Durch den Kiez

Tom Lass: "Wir sind die Kiezwärter"

Tom Lass:
Regisseur Tom Lass lebt bereits seit acht Jahren im Weserkiez. Sein liebstes Hobby: Überall raufklettern. Zur Foto-Galerie
Er hat eine Schwäche für große Maschinen und Improvisation ist sein Steckenpferd: Wir waren mit dem Regisseur Tom Lass in Neukölln unterwegs. Gemeinsam geht es in den Weserkiez, wo wir auch was von Tom wiederfinden ...

Das Freudenreich in der Sonnenallee 67 war für Tom Lass oft die letzte Station beim Feiern. Getreu dem Motto: Ein Absacker geht noch. Irgendwann ging es für den 34-Jährigen auch hinter den Tresen. Allerdings nicht lange, denn die nächtlichen Arbeitszeiten gingen ihm an die Substanz. Mittlerweile hat die kultige Kneipe mit Tanzfläche zugemacht. Für Tom ein echter Verlust: „Tanzen ist in Neukölln dadurch etwas schwer geworden, was sehr traurig ist.“

Nur wenige Ecken weiter liegt das Wolf Kino – die erste Station auf unserer Tour durch den Weserkiez. Der junge Regisseur hat gemeinsam mit seinem Bruder Jakob Lass (Tigergirl) das kiezige Kino beim Aufbau unterstützt. Neben dem Filmangebot schätzt Tom hier besonders den japanischen Lunch, den wir uns heute auch gönnen.

Abhängen im Wolf Kino, also wortwörtlich...

Während wir an unseren Edamame knabbern, erzählt uns Tom, dass er eigentlich Programmierer werden wollte. Eher per Zufall kam er mit 15 Jahren zur Schauspielerei. Eine seiner ersten Rollen hatte er in der deutschen Teenie-Komödie Harte Jungs. Ab 2005 arbeitete er auch hinter der Kamera und vier Jahre später erschien sein erster improvisierter Low-Budget-Film Papa Gold. Der entstand vor allem im Prenzlauer Berg. Tom erklärt: „Hauptdrehort war die Wohnung des Kameramanns. Der wusste bis zuletzt nur von einer Szene, es wurde dann aber der ganze Dreh (grinst).“

„Ich will mich lieber auf die Realität einlassen“

Spontan und unerwartet – diese Attribute gehören zu Toms bevorzugter Arbeitsweise der Improvisation dazu. Für seine ersten beiden Filme hat er nur eine halbe Seite Drehbuch geschrieben. „Mich interessiert, was ich nicht bestimmen oder vorhersehen kann. Manchmal bin ich davon überrascht, was herauskommt, und denke mir aber dann, wahrscheinlich wollte ich das so. Es ist ein absichtliches Zufallsprodukt. Ich will mich lieber auf die Realität einlassen, als eine Fiktion umsetzen zu wollen.“

Apropos Realität, wir ziehen weiter Richtung Weigandufer. Dort befindet sich an der Ecke das Café Zimt & Mehl, wo sich Tom gerne zum Frühstück trifft. Hier erinnert er sich an einen kuriosen Vorfall: Ein Mann bettelte Gäste an, als er dann ein paar Euro zusammen gesammelt hatte, ging er zur Brücke und schmiss das ganze Geld ins Wasser. „Ich dachte erst, es wäre eine Kunstaktion. Solche Geschichten mag ich einfach.“

Sein aktueller Streifen Blind und Hässlich trägt ein Funken dieser Story in sich: Schließlich agieren die Figuren darin auch gerne mal gegen jede Erwartung: Paradebeispiel sind die verrückten Polizisten, die mit ihrer Dienstwaffe einfach auf offener Straße rumfuchteln. Tom selbst spielt darin den psychisch labilen Ferdi, der sich für hässlich hält. Sein sehnlichster Wunsch: Eine Freundin finden. Das ist mit den ganzen Selbstzweifeln natürlich mehr als schwierig, doch dann tritt die blinde Jona in sein Leben.

In Blind und Hässlich heißt Blind sein, nicht, dass alles anders laufen muss, als in dem Leben von Sehenden. Liebeskummer bleibt nun mal Liebeskummer. Die bestehenden Unterschiede werden genutzt, um den Alltag von blinden Menschen zu beschreiben. Besonders erfrischend: Anderssein, egal ob Blind oder mit psychischen Problemen – ist weder nur Handicap noch das einzige Merkmal der Figuren. Vielmehr haben alle Figuren Raum, um sich zu entwickeln und lassen sich so auch nicht auf Archetypen wie den Antagonisten oder den Held festlegen. Selbst die Rachefeldzüge des Rowdys Björn bleiben nachvollziehbar. Unser Fazit: Unbedingt ins Kino gehen, denn dieser Film ist etwas für Herz, Kopf und Lachmuskel.

Für den Dreh mit blinden Darstellern verbrachten Tom und sein Team längere Zeit mit Recherche, schließlich „ist jeder am Anfang ein bisschen schüchtern oder hat Angst in ein Fettnäpfchen zu treten.“ Gelernt hat er zum Beispiel, dass blinde Menschen dazu tendieren einfach ihre Hand bei der Begrüßung einem entgegenzustrecken, damit Sehende ihnen die Hand schütteln können.

Aber auch die Arbeitsweise war bei Blind und Hässlich nicht ganz so wie bei früheren Projekten. Da Tom mit dem kleinen Fernsehspiel des ZDF zusammenarbeitete, musste mehr auf Papier fixiert werden. Seinen Schauspielern zeigte er das Geschriebene nicht, um sie nicht einzuengen. Er selbst hatte natürlich dadurch die Szenen schon detailliert im Kopf – gerade das will er bei der improvisatorischen Arbeit aber vermeiden. Ein Dilemma, was ihm die Arbeit daran erschwerte. „Filme machen ist so anstrengend, ich würde es ja lassen, aber irgendeiner muss es machen“, sagt Tom gequält aber mit schelmischem Blick.

Mit seinem Bruder wacht er über den Kiez

Wir sind mittlerweile entlang des Landwehrkanals unterwegs. Vor uns eine Tischtennisplatte, auf die sich Tom gleich gekonnt aufschwingt. Für ihn ist Tischtennis ein sogenannter Bücksport, da man sich mehr bückt als spielt. „Ich bin sehr gut im Tischtennis, aber ich gewinne nie“, scherzt er. Mehr nach seinem Gusto ist eine Partie Schach oder Bouldern.

Hat den Schalk im Nacken: Tom lässt beim Tischtennis lieber andere gewinnen.

Als er so auf der Tischtennisplatte thront, sagt Tom weiter: „Das ist unser Kiez. Mein Bruder und ich sitzen oft hier mit unseren Freunden zusammen und gucken, dass alle Spaß haben und dass es allen gut geht. Wir sind die Kiezwärter.“ Neukölln ist schon ganze acht Jahre die Wahlheimat des in München geborenen Regisseurs. In Berlin lebt er allerdings seit zwölf Jahren. Zuvor wohnte er unter anderem eine Zeit lang in einer WG in Charlottenburg.

Sein Neukölln-Wissen ist natürlich beachtlich: Toms kulinarischer Tipp, unbedingt die Knödelwirtschaft testen. Freunde von Freunden haben das Restaurant eröffnet, wo es laut Tom köstliche herzhafte und süße Knödel gibt. Früher haben die Gastwirte die Knödel in der eigenen Wohnung auf einer ausgehängten Tür als Tisch serviert, erinnert sich Tom. Auch einen Test wert ist für ihn das Chutnify in der Pflügerstraße.

Es geht weg vom Kanal und rein ins Herz der Weserstraße: Und da finden wir auch Toms Roller wieder, den er die Nacht zuvor lieber stehen gelassen hat. „Den Straßenverkehr nehme ich sehr ernst. Ich lebe für die STVO,“ sagt der Mann mit aktueller Vorliebe für orangefarbene Kleidung. Selbst bei Wind und Wetter ist er mit Roller unterwegs, und wenn er den eigenen nicht dabei hat, steigt er auch gerne mal auf die Miet-Variante um.

Bei einem Radler vom Späti denkt der 34-Jährige an seine Ankunft in Neukölln zurück: „Damals gab es nur ein paar Eckkneipen und das Ä. Die Weserstraße ist mittlerweile explodiert.“ Das ist für Tom Fluch und Segen, denn neue Läden haben es bei ihm nicht leicht. „Ich bin erst skeptisch und feindselig, bis ich es ausprobiert habe und mich dann überzeugen lasse.“

„Mama, ist das der Baggerfahrer?“

Wir schlendern noch etwas die Weserstraße entlang, als Tom einen Bagger entdeckt. Sofort fangen seine Augen an zu leuchten, witziger Weise geht es einem kleinen Jungen neben uns genauso. Der fragt seine Mutter sogar: „Mama ist das der Baggerfahrer?“ Tom freut sich sichtlich, dass er jemanden von seinen Baggerfahrer-Qualitäten überzeugen konnte. „Ich bin Onkel, da bin ich öfter auch Ritter oder Feuerwehrmann,“ erklärt Tom.

Bagger sind schon was Tolles, findet Tom. Ob der Schlüssel passt?

Passender Weise würde Tom gerne mal einen Mittelalter-Impro-Film oder einen Sci-Fi drehen. Wir können uns auch eine Mischung aus beiden vorstellen und bedanken uns bei Tom für den schönen Nachmittag. Er geht dann doch zu Fuß seiner Wege und der Bagger bleibt stehen.

Blind und Hässlich läuft seit 21. September im Kino. Du kannst den Film unter anderem im Wolf Kino, im Moviemento oder Lichtblick-Kino sehen. Am 22. September ist Tom Lass auch im Wolf vor Ort, um mit Interessierten über seinen neuen Film zu sprechen. Toms Vorgänger-Werk KAPTN OSKAR kannst du übrigens auch auf Netflix streamen.

Foto Galerie

Wolf Filmhaus, Weserstraße 59, 12045 Berlin

Telefon 030 921039333

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Café und Bar:
Täglich ab 10:00 Uhr

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