• Mittwoch, 14. August 2013
  • von Kevin Grünstein

Direktkredite für die "Burge"

Mit Geld gegen Geld

  • Burge-Skizze in Tempelhof
    Noch existieren die Vorstellungen von der fertigen "Burge" nur auf dem Papier. Ende September folgt dann die große Tat: Einzug, Sanierung, Leben - alles zusammen. Foto: externe Quelle

Alt-Tempelhof - Die Gründung eines Hausprojektes in der Burgemeisterstraße schickt sich an, das Mieterleben für über 30 Menschen wirklich lebenswert zu machen. So mausert sich deren Kampf für Direktkredite zur Rebellion gegen einen spekulativen Berliner Immobilienmarkt.

Der Werbespruch eines Möbelkonzerns geht manch einem Berliner mehr als nur auf die Nerven: "Wohnst du noch oder lebst du schon?" Fast schon existentialistisch fragt der Satz nach dem Wohnraum in Berlin. Rumquälen wollen sich einige Leute jetzt nicht mehr und machen Ernst mit einer Frage, die ihr Wohnleben betrifft.

Ihnen reicht es langsam: Auf dem Zahnfleisch zu gehen wegen der Mietpreise; keine Wohnung zu finden, weil sie Mütter und Väter sind; weil sie sich nicht bis auf den Cent ausziehen wollen um mietwürdig zu erscheinen. Doch welche Alternative? Wie kommt man ran ans gute Leben? Ein Haus in der Burgemeisterstraße könnte da zum Vorzeigemodell werden. Eine bunt gemischte Gruppe unter dem Namen "Hauswärts GmbH" will das alte Gewerbegebäude des Wasserwerks in Tempelhof aufkaufen. Es verspricht, eine Investition in die Zukunft zu werden. Schließlich bietet die zukünftige "Burge" - ist das Werksgebäude erst einmal saniert - Platz für über 30 Personen.

Die Köpfe rauchen, wie die fünf Stockwerke am Besten genutzt werden können. Das Dachgeschoss ausbauen? Was wird aus den riesigen Garagen und dem zubetonierten Hinterhof? Der erste und dritte Stock dagegen stehen bereits in Stein gemeißelt: Zu dunkel wäre die erste Etage für kleine Mietszimmer, also warum nicht eine riesige Spielfläche bis zur Fensterwand ausbauen. Ein Kinderparadies also. Und der 3. Stock ist schon bezugsbereit: Noch aus den '50ern, als sich die Werksarbeiter hier umzogen und auf die Arbeit vorbereiteten, gibt es einen großen Küchenbereich mit mensa-artigem Esszimmer. Selbst ein paar Schlafzimmer können bereits genutzt werden, sollte Anfang Oktober das Haus übernommen werden. Nur bei den Gruppenduschen muss noch die ein oder andere Wand zwischengezogen werden...

Keine Haie, nur Kredite

Bis dahin ist es ein weiter Weg: 315.000 Euro Eigenkapital gilt es locker zu machen. Was für Berliner Immobilienhaie eine Investition aus dem Handgelenk darstellt, ist momentan die größte Sorge der Gruppe. Vergleichsweise mittellos stehen sie da, aber mit einer festen Überzeugung, einem idealistischen Plan: Das alte Gebäude des Wasserwerks aufkaufen, wohnbar machen und - endlich, endlich - selbstbestimmt leben.

Der Plan vom künftigen Zusammenleben der bis jetzt 17 Erwachsenen und vier Kinder steht und fällt mit ihrer Fähigkeit, sich zumindest für kurze Zeit den Gesetzen der Kreditwürdigkeit unterwerfen zu können. Bis zur Unterzeichnung des Kaufvertrags müssen sie noch 96.200 Euro vorweisen können, sonst kippt die Bank ihre Zusage, den "Rest" für das 1.255.000 Euro teure Grundstück zuzuschießen. Sie erwartet jeden Cent fristgerecht.

Wie haben die Jungs und Mädels so viel zusammenkratzen können? Wo kommen die letzten fast hunderttausend Mäuse hergerannt? Die Idee ist so simpel wie genial: Als eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, "Hauswärts GmbH", kann sich die Gruppe mit dem solidarischen Häuserprojekte-Organisator "Mietshäuser Syndikat" zusammenschließen. Das Eigenkapital wird über Direktkredite zusammengekratzt. Wer also keine Kohle hat, überzeugt andere von seinem Projekt. In diesem Fall sind schon 218.000 Euro zusammengekommen. Von Menschen, die sich identifizieren mit der Idee vom gemeinschaftlichen Wohnen, gegenseitigem Respekt und Mehrgenerationalität. Die dem Spekulationsmarkt vielleicht einfach eine lange Nase drehen und ihm ein Immobilienobjekt entziehen wollen. Die es unterstützenswert finden, jungen Eltern eine materielle Plattform zu geben. Ab 500 Euro ist man als Kreditgeber dabei, ganz solidarisch mit Zinsen nicht über 2 Prozent. Oder auch ganz ohne Zinsen. Die Vorteile liegen auf der Hand, denn niedrige Zinsen bedeuten günstige Mieten und eine schnellere Zinstilgung. Hauswärts vertraut auf die Direktkredite. Und ihr Plan könnte aufgehen, wenn sie weiterhin "lieber 1.000 Freunde im Rücken als eine Bank im Nacken" haben werden.

Heiße Planungsphase

Offener Austausch in Hellersdorf

Miteinander über Mieten reden

Berlin, Hellersdorf
Das jedenfalls ist das Motto des Mietshäuser Syndikats. Es betreut bereits ähnliche Hausprojekte in Frankfurt und Freiburg, hat also Durchblick und Erfahrung. Eines ist nämlich klar: Ist das Haus erst mal gekauft, wird es ordentlich rote Zahlen schreiben. Denn die Kredite und Zinsen müssen zunächst wieder abbezahlt werden. Doch gibt man dem Mehrgenerationenhaus ein paar Jahre, dann ist der gesellschaftliche Nutzen unglaublich: Ist das Haus erst einmal abbezahlt und die Schulden getilgt, dann bleibt ein Großteil der Miete als Überschuss. Er geht als Solidarbeitrag an das Mietshäuser Syndikat und kann genutzt werden für den Aufkauf neuer Häuser. Auf dass sich der Traum vom guten Leben erhält und rumspricht.

Zum Rumträumen ist für die zukünftigen Tempelhofer Anwohner keine Zeit, hier hat die heiße Phase längst begonnen: An immer neuen Orten stellt sich das Hausprojekt vor, um Mitmenschen zu finden, Leute mitzureißen, Kreditgeber zu werben. Zuletzt im Vetomat Friedrichshain, am 24. August beim Suppe&Mucke Festival. Alles wird mobil gemacht, um die letzten Moneten zusammenzukratzen und Mieter auszusuchen. Noch kann man ihnen mehr als nur Glück wünschen.

Zum Beispiel hier.

Tempelhof

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Quelle: QIEZ
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