Neues Buch

Zwischen Lust und Frust: Letzter Vorhang

Zwischen Lust und Frust: Letzter Vorhang
Die Volksbühne hat jetzt einen eigenen Shop namens "Books", viele interessante Theaterstücke und wird 100.
Ein Roman, so nah an der Volksbühnen-Realität, dass es weh tut? Michael Schindhelms Roman "Letzter Vorhang" legt Wunden offen: die der Berliner Kulturpolitik, eines Theaters und eines alternden Dramaturgen.

Zugegeben: Michael Schindhelms Roman Letzter Vorhang ist keine leichte Strandlektüre, dennoch solltest du dir das Buch sofort auf deine Must-Read-Liste setzen. Kritiker-Kollegen haben schon alles analysiert, was man hier herauslesen kann. Es ist sicher kein Zufall, dass Schindhelm, der als Intendant in Nordhausen, Gera und Basel tätig war, seinen Roman an einem Ostberliner Theater spielen lässt. Und auch der Clou, dass genau hier ein Intendantenwechsel stattfinden wird, ist für jeden halbwegs informierten Leser als Anspielung auf die Realität der Volksbühne leicht zu entschlüsseln. Wie viel Frank Castorf steckt in Schindhelms fiktivem Intendanten Hartung? Welches Gespräch fand wann wie wirklich statt?

Mut zu Gefühlen

Trotz dieses kulturellen Spaßes, der im Hintergrund wabert, wäre es unfair dem talentierten Autor gegenüber, den Roman darauf zu beschränken und ständig nur zu rätseln, ob es ein Pendant im wahren Leben zu dieser oder jenen Figur gibt. In erster Linie ist Letzter Vorhang ein gut geschriebener Roman über einen Intellektuellen, der eigentlich schon zu alt ist für seine Midlife-Crisis. Verlassen von seiner jüngeren Geliebten, droht er durch die Schließung seines Hauses nicht nur den Job als Dramaturg zu verlieren sondern komplett den Halt. Die reflektierte Erzählweise führt dich zudem in den Sog einer Theaterwelt, die den Zuschauern oft verborgen bleibt. Alkoholiker trifft man in der Kantine genauso häufig wie gescheiterte Existenzen, die nur noch auf der Bühne aufleben, Diven und Stars tummeln sich hier neben Machtmenschen und selbstverliebten Softies.

Die Liebesgeschichte, die wir durch die Erinnerungen des Protagonisten Matthias Pollack miterleben, ist überraschend anrührend… obwohl uns der Autor Pollacks unsympathisches Macho-Gehabe und seine Altmännerphantasien gegenüber dem jungen Mädchen nicht vorenthält. Ok, manchmal fällt es schwer, den stets analysierenden Charakter zu mögen, doch Schindhelms schonungslosen Beschreibungen von Pollacks gescheiterter Ehe, seinem merkwürdigen Mutter-Verhältnis und weiteren intimen Wahrheiten bringen ihn uns näher.

Ironische Hommage

Pollacks Lebensgeschichte ist eng mit dem Liebknecht-Theater verwoben, familiär, liebestechnisch und beruflich. Genau das macht das Buch interessant und holt es weg aus der Ecke Real-Satire, auch wenn die Kulturpolitik als tragendes Element sehr viel Raum einnimmt. Michael Schindhelm selbst bezeichnet seinen Roman als „ironische Hommage an den idealistischen Theaterbetrieb„, einen solchen hat er vor gut zehn Jahren verlassen, nachdem er sein Amt als Generaldirektor der Berliner Opernstiftung wegen mangelnder Finanzunterstützung des Landes niedergelegt hatte. Aus dem Streit Frank Castorf gegen Chris Dercon hält sich Michael Schindhelm übrigens raus. Der heute auch als internationaler Kulturberater tätige Autor kennt beide seit vielen Jahren und gesteht immerhin eine „gewisse Sympathie für das, was Chris Dercon vorhat“. Bevor jetzt alle wieder aufschreien: Lest das Buch, trauert der Castorf-Ära nach und seht, was Dercon bringen wird.  

Michael Schindhelms Roman „Letzter Vorhang“ ist im Verlag Theater der Zeit erschienen und für 19,50 Euro als Taschenbuch erhältlich.

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