QIEZ-Blogger: Unser Frohnau

"Die Brücke von hier zum Himmel, zum Jenseits"

Wuchs in Frohnau auf: der Künstler Götz Loepelmann.
Der Berliner Künstler und in Frohnau aufgewachsene Götz Loepelmann, der 1956 die Kirchenfenster der Johanneskirche gestaltet hat, im Interview mit Unser Frohnau.
Herr Loepelmann, wann haben Sie in Frohnau gelebt und welchen persönlichen Bezug haben Sie zur Johanneskirche?
 
Ich habe von 1935, da war ich vier Jahre alt, bis 1960 in meinem Elternhaus in der Zeltinger Str. 54 gelebt. Ein Jahr später zog ich mit meiner Familie nach Hamburg wegen der unerträglichen Mauer. Ich ging in Frohnau immer (zwangsweise) in den langweiligen Kindergottesdienst, wo ich von Pfarrer Toense über die Juden informiert wurde. Im Konfirmanden-Unterricht bei Pfarrer Karzig war es schon besser. Danach war ich in Bibelkreisen für Jugendliche. Aber auf meine Frage, warum Gott Auschwitz und das Kriegsgemetzel zuließ, gab es keine überzeugende Antwort. Als ich 19 Jahre alt war, trat ich deshalb aus der Kirche aus. Ich glaubte nicht mehr an den „gütigen Vater im Himmel“. Danach war ich nur noch selten in der Kirche. Meine Sympathie hat sie trotzdem immer noch, von Herrn Gauck abgesehen.
 
Wie kam es dazu, dass man Ihnen antrug, die Fenster für die Frohnauer Johanneskirche zu gestalten?
 
Nach meinem Studium an der HDK Berlin arbeitete ich als Entwerfer für die berühmten Werkstätten August Wagner, Neukölln auf den Gebieten Glasfenster und Glasschliff. Gleichzeitig war ich engagiert im Kunstdienst der evangelischen Kirche und machte zahlreiche Fenster, Wandteppiche, Altarbehänge, Mosaike durch deren Vermittlung in vielen kirchlichen Einrichtungen. Nach einem zweiten Platz im Wettbewerb für die Gestaltung der Glasfenster in der Luisen-Kirche hatte mir der damalige Landeskonservators Prof. Scheper Aufträge in Aussicht gestellt, auch um mich davon abzuhalten, nach Australien auszuwandern. 
 
Gab es thematische, farbliche oder andere Vorgaben, wie die Fenster zu gestalten waren?
 
Nein, die gab es nicht. Ich wollte allerdings die damals gängigen Klischees und illustrative Motive vermeiden. Ich hatte inzwischen die gotischen Meisterwerke in Chartres und Paris gesehen und empfand damals Glasfenster in unserer Zeit sollten eher Teppiche sein, als modernistische Imitate vergangener Glorie.
 
Welche Gedanken haben Ihre Ideen beeinflusst? 
 
Ich ging vom Naheliegenden aus, von den Fenstern in der alten Wittenauer Dorfkirche. Die hat preußisch schlichte „Butzenfenster“, das heißt kreisförmige Glasscheiben, die als Abfall bei der mundgeblasenen Antikglasherstellung anfallen. Ich wollte in der schlichten Ästhetik bleiben und begann mit Entwürfen, die auf Kreis und Quadrat basieren. 
 
Wie kam es zu dem Regenbogen, den man in den Fenstern immer wieder findet?
 
Der kleine, handwerklich mühevoll herzustellende Regenbogen bezeichnet die Verbindung vom „Hier“ zum „Drüben“, also von Mensch zu Gott. Dazu gibt es einen persönlichen Hintergrund: Vor dem Angriff auf Polen 1939 wurden deutsche Truppen an die Ostgrenze verlegt, und damit auch nach Berlin. Bei uns wurde zwangsweise der Feldtelefonist Max Krause einquartiert. Der imponierte mir mächtig: groß, hübsch, stark, uniformiert, bewaffnet. Ich war acht und naiv. Als dann der Einmarsch nach Polen begann, verließ mich Max Krause und schenkte mir eine dicke Telefon-Kabelrolle, rot. Seine Telefoniererei hatte mich auf eine Idee gebracht, wie ich meine vielen drängenden Fragen beantwortet bekommen könnte. Ich beschloss, eine Telefonleitung zum lieben Gott zu legen, lang genug war ja das rote Kabel. Ich kletterte auf die große Linde an der Ecke zur Gutshofstraße, und befestigte das Kabel am Wipfel, ganz oben und spannte es quer über den Garten zu unserem Hausgiebel und befestigte es an den hölzernen Pferdeköpfen am First. Ich knipperte meine Radiokopfhörer unten an den Draht und saß dann in der Linde, bereit für das Interview mit dem lieben Gott. Aber es rauschte nur in den Kopfhörern und eine Antwort kam nicht. Dieses rote Kabel glich dem Regenbogen. Die Brücke von hier zum Himmel, zum Jenseits. Darum diese kleinen aus Farbglas zusammengesetzten Regenbögchen in den Glasfenstern der Johannes-Kirche. Das Rot darin meint mein Telefonkabel.
 
Waren die Kirchenfenster ein Einstieg in Ihr vielfältiges künstlerisches Schaffen und was sind die wichtigsten Stationen Ihres Wirkens?
 
Nein, sie waren eher der Ausstieg. Denn die Finanzierung des Wiederaufbaues der Kirchen war weitestgehend abgeschlossen, es gab für die kirchliche Kunst keine Gelder mehr. Zudem war die mittelalterliche Bleiverglasung inzwischen von anderen neuen Techniken beispielsweise Dallglas/Beton überholt worden. In dieser Technik machte ich dann noch die Gesamtverglasung der Christuskirche in Berlin-Dahlem, am Thielplatz. Auch diese Technik ist kostspielig. Danach arbeitete ich mit sehr viel preiswerteren Techniken, mit Kunstharz, Vergoldung und Glasmosaik auf Trägerscheiben geklebt, beispielswiese für die ev. Kirche Tegel-Süd oder die ev. Kirche Südende. Wie ich hörte, sind diese Arbeiten zum Teil nicht so ausdauernd haltbar gewesen, wie die alten traditionellen Techniken.
 
Dies waren meine letzten Arbeiten auf diesem Gebiet. Danach zog ich nach Hamburg und arbeitete dort zunächst als Werbegrafiker für VW, um die Familie zu ernähren und danach begann ich ganz neu als Bildhauer. In Hamburg-Bergedorf liegt eine große Bronze-Skulptur von mir im Schlosspark. Eigentlich sollte sie im Elbstrom liegen. Aber das war kostenmäßig nicht zu verwirklichen. Danach, 1969, hatte ich einen Lehrauftrag für Design am San Francisco State College in den USA. Und danach, 1971, wurde ich von Peter Zadek als Bühnenbildner, Regisseur und Autor nach Bochum verpflichtet. 1991, inzwischen freischaffend, zog ich nach Teneriffa und habe hier sowohl als Regisseur, Bühnenbildner, Theaterautor, Schriftsteller wie auch als Maler und Bildhauer gearbeitet. Und tue es immer noch. Etwas langsamer als früher.
 
Anlässlich Ihres 80. Geburtstages 2011 ehrte das Bezirksamt Reinickendorf in Kooperation mit dem Centre Bagatelle Ihr Schaffen mit der Ausstellung „Wo ist mein Ort. Götz Loepelmann. Malerei & Plastik“. Haben Sie eine Antwort gefunden auf die Frage wo „ihr“ Ort ist?
 
Ja. Das hat lange gedauert. Eine Lebensfrage. Es ist ein großer Unterschied: Heimat und Zuhause. Das Zuhause empfinde ich als mein Ort. Meine Heimat, das ist Berlin, Frohnau, Niederbarnim, alle diese zauberhaften Gegenden, Lübars, Stolpe, Sumt. Havel und Tegeler See, der Buddhatempel, der Poloplatz, die Glienicker Sandberge, und Umgebung. Das ist meine Heimat.
 
Mein Ort, mein Zuhause ist Teneriffa, mein Atelier, das Licht, das Meer, der heilige Berg Teide. Aber richtiger ist es zu sagen, mein Ort, mein Zuhause ist in mir. Der innere Ort: meine Phantasie, meine Gefühle, mein Leben, meine Freude und Liebe, mein Glauben und Wünschen, mein Schaffen – alles das kommt aus meinem Inneren und das entsteht hier. Man könnte mich sicher nicht verpflanzen, ohne dass sich mein Inneres sehr verändern würde. Dieser Vulkankegel meiner Insel hat eine starke Energie, die ich spüre, die mich trägt. Aber Heimat ist es nicht und kann es auch nie werden. Heimat und Zuhause, das ist wie Mutter und Geliebte. Mutter gibt es nur eine.
 
Herr Loepelmann, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 

Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von www.unserfrohnau.de.
 

Weitere Infos zu den Machern des Blattes findest du hier:


Quelle: Unser Frohnau

Johanneskirche Frohnau, Zeltingerpl. 18, 13465 Berlin
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