Unterwegs im Kiez

Johannisthal: Platte, Grün und Ragout fin

Johannisthal: Platte, Grün und Ragout fin
Das Eiscafé "Blaue Lagune" am Sterndamm in Johannisthal in der Herbstsonne. Zur Foto-Galerie
Johannisthal ist weit weniger populär als das benachbarte Schöneweide. Kommt man von hier, muss man sich und seine Herkunft oft erklären. Unwissende verbinden den Ort am ehesten mit einem Flugplatz, den längst Schafe und Skater übernommen haben. Oder mit Gregor Gysi, dem wohl bekanntesten Kind des Kiezes. Der lebt nun sicher woanders. Und wer wohnt dann in Johannisthal?

Um Johannisthal zu erkunden, machen wir uns auf den Weg zum S-Bahnhof Schöneweide. Wir hätten uns dem Kiez sicher auch aus dem benachbarten Rudow, Adlershof, Niederschöneweide oder Baumschulenweg nähern können. „Jetzt sind wir in Schweineöde angekommen“, sagt ein Mittzwanziger zu seinem Kumpel, als wir aus dem Zug steigen. Dann laufen beide in Richtung Hauptausgang – der HTW und Oberschöneweide entgegen wie so viele. Wir nehmen die andere Richtung und landen am Wendeplatz für Busse und Straßenbahnen. Für viele Linien ist das hier das Ende. Trotz schönstem Herbstwetter gibt es einladendere Plätze. Und ein bisschen zeigt sich schon, was sich durch den ganzen Stadtteil zieht: Man gibt sich Mühe, es wird viel gebaut. Trotzdem stammt vieles noch aus DDR-Zeiten und hat die besten Jahre hinter sich. Es gibt bunt blinkende Dönerbuden und Bocki beim „Johannisthaler Stüb’l“ statt Tofu und Bio-Bäcker. Drumherum grüne Gemütlichkeit. Ein Ort zum Wohlfühlen, wenn man nicht gerade kulturell und gastronomisch ausrasten möchte.

Hier treffen BVG und S-Bahn auf Bockwurst und Bier: Wartehäuschen am Bahnhof Schöneweide.

In der Vergangenheit hat Johannisthal für weit mehr Aufregung gesorgt. Schon im Jahr 1753 wurde es erschlossen. 1873 galt das schöne Fleckchen mit seinen im englischen Landhausstil gehaltenen Holzhäusern als Luftkur- und Badeort. Um die folgende Jahrhundertwende ging es dann nebenan in Schöneweide mit der Industrialisierung los. Elektropolis schickte dem Nachbarn nicht nur neue Bewohner, sondern auch Ruß und Dämpfe – vorbei war’s mit dem Kurort-Titel.

Stattdessen wurde ab 1909 in Johannisthal Motorenfluggeschichte geschrieben – durch die wir in diesem Artikel gewandert sind. Die Deutsche Bauakademie errichtete in der Engelhardtstraße 1953 ganz experimentell ihren ersten Großplattenbau und seit den 1920ern kamen in den ansässigen Filmstudios Spielfilme oder ihre Synchronfassungen in den Kasten. Rund um die Studios wandelt man darum heute noch auf den Spuren der Hildegard Knef. Und sogar Gregor Gysi lieh dort einigen Produktionen sein Stimme. Der Politiker ist nämlich in der Waldstraße aufgewachsen. Auch der Ost-Berliner Bürgermeister Friedrich Ebert zog 1933 dorthin und der frühere Zoodirektor Bernhard Grzimek schützte da während des Zweiten Weltkrieges Zootiere in seinem Garten.

... in die Filmstudios lief.

 

Auch heute noch ist die Waldstraße mit ihren zum Teil denkmalgeschützten Bauten eine der schönsten in Johannisthal. Denn architektonisch bietet der Ort sonst vor allem Platte aus den 1950ern und 60ern in blassem Gelb und Grün mit Balkonverkleidung aus Hartplaste. Einzelne Siedlungen für Einfamilienhäuser wie das Komponistenviertel (nein, nicht das in Weißensee) sind eher die Ausnahme. Viel erinnert an DDR-Zeiten. Ob nun Bronzeskulpturen spielender Kinder, Mosaike und steinerne Figuren an Hauseingängen oder ein Stück Mauer vor dem Heimatmuseum Treptow, das früher Rathhaus war. Außerdem freut sich der Ost-Gourmet sicher, dass hier noch einige Gastronomien „Würzfleisch“ auftischen (zum Beispiel Fosca und Café Nass).

Spannend? War hier mal.

Die vielleicht spannendste Johannisthaler Geschichte ist aber die von Arno Funke alias „Dagobert“. Seine Kaufhaus-Erpressungen gelten als die längsten und aufwendigsten der deutschen Kriminalgeschichte. Gefasst wurde er schließlich in einer Telefonzelle der Eisenbahnsiedlung nahe dem S-Bahnhof Schöneweide – und damit in Johannisthal. Das war im Jahr 1994.

Das Pfarrhaus ist heute Gemeindehaus der Evangelischen Kirche und steht seit 1880.

Es ist nicht so, dass hier niemand leben würde. Aber tolle Anlaufstellen lassen sich an einer Hand abzählen. Da ist das Kiezzentrum JuJo mit dem angeschlossenen Kulturverein und Jugendclub Audio. Die Jungs und Mädels, die da bei Veranstaltungen hinter der Bar stehen, kennen sich oft noch aus der Schule. In den Proberäumen hat angeblich der Köpenicker Tim Bendzko seine ersten musikalischen Schritte gemacht. Dann wäre da noch das Fosca – Backsteinbau mit wöchentlichem Kneipenquiz, guten Cocktails und Snacks. Ab und an geht man auch ins Kino Astra – dem man seine über 80-jährige Geschichte leider nicht mehr ansieht. Und dann kann man in Johannisthal auch gut Griechisch oder Sushi essen. Und sonst? Muss man sich eben mit der Bockwurst vom Bahnhof begnügen. Oder in die zunehmend hippen Cafés nach Oberschöneweide fahren. In Johannisthal werden die noch eine Weile auf sich warten lassen.

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