• Montag, 21. Mai 2012

Tempelhofer Feld

Noch ist die Freiheit grenzenlos

  • Tempelhofer Feld
    Mehrere Tausend Besucher strömten am gestrigen Sonntag auf das schönste Feld der Stadt. Foto: dapd - ©Paul Zinken

Ein Stück Luxus mitten in der City. Seit zwei Jahren pilgern die Berliner nun schon auf das Tempelhofer Feld und genießen ihre grüne Oase in vollen Zügen. Am Sonntag wurde zweijähriges Jubiläum gefeiert, bei Sonnenschein gegrillt, gesportelt oder einfach nur gechillt.

In der Kaiserzeit diente das Gelände als Exerzierfeld. Die Nazis hatten an ihrem Airport ein KZ aufgebaut. Rosinenbomberpiloten retteten hier den Berlinern während der Blockade das Leben und Hollywood-Star Angelina Jolie hob später beim Berlin-Besuch am Steuer eines Leihflugzeugs ab in die Lüfte: Wohl kein Flughafen hat eine so komplexe Geschichte wie der erste Verkehrsflughafen der Welt, der 1923 eröffnet und am 30. Oktober 2008 geschlossen wurde. Im Mai vor zwei Jahren wurde das ehemalige Flugfeld Tempelhof als Freifläche für alle eröffnet, am gestrigen Sonntag wurde Jubiläum gefeiert.

Kapitalbringende Eventfläche

Freizeitforscher von der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen wissen, dass andere Großstädte wie New York jetzt Brachen zur Aufwertung renaturieren und kultivieren. Berlin hat das nicht nötig, der Stadt ist das denkmalgeschützte Gebäude mit der riesigen Freifläche einfach so in den Schoß gefallen. Bald will der Senat sie allerdings bebauen. Noch dient das Areal für viele Unternehmen als Eventfläche: ob Modemesse Bread & Butter, Musikmesse Popkomm oder Fashionshows, Festivals, Marathonläufe oder Snowboard-Schanzenspringen, Zirkus und Pyrotechnik, Dreharbeiten für Hollywood- und Werbefilme. Der Freiheit sind keine Grenzen gesetzt. Im April 2011 zog die Berliner Immobilienmanagement GmbH Bilanz: Die Vermietung des früheren Flughafengebäudes brachte im Vorjahr erstmals ein Plus. 500.000 Euro Gewinn – acht Millionen Euro Mietumsatz wurden allein bis dahin eingenommen.

Das Feld als Integrationsmotor

Wo sonst in Berlin kommt es vor, dass sich völlig fremde Großstädter zulächeln, Unbekannte spontan zur Hochzeitsfeier ins Ex-Alliiertenhäuschen einladen oder Fremde sich helfen? Die Besucher genießen den weiten Blick, atmen tief durch, der Stress fällt ab. Die Tempelhofer Freiheit schenkt Seelenfrieden. Neuköllner Kiez-Bewohner, studentische Zuzügler, türkische und arabische Berliner kommen an den selbst gezimmerten und kreativ geschmückten Hochbeeten der Pioniernutzer über das gemeinsame Hobby ins Gespräch.

Freiheit für alle

Schön soll er bleiben

In anderen, angelegten Parks in der Region wird alles beschmiert und vieles mutwillig zerstört. Auf dem Flughafen malen höchstens Kinder mit Kreide auf den grauen Asphalt. Die Friedhofsmauern – in ihrer reinen Form. Die Schilder – unangetastet. Die Kunst-Golfbahn, die Beete, das Feuerwehrtrainingsflugzeug – alles heil. Die Berliner lieben ihr Feld, und sie achten aufeinander, die Wachschützer sind Altbekannte. Der Müll wird eingesammelt, in die Container geworfen, und Grün Berlin macht den Park sauber.

Beachtliche Nutzungsvielfalt

Vielleicht mögen die Berliner das Flughafengelände auch deshalb so, weil es allen die Freiheit lässt, es nach Lust und Laune zu nutzen. Am Tempelhofer Damm fliegen die Hobbypiloten ihre Helikopter und Rennwagen. Auf der Start- und Landebahn rollen Skater, Radfahrer und Segway-Fahrer um die Wette. Griller machen sich auf den ausgewiesenen Flächen an ihre Würste. Dazwischen üben Baseballspieler, Windsurfer auf Skateboards, Hawaii-Tänzerinnen, Trommler und Frisbeewerfer. Selbst im Winter blasen Berliner im Schnee auf dem Saxophon, machen es sich Türkinnen auf dem Schlafsack beim Sonnenuntergang mit Shisha-Wasserpfeife gemütlich oder fahren Langlaufski.

Umgestaltung in Planung

In Tempelhof ist kein Spielplatz, kein Schatten, keine Bank – beschweren sich manche Familien. Das soll sich ändern. Die einen bedauern das, die anderen freuen sich darüber. 400 Hektar Fläche, davon 250 draußen, das will der Senat nutzen. Flugfeld-Fans halten dagegen, Berlin solle doch aus all den leerstehenden Bürogebäuden Wohnungen machen. Der Entwurf des schottischen Büros GROSS.MAX will den Park in Kreisform anlegen. Am Rande sollen Häuser hochgezogen werden sowie eine Landesbibliothek. Der Startschuss fällt mit der Kultivierung anlässlich der Internationalen Gartenbauausstellung 2017. Die ersten Bäume werden im Herbst 2013 gepflanzt. Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) sagt, "die Fläche ist ein Glücksfall für die Stadt", er hat vor, die Planungen nochmal genau zu prüfen. Eine Abgeordnetenhauswahl steht vor 2017 übrigens auch noch an.

Tempelhofer Feld

Columbiadamm 110
10965 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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