"Peer Gynt"-Inszenierung an der Schaubühne

Wo Lars Eidinger alle Tabus bricht

Lars Eidinger als Peer Gynt an der Schaubühne
Irgendwas zwischen Joker und Scream: Eidingers selbstgemachtes Make-up.
Lars Eidingers Penis, ein Dreier und Fleischwurst-Cocktail: Die neue "Peer Gynt"-Inszenierung von John Bock an der Schaubühne hebt Performance-Theater auf ein neues Level.

Die Vernunft ist tot steht in großen, schwarzen Lettern auf dem Banner über dem Eingang der Schaubühne. Das Zitat aus dem Drama Peer Gynt könnte als Warnung zu verstehen sein, für alle, die sich Karten für den ausverkauften Saal B ergattert haben. Dort wird Henrik Ibsens Taten-Drang-Drama als Neuinszenierung von John Bock und Lars Eidinger aufgeführt. Wir haben uns das Monodrama angesehen, das Performance-Kunst auf ein neues und absurd exzentrisches Level hebt.

Realitätsflucht für einen Abend

Worum geht es? Das Gedicht Peer Gynt von Henrik Ibsen aus dem Jahr 1867 handelt von einem norwegischen Bauernburschen aus ärmlichen Verhältnissen, der als Meister des Fabulierens mithilfe von abstrusen Lügengeschichten in eine märchenhafte Welt abtaucht und sein eigenes Selbst immer wieder neu erfindet. Die Schaubühne inszenierte das Drama bereits 1971 und wurde im Rahmen dessen von der ZEIT als „interessanteste und beste deutschsprachige Bühne“ betitelt.

Die aktuelle Aufführung hat mit der Interpretation von damals wohl nur noch die Textstellen Ibsens gemeinsam. Denn die Neuinszenierung des Konzeptkünstlers John Bock wird schon in der ersten halben Stunde dafür sorgen, dass Zuschauer*innen vorzeitig den Saal verlassen. Bocks Arbeiten sind bekannt dafür, Grenzen und festgefahrene Kategorien nicht nur zu übertreten, sondern sie weit hinter sich zu lassen. Zusammen mit Lars Eidinger hat er Ibsens Text umgesetzt und nennt das Projekt „eine Mischung aus Theater, Bildender Kunst und Performance“.

 

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Ein Beitrag geteilt von Lars Eidinger (@larseidinger) am Feb 11, 2020 um 1:29 PST

Berlins Antwort auf den Joker

Während die Zuschauer*innen den Saal betreten, läuft eine Live-Schaltung in Eidingers Garderobe, wo er – das Gesicht frontal auf die Kamera gerichtet – in Eigenverantwortung das Make-Up übernimmt: Eine Mischung aus Joker und Scream-Maske. Nach einigen Minuten beginnt er, das Gedicht Der Theaterkommunist von Bertolt Brecht zu zitieren. Die Leinwand verdunkelt sich und eine Theatermitarbeiterin verkündet, dass Eidinger sich am Nachmittag bei der Probe einen Finger abgeschnitten habe und deshalb nur unter dem Einfluss starker Schmerzmittel spielen könne. Ein entsetztes Stöhnen geht durch den Saal. Klassischer Eidinger-Move.

Er betritt die Bühne mit Gottschalk-Gedächtnis-Perücke und beginnt mit einem Monolog aus dem Originalwerk. So werden sich die nächsten 2:15 Stunden füllen: Ein Monolog in Abwechslung mit, vorsichtig ausgedrückt, bizarren Performancekunst-Elementen. Eine Pause gibt es verständlicherweise nicht, denn Eidinger läuft während der Darbietung zur Höchstform auf und spielt sich immer weiter in die Rolle, bis es so scheint, als habe er alles um sich herum vergessen und sei komplett mit der Figur verschmolzen. Die meisterhafte Schauspielleistung erinnert an unvergessene Darbietungen Klaus Kinskys.

Pornographie trifft auf Clownselemente

Gleich in der ersten halben Stunde trumpft Eidinger mit einer Nummer auf, die dem Publikum einen authentischen Ausblick auf den Rest des Abends gewährt: Auf einer Leinwand, die aus Unterhosen zusammengenäht wurde, wird ein größtenteils unzensierter Pornofilm mit drei jungen Frauen eingeblendet. Während diese heftig zur Sache gehen, zieht Peer Gynt einen Green Screen auf die Bühne und lässt sich per Kameratechnik in den Streifen projizieren. In den nächsten Minuten ist ein splitterfasernackter Eidinger zu sehen, der sich unter vollem Körpereinsatz an den Aktionen auf der Leinwand beteiligt und den Screen auf dem Höhepunkt der Szenerie quasi penetriert. Da wenden einige Zuschauer den Kopf ab, andere verlassen das Theater ganz. Und auch unsere Nachbarn fragen sich: „Was soll der Scheiß?“

Was noch passiert?! Eidinger suhlt sich in grüner Farbe, rülpst Kerzen aus und trinkt einen selbstgemixten Cocktail aus Pizza, Milch, Bier, Bohnen und Fleischwurst. Mehr als einmal kommt die Frage auf, was sich Regisseur und Hauptdarsteller wohl gedacht haben oder ob es vielleicht nur darum ging, möglichst Abgedrehtes auf die Bühne zu bringen.

Welche Botschaft steckt dahinter?

Das mögen sich wahrscheinlich einige gefragt haben und die Intention vieler Umsetzungen können wahrscheinlich nur die Beiden erklären. Ohne Studieren des Originalwerkes mag es zudem schwer fallen, den Zusammenhang zwischen Text und Realisierung nachzuvollziehen. Und obwohl die Darbietung an Exzentrik kaum zu überbieten ist, gelingt es dennoch, Versatzstücke aus Ibsens Gedicht einzubinden und eine Kritik an modernen Auswüchsen wie der Finanzbranche oder auch Einzelpersonen (Donald Trump oder Kanye West bekommen ihr Fett weg) auszuüben.

Eidinger, während des ganzen Stücks tief in seiner Rolle versunken, spielt, als gäbe es keinen Morgen. Gierig nach der Aufmerksamkeit betritt er auch nach Ende der Vorstellung, als schon fleißig geputzt und aufgeräumt wird, noch einmal die Spielfläche. Er plaudert mit dem Publikum, begrüßt Freunde und trällert ein paar Töne ins Mikrofon. Wem es vorher noch nicht bewusst war, hat es spätestens nach diesem Abend begriffen: Die Lars-Eidinger-Show geht über das Schauspiel hinaus. Der Mann wurde für den großen Auftritt geboren und Peer Gynt wird bestimmt nicht das letzte Projekt sein, das Kritiker*innen schockiert und für hitzige Diskussionen sorgt.

Wenn du neugierig auf das Stück geworden bist, besuche die Seite der Schaubühne. Dort wird der Spielplan für April veröffentlicht, dessen Vorverkauf am 2. März um 11 Uhr startet. Erfahrungsgemäß sind die Karten schnell vergriffen.

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, 10709 Berlin

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