Interview mit UDK-Alumnae

So sieht die Mode junger Berliner Designer aus

So sieht die Mode junger Berliner Designer aus
Die Modedesignerinnen Lisa Mann (l.) und Hagar Rieger erteilten den "Euro Fashion Awards" eine Absage, uns zeigen sie ihre Kollektionen.
Sie spielen mit den Vorstellungen von Farbe und Form und kreieren Mode für Männer ohne Modelmaße, aber mit Rockstar-Flair: Wir treffen uns mit den UDK Modedesign-Absolventinnen Hagar Rieger und Lisa Mann, sprechen über ihre Kollektionen und ihren Weg in Berlin als junge Kreative.

„Mode hat etwas Flüchtiges. Ein Moment und der Trend ist weg, das befriedigt mich nicht“, sagt Hagar Rieger, als wir uns im Café an den Hackeschen Höfen treffen. Die 32-Jährige und ihre Kommilitonin Lisa Mann haben seit Kurzem ihren Master in Modedesign in der Tasche. Verklärte Vorstellungen vom Leben als Modedesignerin gibt es bei beiden nicht. Nach dem Abitur machten sie zunächst eine Ausbildung als Bekleidungstechnische Assistentin. Erst später folgte das Studium an der Universität der Künste Berlin. „Ich habe mich voll ausprobiert, war in Paris und New York, habe für große Modehäuser gearbeitet und festgestellt, ich bin vermutlich nicht der Typ für eine klassische Modelaufbahn“, sagt Lisa, die in Kreuzberg lebt.

Verzicht auf die Chance von 25.000 Euro Preisgeld

Die beiden jungen Frauen waren in letzter Zeit stark medial vertreten, da sie ihre Nominierung zum Euro Fashion Award im Kaufhaus Görlitz zurückgezogen haben. In einem Statement benennen sie die nationalistischen und sexistischen Aussagen des Kaufhaus-Eigentümers Winfried Stöcker als Grund für ihren Verzicht auf eine Chance von 25.000 Euro Preisgeld und der Ablehnung der bereits gewonnenen 1.000 Euro, da sie es unter die letzten elf Teilnehmer geschafft hatten.

Eingereicht haben Hagar und Lisa ihre Abschlussarbeiten, die zwar sehr unterschiedlich sind, aber laut Lisa versuchen, neue Wege einzuschlagen. Für Lisa bedeutet das, Menswear zu kreieren, die modern und tragbar sein soll ohne Adoniskörper als Vorbild. Trainingsanzug in Nude-Felloptik und Teddykapuze, Oversize-Grobstrickpullover mit strukturierter Hose und weitem Bein sowie Nadelstreifenmantel mit extragroßem Kuschelschal – Anzug mit Hemd und Krawatte sucht man lange. Für die 31-Jährige soll es keine geschlechterspezifische Festlegung auf ein Bekleidungsstück geben: „Meine Kollektion heißt Freddie & Daddy und ist von meinem Vater sowie seinem großen Musikidol Freddie Mercury inspiriert. Ich wollte mit meiner Masterarbeit ein diverses Männerbild zeigen, und zwar aus weiblicher Perspektive.“

Den Ausbruch aus Standards trägt Hagars Arbeit bereits im Namen. The Fauves new better spielt auf die Kunstrichtung Fauvismus an – ein bekannter Vertreter ist der Maler Henri Matisse, der begann, Farbe nicht allein mit dem Pinsel auf die Leinwand aufzutragen. Hagar reiste nach Äthiopien und entdeckte dort kaum noch genutzte Techniken, um sich Farbe und Form neu zu widmen. Der kreative Prozess, also wie man auf Designs kommt, interessiert die Prenzlbergerin besonders und so hinterfragt sie auch, warum die Aneignung von anderen Kulturen, besonders auch von Entwicklungsländern in der Mode häufig vorkommt. Herausgekommen sind farbige Formenprints oder Farbsprenkel auf durchsichtigen Stoffen die beinahe wie Graffiti aussehen. Pinke Wickelhosen treffen bei ihr auf Shirts in Weiß und Gelb, wo der Übergang zwischen vorderer und hinterer Partie fließend erscheint.

Das freie Denken und Disziplinen übergreifende Arbeiten haben sie ihrem Studium an der UDK zu verdanken, sagt Lisa, während wir weitere Getränke ordern. Den Entschluss ihre Stellungnahme zu veröffentlichen bereuen beide nicht. „Wir haben viele ermutigende Zuschriften bekommen, die es unterstützen, dass wir als junge Menschen unsere Meinung verteidigen. Bürger aus Görlitz haben uns auch eingeladen trotz Absage an die Awards die Stadt zu besuchen, da es dort Kunsthandwerk zu bestaunen gibt“, so Hagar weiter.

Jetzt beim Film und in der Schule

Für den Modedesign-Nachwuchs wünscht sich Hagar noch weitere Wettbewerbe, denn das brächte die nötige öffentliche Aufmerksamkeit für die eigenen Werke und Startkapital für eigene Projekte. Apropos Zukunft: Die 32-Jährige hat nun einen Lehrauftrag an der Akademie für Mode und Design bekommen, würde gerne demnächst einem Designer assistieren, um noch mehr Erfahrungen für ihr eigenes Studio Hajo Office sammeln zu können. Das betreibt sie gemeinsam mit ihrem Freund, dem Produktdesigner Jonathan Ihm. Sie haben sich auf Interieur spezialisiert und wollen gerade die Schnittpunkte zwischen Mode und Industrialdesign herausarbeiten, um ihren Möbeln, Textilien und Objekten eine eigene Ästhetik zu verleihen. Lisa wiederum arbeitet gerade beim Film im Kostüm-Design und verbindet so ihre private Leidenschaft für Filme und Serien mit ihren Designer-Fähigkeiten. „Der Film ist auch eine Stage“, sagt sie als wir uns wieder unter die stylishen Menschen am Hackeschen Markt begeben. Hier bestätigt sich noch etwas anderes: Auch die Straße ist eine Bühne.

So sieht die Mode junger Berliner Designer aus, Hackescher Markt, 10178 Berlin

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