Theaterstück Do's & Don'ts

Die (un)geschriebenen Regeln einer Hauptstadt

Die (un)geschriebenen Regeln einer Hauptstadt
"Freilufttheater" am Hermannplatz: die Zuschauer bleiben drinnen und beobachten die Stadt draußen.
Das Rimini Protokoll ist wieder einmal zurück – und wo dieses Theaterkollektiv ist, ist eine spannende Aufführung nicht weit! Im neuen Theaterstück "Do’s & Don’ts" fährt das Publikum mit einem LKW quer durch Berlin und seinen Regelsumpf.

Eine Busfahrt, die ist lustig… Allerdings nicht, wenn der Fahrer bei Rot über die Ampel braust. Achtung! Wozu gibt es denn Regeln in der Stadt? Ja, wozu eigentlich? Nach der Produktion Staat 1-4 zoomt das Rimini Protokoll etwas näher an die Gesellschaft heran und nimmt den Kosmos Stadt und dessen (un)geschriebenen Regeln unter die Lupe: Was geht, was geht nicht und worüber wagen wir nicht einmal nachzudenken? Die Zuschauer sitzen während der „Theateraufführung“ – klassisches Theater macht das postdramatische Kollektiv Rimini Protokoll selten – in einem ehemaligen Kühltransporter für Schlachtabfälle, der zum Theater-LKW samt Tribüne umgebaut wurde.

Die Schauspieler lernen wir erst einmal auf der Leinwand kennen: Ein Kind namens Dodo klärt uns über Sitten und Regeln am Theater auf und sagt gleich noch dazu: „Aber wenn die Rolle es verlangt, dann darf ich das eigentlich alles doch tun.“ Auch Popeln, was man ja vor anderen Leuten eigentlich nicht machen sollte. Ausnahmen bestätigen die Regel, dieses Motto zieht sich quer durch den Abend. In den Sonnenuntergang fährt uns Rudi, der eigentlich Spediteur ist, neben ihm sitzt die etwa 10 Jahre alte Dodo und leitet diesen großstädtischen Laborversuch mit einer für Kinder ganz untypischen Sachlichkeit. Über eine Kamera können wir den beiden in der Fahrerkabine zusehen.

Die Laienschauspielerin spielt ihre Rolle für die Premierenshow ganz anständig: etwas nervös, aber altklug und frech zur gleichen Zeit nimmt sie den Zuschauer für sich ein. Schnell wird klar: Dodo mag Regeln. Sie fungiert als eine Art Benimm-Dame und liest Rudi abwechselnd aus der StVO, dem Grundgesetz oder dem Buch Für jeden ist es wichtig, benimm dich richtig vor. Der gemütliche Rudi dagegen nimmt es mit den Regeln nicht so ernst, hat schon einige Punkte in Flensburg gesammelt und fährt auch mal über rote Ampeln, wenn er es eilig hat.

Eine Fahrt nach allen Regeln der Stadt. ©André Wunsdorf

Eine Fahrt nach allen Regeln der Stadt. ©André Wunsdorf

Das Leben schreibt die besten Theaterstücke

Plötzlich heißt es: Vorhang auf! Die Leinwand vor uns fährt nach oben und wir stehen mit dem LKW direkt vor dem Hermannplatz. Dort sehen wir Leute herumsitzen, vorbeispazieren und ihre Marktstände aufräumen: Die Stadt wird zur Bühne, die Passanten zu unfreiwilligen Statisten. Wir fragen uns, ob man uns in dem verspiegelten Truck sehen kann. Mitten auf dem Hermannplatz entdecken wir auf einmal Dodo, die uns erzählt, dass dieser laut Polizei ein sogenannter kbO, ein kriminalitätsbelasteter Ort ist. Doch dagegen kann man etwas tun, zum Beispiel eine Smart City bauen, in der alles geregelt, überwacht und viel sicherer ist.

Aber eigentlich leben wir schon selbst ganz schön smart. Wir nehmen die Route über eine Teststrecke für selbstfahrende Autos bis zum Südkreuz. Dorthin, wo ein Pilotprojekt mit intelligenten Kameras Gesichter analysiert und in Zukunft bei abweichendem Verhalten Alarm auslösen soll. Hier geht es um ungeschriebene Regeln der Gesellschaft, die zu Strafen führen können. Für mehrere Minuten regungslos rumstehen ist nämlich kein Verbrechen, löst aber Alarm aus. Hier wird schwingt subtil die Frage mit: wie viel Kontrolle verträgt die Freiheit?

Eine bezeichnende Szene ist ein Anruf von Dodo: „Eigentlich finde ich Videoüberwachung doch ganz gut, dann sehe ich, wenn du meine Süßigkeiten isst“, sagt sie. Ihr Bruder kommentiert: „Wow, das nenne ich mal ein gestörtes Vertrauensverhältnis.“ Auf diese Weise – Gesetze im Kleinen aufs große Ganze anwenden – wird im Theaterstück die ganze Komplexität von Regeln, Normen und dem Vertrauensverhältnis zwischen Staat und Bürger sichtbar. Während es clever anmutet, dass Dodo nach einem Punktesystem für gutes Verhalten ihr Taschengeld verdient, ist es eine Dystopie, wenn Bürger für gutes Verhalten belohnt, bei schlechtem bestraft werden. Übrigens gibt es so eine Art Punktesystem schon in China.

Die Stadt selbst spielt ihre Rolle bravourös, denn so schöne Zufälle kann man nicht planen: Kurz vorher über Rot gefahren, blinkt am Tempelhofer Damm ein Warnschild in wütenden roten Lettern auf – „Bußgeld fällig bei Überfahren einer roten Ampel“ – und als unser riesiges Gefährt in den engen Straßen Neuköllns angeblich einen Postwagen streift, belehrt der Postmann den Fahrer Rudi über Regeln, Recht und Fahrerflucht und ruft gleich die Polizei zur Einhaltung dieser Gesetze, während ungefährt 75 Zuschauer auf unbequemen Plastikstühlen sitzen und zusehen, wie das Theaterstück ein bizarres Eigenleben entwickelt.

Die Stadt als Theaterbühne. ©André Wunsdorf

Eine Fahrt nach allen Regeln der Stadt. ©André Wunsdorf

Wie viel Regeln erträgt die Freiheit?

Später begleitet uns Dodos große Bruder Jasper. Mit Skateboard unter dem Arm und schwarzem Farbstrich im Gesicht hat er die intelligente Gesichtserkennung am Südkreuz ausgetrickst. Unser Highlight ist, als Jasper Rudi dazu bringt, mitten auf den Tempelhofer Damm zu fahren und, die Straßenregeln missachtend, einfach quer auf der Fahrbahn stehen zu bleiben. Einfach nur um zu gucken, wie lange es dauert, bis sich ein Autofahrer aufregt: ungefähr drei Minuten. Über das Tempelhofer Feld dürfen wir leider nicht fahren, aber man kann dort joggen, hier kiten, da grillen . Die Gesetze sind überall. Können wir überhaupt noch frei sein innerhalb dieser engen „Zwangsjacke“?

Nach über zwei Stunden voller Eindrücke und vielen Kilometern endet die Fahrt. Wir sehen auf der Leinwand, wie uns der vielleicht 14-Jährige Jasper die letzten Meter im LKW zurückfährt. Manche würden sagen: Das macht man nicht. Jaspar würde sagen: Scheiß auf die Regeln.

Die weiteren Termine für das Stück findest du auf der Website des HAU, allerdings gibt es nur noch Karten an der Abendkasse.

Hebbel am Ufer - HAU 1, Stresemannstr. 29, 10963 Berlin

Hebbel am Ufer - HAU 1

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