Urban Farming

Wo der Fisch das Gemüse düngt

Wo der Fisch das Gemüse düngt
Von der Farm direkt auf den Tisch: Im angeschlossenen "Farmer's Market" können Kunden frischen Fisch und frisch geerntetes Gemüse kaufen.
Alboinstraße - Ist Aquaponik die Zukunft des Urban Gardening? Die Betreiber der ECF Farm in Berlin Schöneberg glauben ja. Qiez war bei einer Führung über das Gelände dabei und hat gefragt, warum es die beliebte "Farmbox" nicht mehr gibt.

Wer das erste Mal in den Arbeitsbinder, den Zwischenraum der ECF Farm geht, muss einige tiefe Atemzüge nehmen. Die Luft dort ist nämlich ebenso speziell wie die Anlage selbst: Sie vereint typischen Fischgeruch mit dem Duft von frischem Dünger. Und damit ist das Prinzip der Aquaponik auch schon fast erklärt: Aquaponik ist das Kofferwort aus Aquakultur (Fischaufzucht) und Hydroponik (Gemüseanbau mit Wasser). In der Barschzucht auf der einen Seite reichern die Fische das Wasser durch ihre Ausscheidung mit Nährstoffen an. Dazu kommt mitunter noch etwas Dünger. Aus diesem reichhaltigen Wasser ziehen sich dann die Pflanzen im Gewächshaus auf der anderen Seite alles, was sie brauchen. Das Wasser verdunstet, wird aufgefangen und aufbereitet und letztlich wieder den Fischtanks zugeführt – der Kreislauf beginnt von vorn.

Die Vorteile sind klar: Wasserverbrauch und CO2-Foodprint sind deutlich besser als in der klassischen Landwirtschaft. Farmleiter Robert erklärt während der Führung noch ein paar weitere Pluspunkte, die die ECF Farm hat: Durch lokalen Anbau können die Früchte reif (und damit besonders frisch) geerntet werden, das Dach fungiert als Regenwasserfänger und moderne Monitoring-Systeme regeln den Nährstoffgehalt des Wassers optimal für die Pflanzen.

Kein Bio, aber nachhaltig

Trotzdem hat die Farm kein Bio-Siegel. Das liegt aber vor allem daran, dass Bio-Anbau immer auch etwas mit Erde zu tun haben muss – und die gibt es bei ECF nicht. Die Pflanzen stehen in Steinwolle, durch die das Wasser fließt. So bekommt das Gemüse alle Nährstoffe, die es braucht. Dennoch arbeitet die Farm ökologisch nachhaltig, die Fische bekommen Bio-Futter und keine Medikamente, auf Pestizide wird verzichtet. Durch das geschlossene System bleiben auch die Ausfälle sehr gering.

„Wir vergleichen uns auch gar nicht mit der Bio-Landwirtschaft“, erklärt Christian Echternacht, einer der beiden Gründer des Betreibers ECF Farmsystems GmbH. „Wir wollen vielmehr eine Nische sein, die Interesse weckt. Das Rückgrat der Nahrungsmittelproduktion bleibt die traditionelle Landwirtschaft.“ Was die Anlage tatsächlich leistet, steht noch nicht fest. Immer wieder stellen Besucher Fragen nach dem Nitratgehalt, der Erntemenge oder Umsatzzahlen. Farmchef Robert muss bei der Führung den Fragen ausweichen: Vieles ist natürlich Betriebsgeheimnis, anderes müsse erst noch evaluiert werden, das Pilotprojekt sei schließlich seit nicht einmal einem Jahr in Betrieb.

Ohne die „Farmbox“ ist es fairer

Echternacht kann aber schon erste Hochrechnungen preisgeben: So wie es im Moment läuft, produziert die Farm 35 Tonnen Fisch im Jahr, das macht 120 Buntbarsche pro Tag. Verkaufen die sich überhaupt? „120 hört sich für den Privatmann erst einmal nach viel an, ist aber nur etwa eine halbe Promille des Berliner Fischbedarfs“, rechnet Echternacht vor. ECF kooperiere zudem seit Kurzem mit ersten Restaurants, die den Fisch abnehmen.

Enorm wichtig sind aber weiterhin die privaten Käufer. Seit dem Frühjahr verkaufte die Farm sogenannte „Farmboxen“. Darin fanden Abonnenten jede Woche frisches Gemüse. Das Angebot war aber auf 200 Boxen beschränkt, die Warteliste wuchs und wuchs. Für Vor-Ort-Käufer blieb selten etwas übrig. Deswegen gibt es seit Anfang November keine Farmboxen mehr, sondern nur noch Gemüse über den angeschlossenen „ECF Farmer’s Market“. So könne man zwar auch nicht mehr verkaufen, es sei aber fairer. „Es ist einfach schön zu sehen, wie die Leute zu uns kommen und vor Ort ihr frisches Gemüse kaufen“, freut sich Echternacht.

Der „ECF Farmer’s Market“ hat immer Dienstag und Donnerstag von 9 bis 19 Uhr sowie Samstag von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Termine für Führungen und die Anmeldung gibt es auf der Website.

Malzfabrik, Bessemerstr. 16, 12103 Berlin
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