Imkerei in der Hauptstadt

Bio vom Dach

Honig aus Berlin: 500 Imker kümmern sich in der Hauptstadt um rund 3000 Bienenvölker, Tendenz steigend. Den süßen Gaumenschmaus der Berliner Bienen gibt’s auch im Supermarkt.

Die Hauptstadt ist eine blühende Landschaft – jedenfalls für Bienen. Etwa 400.000 Bäume stehen in Berlin, ein Fünftel der Stadtfläche ist mit Wald bedeckt. Da kann eine Metropolenbiene ihre Emsigkeit komplett ausleben. Macht sie auch: Seit einigen Jahren bemühen sich Imker und Imkerinnen der Stadt an der Spree, durch Urban Beekeeping die Zahl der Bienenvölker und den Prozentsatz des heimischen Honigs zu erhöhen. Die 3000 Völker, die hier zurzeit von etwa 500 Imkern umsorgt werden, leben wie im Paradies: Ganz viele wohlschmeckende Linden, durchschnittlich einige Grad Celsius mehr als außerhalb der Städte, und keinerlei Pestizide, die in den vergangenen Jahren viele Bienen, die auf den Feldern leben, eingehen ließen.

Das drittwichtigste Nutztier neben Schwein und Rind

Die Gründerin der Imkergemeinschaft „Berliner Honig“, Annette Mueller, kann Informationen und Fakten zu ihren Lieblingstieren mit solcher Leidenschaft herunterbeten, dass ihr Gegenüber sogleich Lust hat, ein fleißiges kleines Bienenvölkchen auf den Balkon zu stellen. In ihrem Geschäft in einem der imposanten Hochhäuser am Platz der Vereinten Nationen, in dessen Hinterräumen der ungefilterte Honig der Gemeinschaftsmitglieder abgefüllt wird, hängt ein frischer, süßlicher Geruch. „Wir gehen jetzt den Weg des Honigs“, sagt Mueller und zeigt Fässer, die der Honiglieferung dienen und unterschiedliche Maschinen zum Abfüllen. Am Ende stehen Paletten voller Gläser, auf denen nicht nur die Blüte, sondern vor allem auch der Name des Imkers notiert ist.

Das sind nicht nur Berliner, die Mitglieder der Imkergemeinschaft kommen zum Teil aus der Umgebung und lassen ihre Bienenvölker auf Feldern in Brandenburg fliegen. „Die Biene ist nach Rind und Schwein das drittwichtigste Nutztier“, sagt Mueller, und frischt das Wissen zu Bienen, das im Laufe der Jahre ein bisschen verloren gegangen und durch zu viel Biene-Maja-Schauen verdreht worden sein kann, mithilfe eines großformatigen Bienenkorbmodells auf, in dessen Fenstern lächelnde Plastikbienen postiert sind, Königin, Drohnen, Arbeiterinnen, der Königinnenfuttersaft Gelée Royale. Im vergangenen Jahrzehnt sind 30 Prozent des deutschen Bienenbestands verschwunden, die Ursachen sind die Verschmutzung durch Pestizide, Krankheiten der Bienen und die Überalterung der Imker.

Den Honig der Berliner Bienen gibt’s im Laden

Mueller und die anderen Imker ihrer Gemeinschaft versuchen, dem entgegenzuarbeiten. Die meisten hobbymäßig, in seltenen Fällen kann ein Imker von seiner Tätigkeit leben – die einzelnen Mitglieder des Vereins haben nicht genügend Völker, um ausreichend Honig für ein ernst zu nehmendes Einkommen zu produzieren. Der Honig aus der Hauptstadt ist kein Bio-Honig mit Zertifikat, doch er ist naturbelassen, entstammt fairem Handel, und sein größter Vorteil liegt in seiner Regionalität: Nachhaltige Imkerei fängt mit dem Vermeiden langer Wege an. Mueller sagt, man bemühe sich bewusst, den Honig – neben Delis und Feinkostläden – in Supermarktketten anzubieten, um auch Personen anzusprechen, die dem Thema Nachhaltigkeit noch keine Relevanz einräumen.

Erika Mayr hat ihre Bienenkästen auf dem Dach eines Kreuzberger Fabrikgebäudes. Sie führt gerade eine Gruppe Studierender aus Detroit hinauf, die einen guten Wissensstand zum urbanen  Imkern mitbringen: In beinahe allen Metropolen der Erde ist die Imkerszene in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Die Kästen ähneln große Call-a-Pizza-Isolierschachteln in Weiß, in ihnen leben fünf Völker, die, wie Mayr erklärt, auch stets genau wissen, wo ihre Königin wohnt, und nicht versehentlich vor der verkehrten Haustür herumschwirren.

Im Kampf um den Thron sind Bienen nicht gerade zimperlich

Sie berichtet über den „schwachen Gesundheitszustand“ der Honigbiene, der die Varroamilbe zu schaffen macht, ein Parasit, der sich an der Biene festbeißt und den Bestand ausdünnt, besonders, wenn er zusätzlich von Pestiziden und Krankheiten geschwächt ist. Gesunde Bienenstöcke sind demnach, wie die Zeigerpflanzen, ein Indiz für die Intaktheit der Umwelt. Obwohl die Anzahl der Neuimker hoch ist, wächst die Zahl der Völker, die sowieso regelmäßig alle sechs Wochen (zumindest im Sommer) sterben, nicht so schnell, denn die jungen Imker betreuen häufig nur ein bis zwei Bienenvölker. „In Deutschland gibt es momentan 750.000 Bienenvölker“, weiß Mayr, „1920 gab es zwei Millionen.“ Hätte man mehr Leute, die sich um die Völker kümmern, könnte man jede Menge neue machen, sagt Mayr, denn die Bienen reagieren auf die Handlungen des Imkers: Entfernt man eine Königin, füttern die Bienen eine oder mehrere neue Larven mit dem Zaubermittel Gelée Royale. Die erste Larve, die schlüpft, entledigt sich dann schnell der übrigen Königinnenlarven: Vor Stichen muss man sich nicht ängstigen, doch Bienen sind keine Kuscheltiere.

Von Nutzen sind sie allerdings: Für die zahlreichen deutschen Pollenallergiker gibt es mit zunehmendem Honigkonsum den Vorteil, dass sie sich angeblich mit dem regelmäßigen Honigverzehr ab Herbst selber desensibilisieren können: Täglich einen Löffel – und dann mal schauen, ob im kommenden Frühling noch die Augen tränen, wenn die Linden blühen.

Lesen Sie hier mehr zur Imkerei in Berlin:



Quelle: Der Tagesspiegel

Bio vom Dach, Melchiorstraße 31, 10179 Berlin

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