• Freitag, 22. Juni 2012

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park

Trauern lernen

  • Ehrenmal
    Die Statuen am Ehrenmal im Trepwtower Park wachen über die Rotfrontarmisten, die zu ihren Füßen liegen. Foto: dapd - ©Berthold Stadler/dapd

Entdecken Sie ein Stück Berliner Geschichte. Der Treptower Park wurde bei seiner Gründung als ungezwungener Park für Berliner Bürger angelegt. 1949 wandelte er sich zum Friedhof und Denkmal. Tagesspiegel-Redakteur David Ensikat erinnert sich, dass er nicht immer freiwillig dort war.

Da kann kommen, wer will. Am besten von allen Männern sieht einer aus, der schon seit über 50 Jahren im Treptower Park rumhängt. Sein bronzener Körper steht auf einer kleinen Anhöhe. Er trägt in der einen Hand ein Schwert, in der anderen ein Kind. Er gehört zu den Ehrenmälern, die in die Stadt gepflanzt wurden, nachdem die Sowjetunion den Weltkrieg gewann. Sie richteten einen Friedhof für 5000 ihrer Soldaten ein. Nun liegen sie unter der ehemaligen Spielwiese, auf der sich Deutsche in Trauer und Bescheidenheit üben und für die Befreiung erkenntlich zeigen sollten. So ist das Kind nicht nur zu jung, um Nazi gewesen zu sein, sondern auch ein Neubeginn.

Warten üben im blauen Hemd

In den achtziger Jahren war ich gerade in meiner Phase senkrecht stehender Haare und hörte nur Musik aus dem feindlichen Lager. Zu dem Zeitpunkt besuchte ich eine Schule am Treptower Park und wurde für groß genug befunden, eine riesige Fahne zu tragen. Einmal hieß es: FDJ-Hemd überziehen und ab zum Festakt am Ehrenmal!

So liefen wir aus der Schule, vor allen Leuten im blauen Hemd der Vereinigung, die sehr den Vorstellungen der alten Politiker entsprach, aber so gar nicht den unseren. Das setzte dem Ganzen die Krone auf: Wir mussten gigantische Fahnen tragen, die im Partnerlook mit uns um die Wette glänzten. Dann mussten wir damit zu Füßen des Soldaten stehen bleiben – zwei Stunden, oder weniger? Es kam uns unendlich vor.

Es wehte ordentlich, uns war kalt und die Fahnen wurden immer schwerer in unseren Händen. Das einzige, was uns bei Stange hielt, war der Gedanke, womöglich samt Fahne, Bluejeans und Föhnfrisur die Treppen herunterzukullern und uns noch lächerlicher zu machen. Man konnte sich nur aufmuntern bei dem Gedanken, dass dieses Beine-in-den-Bauch-stehen für uns alle unumgänglich und jeder in der Gewissheit dessen war. Die Versprechen, die Symbolik, die sich um diese Veranstaltungen rankten, selbst die Gräber, die unter unseren Füßen lagen – das sagte uns nichts über Faschismus oder Antifaschismus.

Grabmalspflege

Das Ehrenmal hat die Jahre überdauert. Es sieht viel gepflegter aus, da der Kapitalismus mit seinem Faible für äußerlich demonstrierten Reichtum über die Anlage wacht, statt eines kleinen sozialistische Satellitenstaats. Seit 22 Jahren hat das neue Deutschland die Aufgabe der Grabpflege übernommen. Möglicherweise ist das das letzte Überbleibsel deutscher Pflichterfüllung gegenüber den Russen, das noch vom Krieg herrührt.

Wo sonst ist weithin sichtbar, dass dieser Krieg gegen Russen geführt wurde, dass sie ihn an dieser Stelle beendeten, dass sie davon die meisten Qualen zu ertragen hatten? Die strengen Formen, die überlebensgroße Darstellung von Sieg und Trauer: daran kommt man schwer heran. Wenn aber jemand freiwillig hier ist, stellt er sich vielleicht eine Frage: Wozu das Ganze? Was will ein Denkmal mehr, als solche Fragen aufzuwerfen?

Wozu ist ein Denkmal da?

Heute sitzen ein paar Punks neben dem Gräberfeld, ihr Bier liegt daneben auf dem Hang. Die machen sich bestimmt mehr einen Kopf über diesen Platz, als wir es einst in unseren blauen Hemden taten. Radler, in ihre sporttypische Tracht gepresst, werden von einem Ordnungshüter zum Laufen bewegt, "weil das hier ein Friedhof ist" und fragen sich: "Ein Friedhof?" Das ist doch zumindest eine Reaktion. Schautafeln erhellen den Werdegang des Denkmals in Bild und Schrift. Eines der Bilder zeigt junge Leute in blauen Hemden mit Achtzigerjahre-Föhnfrisuren, wie sie riesige Fahnen am Fuße des Denkmals schwingen. Bin ich dabei? Möglich wär es, schließlich hatte man solche für die Politiker so wichtigen Veranstaltungen alle Nase lang.

Bei einem Ausflug in die Hauptstadt "mal etwas Anderes" mitzubekommen, ist nicht so leicht. Der Treptower Park fällt aber noch in diese Kategorie. Übrigens war selbiger Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als Volkspark errichtet worden. So war er einer der ersten Parks, in denen man spielen oder sich gemütlich hinsetzen konnte. Das Denkmal der Russen ist auf der größten freien Fläche gelandet. Es mag keine ästhetische Zierde sein, ist aber ein wichtiger Ort, um sich die Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen. Touristen wollen die Mauer sehen und sind unglücklich über die mickrige Ausbeute. Im Treptower Park erschlägt einen die Vorgeschichte beinahe.

Adresse

Am Treptower Park
12435 Berlin

Entdecke deinen Kiez mit unserer Karte! aufklappen

 
Quelle: Der Tagesspiegel
Möchten Sie einen Beitrag schreiben oder eine Bewertung vornehmen?
Weitere Artikel zum Thema "Wohnen & Leben"

Wohnen & Leben

Beschissene Beete: gegen die Neu-Berliner-Spießigkeit

Beschissene Beete: gegen die Neu-Berliner-Spießigkeit

Berlin ist eine Großstadt mit allem, was dazu gehört: Dreck, Lärm und … mehr Berlin

Familie

Endlich geht es in Berlin rund: Karls Achterbahn

Endlich geht es in Berlin rund: Karls Achterbahn

Für die meisten ist es immer noch der Erdbeerhof vor den Toren der Stadt, … mehr Berlin

TOP-LISTEN

Top 5: Ungehypte Lieblingsorte in Treptow

Top 5: Ungehypte Lieblingsorte in Treptow

Treptow feiert gerade 450. Geburtstag. Grund genug, über unsere … mehr Treptow

Wohnen & Leben

Dein Urlaubsplaner für die Brückentage

Dein Urlaubsplaner für die Brückentage

Die erste gute Nachricht ist, dass jeder Feiertag 2018 auf einen Werktag … mehr Berlin

Wohnen & Leben

Darum ist der Teutekiez am schönsten

Darum ist der Teutekiez am schönsten

Oderberger Straße, Kastanienallee und Weinbergspark kennt doch eigentlich … mehr Mitte, Prenzlauer Berg

Grünes Berlin

Diese Insel ist noch lange nicht out!

Diese Insel ist noch lange nicht out!

Die Pfaueninsel hat Besucher verloren. Viele Besucher. Wir konnten uns … mehr Zehlendorf

Artikel versenden

Geben Sie hier die E-Mail-Adresse des Empfängers ein (z.B. name@xyz.de).
Mehrere Empfänger werden durch Kommata getrennt.

* Pflichtfelder

Hast Du bereits ein QIEZ-Benutzerkonto? Melde Dich hier an.

ODER
Falls Sie sich mit Ihrem Facebook-Konto auf Qiez.de registriert haben, klicken Sie auf den nebenstehenden Button, um sich mit Ihrem Facebook-Konto anzumelden.

Passwort zurücksetzen