• Freitag, 18. Oktober 2013
  • von Kevin Grünstein

Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt

Das koloniale Herz der Finsternis

  • The Unfinished Conversation, 2012
    Eindrückliche Bilder im dunklen Raum. Hier: The Unfinished Conversation. Foto: externe Quelle - ©Jakob Hoff/Haus der Kulturen der Welt

Tiergarten - Die inszenatorisch bedrückende Ausstellung "After Year Zero" im Haus der Kulturen der Welt beschäftigt sich mit der jahrhundertelangen Kolonialgeschichte Afrikas. Bis heute sind die Verzahnungen, das vormalige Herrscherverhätlnis zwischen Afrika und Europa spürbar.

Es geht darum, die Wahrnehmung auf den afrikanischen Kontinent zu verändern. Es geht darum, Afrika nicht als geschlossenes System, als irgendwie Fremdes, als phantasieanregenden Exoten zu mystifizieren. Afrika ist nicht die Projektionsfläche eines "Herzen der Finsternis", wie Joseph Conrad 1901 einen bösartig schwarzen Kontinent beschrieb. Und ironischerweise ist es gerade die bedrückend schwarze Inszenierung von "After Year Zero", die dies verdeutlicht.

Statt des großen Saales, wie er sich normalerweise hinter den Durchgangstüren auftut, erwartet einen ein zerhackter Raum. Riesige Videoinstallationen und vereinzelte Tische mit Dokumentenmaterial zerteilen den Saal in ungeordnete Segmente. Dazu ist noch der Boden in große schwarze Raster aufgegliedert, die immer wieder von Schlangenlinien durchbrochen werden. Die Fensterfront ist abgedunkelt, der Raum düster. Im Hintergrund redet eine unterkühlte Frauenstimme in hartem Englisch, sie klingt wie Nico von The Velvet Underground. Keine exotische Stammesmusik macht überdeutlich, dass es sich um eine Ausstellung über Afrika handelt. Im Haus der Kulturen der Welt findet keine Touristenattraktion statt. Statt buntem Suaheli-Kitsch herrscht finsterer Minimalismus, der sich aber nicht dem Finsternismythos eines Conrad bedient, sondern audiovisuell die bedrückenden Inhalte der Ausstellung widerspiegelt.

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"After Year Zero" macht nämlich nicht weniger, als anhand einer schwer zählbaren Kette von historischen Situationen und Personen die Verknüpfungen zwischen Afrika und dem Rest der Welt aufzuzeigen. Dem Rest der Welt? Sprechen wir aus wie es war, wie es ist: den zumeist europäischen Kolonialmächten, denen die Länder Afrikas politisch in den 50er Jahren zu entrinnen begannen, obwohl sie sich bis heute noch in verschiedenen wirtschaftlichen Abhängigkeiten befinden. Da machen sich die Lichtblicke auf große postkoloniale Denker wie Stuart Hall rar. Sie wirken nicht deplatziert, aber es wird kein Zusammenhang erkennbar zwischen diesem aktiven Self-Improvement von schwarzen Künstlern, der Black Panthers, der Intellektuellen einerseits und den imperialistischen Politikakteuren andererseits. Vielleicht ist gerade die soziologische Theorie um Hall zu einnehmend, zu weit für diese Ausstellung, vielleicht will "After Year Zero" zu viel. Die Kolonialgeschichte pointiert aufzeigen, das funktioniert jedenfalls.

So berichten Dokumente von der Zuspitzung der Arbeiten am Suezkanal im 19. Jahrhundert hin zur politischen Krise 1956. An einem anderen Tisch wird die Bedeutung des Ausstellungstitels deutlich: 1945. Ein symbolisch gezogener Schnitt, der Bruch des Westens mit seiner Geschichte, hat Afrika als gleichberechtigten Akteur nicht eingebunden. Was aber vor allem nach diesem Jahr Null 1945 geschehen ist, zeigt "After Year Zero" auf: Videoinstallationen über Alltagsimperialismen, einen Bankier der Fotos von afrikanischen Frauen sammelte, den Italienfeldzug zur Angliederung Äthiopiens, Nicolas Sarkozy.

Dass das Jahr Null nie erreicht ist, zeigt ein Video auf dem Ausstellungstisch im Foyer neben der Kasse: Der ehemalige französische Staatschef Nicolas Sarkozy spricht darauf seine "Das Problem Afrikas"-Rede von 2007. Er zeichnet das stereotype und ahistorische Bild eines Afrikas aus Bauern und Heiden - das somit rückständig und selbst Schuld sei an seiner wirtschaftlichen und politischen Misere. "After Year Zero" spannt also den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, bleibt inszenatorisch bedrückend kolossal und inhaltlich anti-kolonial. Mit ohnmächtiger Wut verlässt man das finstere Herz im Haus der Kulturen der Welt.

"After Year Zero - Geografien der Kollaboration seit 1945" findet noch bis zum 24. November statt. Mehr Infos gibt es hier.

Haus der Kulturen der Welt

John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin

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Quelle: QIEZ
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