• Donnerstag, 05. April 2012

Schwerbelastungskörper

Der Koloss von Tempelhof

  • Schwerbelastungskörper
    Testobjekt Schwerbelastungskörper: Wäre der märkische Sandboden in der Lage gewesen, einen von Adolf Hitler geplanten Triumphbogen zu tragen? Foto: dapd - ©Philipp Guelland

Der Schwerbelastungskörper an der General-Pape-Straße in Tempelhof ist ein Überbleibsel aus NS-Zeiten. Hier testete Albert Speer, wie tief die Bauten für die geplante Welthauptstadt Germania im Boden absinken würden.

Generalbauinspektor Albert Speer nannte Hitlers Bogen schlicht und ergreifend "Gebäude T". Um sicherzugehen, dass die 12.650 Tonnen des Gebäudes nicht im Märkischen Sand versacken würden, ließ Speer 1941 zum Test das gleiche Gewicht in Stahlbeton aufgießen.

Eigentlich sollte dieser Belastungskörper nach 20 Wochen wieder entfernt werden, dazu kam es aber nicht. Eine Sprengung war später nicht mehr möglich, weil sie die benachbarten Wohnhäuser gefährdet hätte. So steht der Zylinder 70 Jahre später noch immer da, leicht schräg hinter Bäumen und Gebüsch geduckt, als einziges Relikt der geplanten Nord-Süd-Achse für die Welthauptstadt Germania.

Hätte gebaut werden können

"Schwerbelastungskörper" ist die jüngste Bezeichnung in einer Reihe von Namen, die vom "Prüfturm" bis zum "Nazi-Klotz" reicht. Michael Richter ist der Erfinder des Begriffs. Der Spezialist für Sanierungen und Denkmalpflege leitete die Sanierung des Bauwerks von 2007 bis 2009. Jeden Sonntag gibt der Architekt für den Berliner Unterwelten e. V. Führungen.

Drei Öffnungen gewähren in schrägen Winkeln Blicke durch die Wand nach draußen. Auf der Betonstele dazwischen stand ein Messgerät und zeichnete auf, wie das Gebäude allmählich absank: 18,6 Zentimeter bis 1944; 19,4 Zentimeter bis 1948; das Tausendjährige Reich war schon Geschichte, als dessen Fußabdruck in 18,2 Metern Tiefe zum Stehen kam. Das waren ganze 13,4 Zentimeter mehr, als Albert Speer vorgegeben hatte. Dennoch hätte "Gebäude T" gebaut werden können, bestimmte 1948 die Deutsche Gesellschaft für Bodenmechanik (Degebo). Den Boden hätte man jedoch mit Pfählen und durch Rüttlung verdichten müssen.

Großer Forschungsbeitrag

Der Wissenschaft blieb das Gebäude noch einige Jahre erhalten. Seine Messwerte fanden nicht nur im Hansaviertel und beim Corbusier-Hochhaus am Olympiastadion Anwendung, sie halfen auch bei der Erstellung der Grundbaunormen und trugen dazu bei, dass man heute vieles über Bodenverhalten weiß. "Der Schwerbelastungskörper leistete einen wesentlichen Beitrag zur Forschung", erklärt Richter.

In der Bodenmechanik war es üblich, mit kleineren Lasten zu arbeiten und anschließend die Ergebnisse abzuleiten. Dass Generalbauinspektor Speer auf dem Originalgewicht bestand, lässt sich nur als in Beton gegossene Absichtsbekundung verstehen. Im Übereifer wurde teils zu schnell gegossen, so dass der Zylinder im November 1941 zu kippen begann, was nur durch hektisches Gegenbetonieren aufgehalten werden konnte. So hinterließ Speer statt eines Triumphbogens nur den schiefen Turm von Tempelhof.

Werbeträger, Provokation, Schmuddelkind

Seitdem findet jede Unternehmung hier unter der Schwerstbedingung von 12.650 Tonnen Bodenlast statt. 1941 konnten die hier ansässigen Kleingärtner noch mit Entschädigungen verdrängt werden. Nach dem Krieg, als jede freie Fläche zum Gemüseanbau genutzt wurde, musste die Deutsche Gesellschaft für Bodenmechanik (Degebo) hart verhandeln, um das Gelände zurückzubekommen. Kleingärtner gegen Großplanung: An der Papestraße wird seit 70 Jahren auch ein beispielhafter Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaftskörper ausgefochten.

Gemessen wurde hier bis 1984. Dabei drückten Pressen in das zu prüfende Material. "Totlast", heißt das im Fachjargon. Zur Finanzierung der Miete – das Grundstück gehörte dem Senat - erwog die Degebo in den Fünfzigern, den Zylinder als Werbeträger zu verwenden. Doch die poröse, graue Elefantenhaut hielt stand. Später wollte der Deutsche Alpenverein eine Kletteranlage einrichten, in den Achtzigern erwog die Tempelhofer Bezirksversammlung, das Gebäude zu begrünen.

Die Natur half sich selbst, Birken gediehen aus dem aufgeweichten Zement des Dachs. Als der Bezirk das inzwischen denkmalgeschützte Gebäude 2002 übernahm, war das Gelände zugewuchert. Gemeinsam mit dem Unterwelten-Verein wurde ein Informationsort geplant; aus dem Projekt Stadtumbau West kamen Gelder für eine umfassende Sanierung. Die 913.750 Euro sorgten für Aufregung in der Presse: Der Pilz bleibt eine Provokation. Er passt so gar nicht in diese effizienz- und sicherheitsverliebte Epoche. Er ist ein Schmuddelkind, sein Laster ist die Eigenlast. Selbst trägt er nichts.

Adresse

Schwerbelastungskörper
12101 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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