Tourismuskonzept 2018+

Weniger Party, dafür mehr Kiez!

Weniger Party, dafür mehr Kiez!
Raus in die Außenbezirke: Einheimische fühlen sich vom Lärm und Müll der Party-Touristen belästigt.
Ein neues Berliner Tourismuskonzept setzt auf Klasse statt Masse und will Besucher in die Randbezirke locken. Ist jetzt Schluss mit "arm aber sexy"? Und wie soll städteverträglicher Tourismus überhaupt aussehen?

Brandenburger Tor, Reichstag oder Alexanderplatz? Alles uninteressant! Berlins wahres Wahrzeichen ist lange schon das Berghain. Wochenende für Wochenende reisen Scharen von Party-Touristen in die Hauptstadt, um Teil von Berlins berüchtigtem Nachtleben zu werden. Dass es da zwischen Kotti und Warschauer Straße gerne mal laut, dreckig und chaotisch werden kann, ist nichts Neues mehr.

Das soll sich nun ändern. Nach dem Motto „Klasse statt Masse“ hat Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von den Grünen nun ein neues Tourismuskonzept vorgestellt, das stärker auf Kultur- und Qualitätstourismus setzt. Damit die Besuchermassen als wichtiger Wirtschaftszweig weiterhin von den Berlinern akzeptiert werden, soll nicht nur das anreisende Partyvolk reduziert, die Gäste sollen auch mehr über die Stadt verteilt und vor allem in die Randbezirke gelenkt werden. „Die Vielfalt Berlins findet sich in den Kiezen, in den Bezirken – diese Potenziale sollen künftig stärker in den Mittelpunkt gerückt werden“, so Ramona Pop, als sie letzte Woche das Konzept mit dem Titel 2018+ vorstellte.

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Nov 23, 2017 um 12:48 PST

Köpenick statt Ku’damm

Englischsprechende Rollkofferhorden, die also nicht über den Alex schlendern, sondern durch das bäuerliche Reinickendorf ziehen? Sonntägliche Ausflüge auf der Pfaueninsel in Zehlendorf statt Afterhour im Kater und Teenies, die durch Köpenicks Altstadt flanieren statt mit braunen Primark-Tüten über den Ku’damm hetzen? Mit welchen konkreten Maßnahmen das Konzept umgesetzt werden soll, ist dabei noch nicht klar. Und seien wir mal ehrlich: Würden wir bei unserem nächsten Städtetrip nach Paris, den wir dank Billig-Airlines wie EasyJet für 39 Euro sogar Last-Minute buchen können, auf Touristenmagnete wie die Champs-Elysées, Notre-Dame und den Eiffelturm verzichten? Wohl kaum!

Dass Berlin als Partyhauptstadt und Hipster-Metropole Karriere gemacht hat, ist kein Zufall. In keiner anderen Metropole kann man billiger und exzessiver feiern als hier. Aber es spricht auch nichts dagegen, unseren Besuchern die Schönheiten Lichtenbergs oder Reinickendorfs ans Herz zu legen. Auch Spandau ist mehr als nur Zwischenstation des ICE und Ausflugsziel der Ikeaner. Mit der U7 muss das Neuköllner Jogginghosen-Klientel nicht einmal umsteigen, um an heißen Sommertagen an die kühle Havel zu fahren. Und auch das „szenefreie“ Terrain in Pankow, mit all seinen Pferdekoppeln, Kleingartenkolonien und Naturschutzgebieten, zieht die wirklich interessanten Menschen und Künstler der Stadt an.

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Fraglich bleibt aber dennoch, wie eine solche Lenkung der Touristen umgesetzt werden kann. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat bereits entschieden, ab Mai ein nächtliches Ausschankverbot für Bars und Kneipen auf der Simon-Dach-Straße einzuführen. Ob dadurch die Touristen in andere Kieze abwandern werden, wird sich zeigen. Erfolg wird das Tourismuskonzept von Ramona Pop mit Sicherheit nur haben, wenn der Bau weiterer Hostels und Ferienwohnungen an den Hotspots verhindert wird und wenn statt den zahlungskräftigen Touristen noch mehr zu bieten, mehr auf die Bedürfnisse der Anwohner eingegangen wird.

Berghain Club, Am Wriezener Bahnhof , 10243 Berlin
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