Akte aufgeteilt, sondern unterschiedliche Tempowechsel in der Musik erkennst du auch in den Bildern. So nutzt Ruttmann viele schnelle Schnitte und schafft dadurch diese Dynamik in der Metropole, die du an den vorbeischnellenden Bussen und Bahnen erkennst. Damit ist die Doku für die späten 20er ein experimentierfreudiges Stück, das beinahe collagenhaft einen Tag in Berlin festhält  von frühmorgens bis spätabends. Dabei setzt sie die Arbeiterschicht und den damaligen wirtschaftlichen Aufschwung in den Fokus. Die Kamera hält die Tätigkeiten in Fabriken und an der Schreibmaschine fest, zeigt, wie Ständebetreiber ihr Glück am Kunden versuchen und in den Zeitungen steht es fettgedruckt: Es geht um Geld.

Elektro für einen Klassiker

Seit dem 12. Juli kannst du die Doku Symphony of Now im Kino erleben, die sich den Klassiker von Ruttmann als Vorlage nimmt. Aber nicht im Remake-Sinn, sondern unter der musikalischen Leitung von Frank Wiedemann (Âme, Innervisions, RY X, Berghain) wurde ein neuer, elektronischer Soundtrack auf Basis von Berlin – Die Sinfonie der Großstadt entwickelt. Mit an Bord sind Modeselektor, Hans-Joachim Roedelius, Samon Kawamura, Alex.Do sowie Gudrun Gut & Thomas Fehlmann. Der Score mit seinem Techno, House, Wave und Krautrock-Sound wurde wiederum genutzt, um darauf die neuen Berlinbilder abzustimmen.

 

Diese Arbeitsweise schafft neben der Aufteilung in Akte und der collageartigen Erzählung weitere Parallelen zwischen den Werken. Der Anfang von Symphony of Now ist identisch mit seinem Vorgänger: Ein Zug fährt aus dem Umland in den Anhalter Bahnhof ein. Hier setzt nun die neue Erzählung ein, das Schwarz-Weiß-Bild verschwindet und was bleibt, ist die Ruine des damals so prächtigen Gebäudes. Zeugen des Krieges fängt die Kamera ein, genauso wie Sehenswürdigkeiten: vom Berliner Dom bis zum Olympiastadion. Auch wenn Walter Ruttmann auch Stadtmonumente wie das Rote Rathaus einfing, merkt man hier, was sich alles an den gängigen Kameraeinstellungen geändert hat. Es gibt Kamerafahrten, Aufnahmen per Drohne und immer wieder dient der Rückspiegel eines Autos als Bildausschnitt.

Der Fokus liegt auf der Nacht

Auch wenn die Orchestermusik des Vorgängers nicht mit den elektronischen Beats vergleichbar ist, merkt man die Ähnlichkeiten in den Tempi. Jeweils im dritten Akt nimmt die Musik an Fahrt auf, das hängt in Ruttmanns Film mit einem nachmittäglichen Konflikt zwischen zwei Männern auf der Straße zusammen und bei der neuen Doku sind es die am Abend voller werdenden Plätze in der Schaubühne, die trubeligen Straßen um das RAW-Gelände sowie die Geschäftigkeit in den Clubs. Und hier ist schon der größte Unterschied zwischen den beiden Dokus, denn während Ruttmann vor allem den Tag in Berlin erzählt, geht es bei Schaff und seinem Team um Lil’Internet (Kamera), Alexandra Weltz-Rombach (Kamera) und Bobby Good (Schnitt) um die Nacht und die Partyszene.

Es beginnt mit dem sich Fertigmachen: Eine ältere Dame zieht sich die Lippen nach, eine junge Frau bekommt ein neues Tattoo und Lars Eidinger sitzt vorm Spiegel in der Theatergarderobe. Die Clubs, Bars und Kinosäle sind leer nur das Personal ist vor Ort. Dann kommt der Umschwung: Hohe Schuhe werden gegen Sneakers eingetauscht, ein Romano-Konzert bringt Gäste zum Toben und vor dem Späti bilden sich Schlangen. Menschen tanzen zum 1. Mai am Maybachufer, im Görlitzer Park wird wild geravt, Modeselektor spielen ein Set und Eidinger tritt auf die Bühne. Es wird immer wilder bis im fünften Akt langsam die Stühle am Zoo wieder hochgestellt werden, in der U-Bahn die Waggons leer sind und auf dem Großmarkt der Betrieb beginnt.

Symphony of Now ist eine sogartige, schnelle Bebilderung eines Berlins, wie es wohl oft von außen wahrgenommen wird ein Partypflaster. Dabei, und das ist ganz essenziell, vergisst die Doku nicht, Tugenden vom Vorgänger auch bildsprachlich zu übernehmen. Dazu gehört das Nebeneinander in einer Metropole zu zeigen, also Austern vs. Currywurst, glückliche Familien vs. Vermisstenanzeige, ausgebrannte Wagen in der Straße vs. gepimpter Polo auf dem Supermarktparkplatz. In Symphony of Now wird wie in Ruttmanns Werk keine Echtzeit genutzt, der 1. Mai wird ebenso ins Geflecht eingebaut wie die Fashion-Week-Party von Dandy Diary und ein Cro-Konzert; daher kann man die Schablone ein akkurates Stadtbild von Tag zu Nacht darzustellen nicht  anwenden. Die Aneinanderreihung von Momenten ist auch bei Berlin – Die Sinfonie der Großstadt stilgebend, doch hält diese mehr Zusammenhänge fest: zum Beispiel den Zeitdruck, der auf die Arbeitergesellschaft ausgeübt wurde, die eine viel strengere Struktur des Alltags zur Folge hatte, aus der kaum ausgebrochen wurde. Was bei der neuen Doku deutlich hängen bleibt, ist diese Unruhe, dieses alles-kann-nichts-muss-Gefühl und diese Partykultur, die weiter geht, auch wenn die Bäckerin am Morgen die ersten Brötchen in den Ofen schiebt. Wer den Fokus auf die Partylandschaft kennt und keine ausführliche Doku über das Leben in der Stadt erwartet, der kann sich zurücklehnen beziehungsweise Fuß wippend eintauchen in das Berlin bei Nacht.

Die Doku kannst du unter anderem im Delphi Lux, Babylon Kreuzberg und Kino International sehen.

Symphony of Now: Der Puls der Stadt um Mitternacht, Alexanderplatz 1, 10178 Berlin
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