Chaos bei Schulbau

Unterrichtsbeginn für 400 Schüler in Gefahr

Unterrichtsbeginn für 400 Schüler in Gefahr
Bauarbeiten in Berlin dauern gelegentlich länger als geplant.
Vier Jahre Bauzeit, verdoppelte Kosten und noch immer Chaos überall: Der Unterrichtsbeginn an der Lichterfelder Max-von-Laue-Schule steht erneut auf der Kippe.

Wer vier Tage vor Unterrichtsbeginn die Max-von-Laue-Schule betritt, muss viel Fantasie haben: Sich vorzustellen, dass hier ab Montag rund 450 Schüler und Pädagogen mit dem Unterricht beginnen, ist kaum möglich. Schutt- und Schmutzberge, hunderte Umzugskartons, zerstörte Technik, nicht schließende Brandschutztüren, Schimmelbefall, Toilettenräume ohne Urinale und ein verwüsteter Schulhof kennzeichnen die Lage in der einst schönen Schule in Lichterfelde. Und das nach vier Jahren Bauzeit.

Mitten im Chaos steht Günther Schrenk und kann nicht glauben, was er sieht. Dreieinhalb Jahre lang hatte er das Baugeschehen und auch die Auslagerung in ein anderes Schulhaus ertragen und es immer geschafft, für Optimismus zu sorgen; und er hatte für seine Schule gekämpft. Bis er vor einem halben Jahr gesundheitlich zusammenbrach. Diese Woche kam er zurück – mit großer Hoffnung auf einen Neubeginn. Und nun das. „So können wir am Montag nicht starten“, steht für Schrenk fest. Das sei „aus Sicherheitsgründen nicht zu verantworten“, sagte er gegenüber dem Tagesspiegel.

Wohin mit 400 Schülern? – das ist die Frage

Aber wohin dann mit den Schülern und mit den neuen Siebtklässlern, die frisch von der Grundschule kommen und voller Erwartung auf die Sekundarschule sind? Die Option, den Schülern jetzt tagelang in der unbestuhlten Turnhalle Filme zu zeigen, überzeugt Schrenk nicht. Nicht nach dem, was hinter der Schule liegt.

Dabei hatte alles so viel versprechend angefangen: Die erfolgreiche Realschule sollte ein neues Dachgeschoss und einen Neubau bekommen, um als Sekundarschule mehr Schüler und einen Ganztagsbetrieb unterbringen zu können. Erst sollten vier Millionen verbaut werden, jetzt sind 7,5 Millionen Euro genehmigt, weiß Baustadtrat Michael Karnetzki (SPD). Er teilt die Sorge Schrenks im Hinblick auf den Schulbeginn nicht: „Aus baulicher Sicht gibt es keine Hinweise, dass die Schule nicht eröffnen kann“, sagt Karnetzki. Auch den Einwand, dass alles unter Dreck und Schutt liegt, lässt er nicht gelten: So sehe es auf Baustellen immer kurz vor Fertigstellung aus, wiegelt der Stadtrat ab.

So viel Optimismus gab es schon einmal. Das war 2010 in der Kreuzberger Sekundarschule im Graefekiez. Damals hatten die Verantwortlichen behauptet, der Schulbetrieb könne nach den Ferien beginnen. Erst die Weigerung der Lehrer, in einem solchen Bauchaos den Unterricht zu beginnen, hatte letztlich dazu geführt, dass die damalige Bildungsstadträtin Monika Herrmann (Grüne) das Scheitern des Zeitplans eingestand. Die Schüler mussten auf drei Standorte verteilt werden – ein klarer Fehlstart.

Auch an anderen Schulen im Bezirk beginnt das Schuljahr mit Problemen

Herrmanns Rolle kommt in Steglitz-Zehlendorf der CDU-Politikerin Cerstin Richter-Kotowski zu: Sie ist als Bildungsstadträtin federführend bei schulischen Bauvorhaben. Ob sie den Schulbeginn an der Laue-Schule aufschieben muss, konnte sie am Mittwoch noch nicht sagen: „Ich muss abwarten, was die bauaufsichtliche Abnahme ergibt“, bittet die Stadträtin um Geduld. „Freitag früh“ wisse sie mehr. Angesichts der Lage sei sie aber dabei, „einen Plan B zu entwickeln“. Am Freitag will sie sich selbst ein Bild von den Zuständen machen.

Auf die Frage, warum sie sich nicht früher in der Schule umgesehen hat, verweist Richter-Kotowski auf andere akute Bauprobleme – etwa an der Paul-Braune-Schule, wo wegen der schleppenden Baufortschritte die Erstklässler jetzt provisorisch untergebracht werden müssen. Die Verantwortung sieht sie bei Baustadtrat Karnetzki, dessen Amt notwendige Aufträge nicht erteilt habe. Deshalb sei jetzt etwa an der Goethe-Schule der Chemieraum nicht nutzbar. Im übrigen habe der Bezirk zu wenig Personal.

Die Eltern ärgern sich über „organisierte Verantwortungslosigkeit“     

Tatsächlich wurde, wie gestern berichtet, auch in den Bauämtern stark gekürzt. In der Folge werden Bauleitungen meist an private Firmen vergeben – wie auch an der Laue-Schule. Die betreffende Firma will sich auf Anfrage des Tagesspiegels am Donnerstag zu den Problemen äußern. Rektor Schrenk verweist darauf, dass er – vergebens – schon vor zwei Jahren einen Prozessbegleiter gefordert hatte, um die Abläufe besser zu koordinieren.

Die Eltern sind schon lange fassungslos. „Inkompetenz“ und „organisierte Verantwortungslosigkeit“ diagnostizieren sie angesichts der jahrelangen Zumutungen, zu denen auch gehörte, dass die albtraumhafte Auslagerung der Schule letztlich statt sechs sogar 18 Monate lang dauerte. Noch im Dezember 2013 hatte der Gesamtelternvorsitzende Dierk Hoffmann einen „Hilferuf“ veröffentlicht, bei dem er Parallelen zum BER-Desaster zog und mahnte, dass die Schuleröffnung zum Sommer erneut gefährdet sei. Aber auch dies fruchtete offenbar nicht, wie die jetzigen Probleme zeigen.

Hausmeister Marco Gerhardt wagt sich die Enttäuschung von Eltern und Schülern am Montag nicht auszumalen. Er jedenfalls habe „vor Wut Tränen in den Augen gehabt“, als er aus dem Urlaub zurückkam und die Zustände sah. Und dann gleitet sein Blick zu den abbröckelnden Fensterrahmen des Altbaus, dessen Renovierung nicht zum Bauauftrag gehörte. Und zu Fahrradständern, die das Unkraut überwucherte, während die Schule ausgelagert war. Dennoch haben er und Schrenk keinen Zweifel daran, dass ihre Schule „ein Schmuckstück“ wird. Wenn sie endlich fertig ist.


Quelle: Der Tagesspiegel

Max-von-Laue-Oberschule, Dürerstr. 27, 12203 Berlin

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