• Mittwoch, 09. August 2017
  • von Julia Stürzl

Intelligente Videoüberwachung am Südkreuz

Mehr Sicherheit durch mehr Überwachung?

  • Überwachungszone
    In blauen Bereich wird dein Gesicht mit biometrischen Kameras erfasst und mit der Datenbank abgeglichen. Foto: QIEZ - ©Julia Stürzl

Alles scheint wie immer am S-Bahnhof Südkreuz: Menschentrauben hasten vorbei, fahren mit den Rolltreppen auf und ab. Doch seit dem 1. August sind sie nicht mehr unbeobachtet – ihre Gesichter werden gescannt und mit Datensätzen abgeglichen.

Ob du wirklich richtig stehst, siehst du, wenn das Licht angeht! Derzeit ist der große Ausgang am S-Bahnhof Südkreuz in weiße und blaue Zonen eingeteilt – mit und ohne biometrische Gesichtserkennung. So können Passanten aktiv entscheiden, ob sie von einer intelligenten Kamera erfasst werden möchten oder nicht. Das Ziel: Mögliche Kriminelle entdecken, verdächtiges Verhalten erkennen und somit präventiv Verbrechen verhindern.

Die drei intelligenten Kameras am Südkreuz speichern bisher aber nur die Aufnahmen der 300 freiwilligen Testpersonen, alle anderen Gesichter werden sofort gelöscht. Dies ist zumindest das offizielle Versprechen der Initiatoren wie Bundesinnenministerium, Deutsche Bahn und Bundespolizei. Nicht von den Videokameras erfasst zu werden, gestaltet sich jedoch als ziemlich umständlich.

Die Zone ohne Gesichtserkennung umfasst nur einen schmalen weißen Streifen auf der linken Treppenseite und die aufwärts fahrende Rolltreppe. Wer mit der Rolltreppe zum Bussteig herunterfahren will oder muss, wird also automatisch gescannt: nur die Treppe bietet abwärts Anonymität . Um dann noch unbewacht zum Ausgang zu kommen, können Passanten nicht direkt zum Ausgang, sondern müssen einer weißen Linie folgen. Ohnehin ist das Farbsystem nicht sehr einprägsam, da auf beiden Flächen groß Gesichterskennung mit gleichem Videokamera-Logo abgebildet ist. Rot und gün wären außerdem viel einprägsamere Farben als blau und weiß, würden aber natürlich eine Wertung vorwegnehmen.


I spy with my little eye

Doch die meisten Leute scheint es nicht zu interessieren, ob sie überwacht werden. Niemanden sehe ich stutzen und auf die Bodenmarkierung gucken. Niemand geht absichtlich die linke Seite der Treppe hinunter. Eine Frau, die den schmalen unbewachten Streifen hinaufsteigt, statt die Rolltreppe zu nehmen, sagt: "Ich hab von der intelligenten Überwachung hier gehört, aber jetzt gar nicht mehr daran gedacht." Eine andere Dame frage ich auf der Rolltreppe nach unten, ob es sie störe, dass sie gerade eben überwacht wird. Ich erhalte die typische Antwort: "Ich habe ja nichts verbrochen, warum sollte mich das stören?"

Die meisten Berliner haben sich wahrscheinlich schon daran gewöhnt, dass im öffentlichen Raum fast immer eine Kamera auf sie gerichtet ist. Die Überwachung am Südkreuz geht aber einen Schritt weiter – manche befürchten, hin zum Überwachungsstaat. Deshalb führt das neue Projekt am Südkreuz zu heftigen Debatten zwischen Gegnern und Befürwortern: Zur Demo der Bewegung Freiheit statt Angst kam nur eine kleine Gruppe von Demonstranten. Kein Wunder: Laut einer FORSA-Studie vom Januar 2017 sprechen sich ganze 80 Prozent der Berliner für mehr Überwachungskameras aus. Das Bürgerbündnis für mehr Videoaufklärung und mehr Datenschutz will sogar um die 2000 neue Videokameras an 50 kriminalitätsbelasteten Orten in Berlin installieren.


Wie sinnvoll ist Überwachung?

Gesichtsscanner stören uns meist nicht sonderlich, da wir den Eingriff in unsere Privatsphäre nicht aktiv merken. Unser Gefühl sagt: Wir verlieren nichts, aber gewinnen sehr viel – nämlich das subjektive Sicherheitsgefühl. Objektiv gesehen ist genau das Gegenteil der Fall: Wir verlieren die Freiheit, uns unerkannt in der Öffentlichkeit zu bewegen, sowie das Recht auf Privatsphäre, gewinnen aber keine tatsächliche Sicherheit. Denn wir fühlen uns durch Überwachung sicherer, aber die Fakten sprechen eine andere Sprache: Zwar können Kameras bei der Aufklärung von Straftaten helfen, sie verhindern aber selten Delikte, wie eine Studie für Berlin oder London zeigt. Demnach ist in beiden Städten die Kriminalitätsrate durch mehr Kameras nicht gesunken.

Dies sagt auch die Datenschutzbeauftrage Maja Smoltczy zum Tagesspiegel: "Mehr Videoüberwachung führt jedenfalls nicht automatisch zu mehr Sicherheit, da sich insbesondere Terroristen (…) durch Videokameras nicht von ihren Taten abhalten lassen. Darüber hinaus könnten potentielle Täter sich durch eine vorhandene Videoüberwachung sogar noch angespornt fühlen." Sie empfiehlt stattdessen mehr Sicherheitspersonal auf den Bahnhöfen und warnt außerdem vor Identitätsraub durch biometrische Gesichtserkennung. Mögliche Gefahren dadurch sind laut Smoltczy ein illegaler Zugang zu fremden Onlinesystemen, Onlineeinkäufe auf fremde Kosten oder die Erstellung von Bewegungsprofilen.

 

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Wie geht es weiter?

Aber wie sieht die Situation nach der Testphase aus? Die Rechtslage für eine Ausweitung der biometrischen Gesichtserfassung ist noch nicht eindeutig geklärt, am Ende wird wohl das Bundesverfassungsgericht darüber entscheiden: Denn wenn die intelligente Videoüberwachung nach der sechsmonatigen Probezeit ausgereift ist, wird das System eine größere Datenbank brauchen, um Sinn zu machen.

Dann weiß das System beispielsweise in Sekunden, ob du vorbestraft bist. Und es erkennt sogar, ob du kurz davor bist, kriminell zu werden, weil du dich schon verdächtig verhältst. So sollen beispielsweise Taschendiebstähle vorhergesehen werden: Suspekt wäre etwa, ohne ein erkennbares Ziel hin- und herzugehen, nervös in der Gegend herumzustehen oder ständig um sich zu blicken – ungefähr so wie ich während meiner Recherche für diesen Artikel. Gut, dass das Projekt noch in der Probezeit ist.

 

Wer sich die Dystopie einer steigenden Überwachung der Bürger vorstellen will, sollte das Buch: Der Circle von Dave Eggers lesen.

Bahnhof Berlin-Südkreuz

General-Pape-Str. 1
12101 Berlin

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Quelle: QIEZ
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