Berliner Flughäfen

Des einen Leid, des anderen Freud

Des einen Leid, des anderen Freud
Nun fliegen sie weiter: Auch nach dem 3. Juni werden die Anwohner in der Einflugschneise des Flughafens Tegel nicht zur Ruhe kommen
Wärend man sich in Tegel über den anhaltenden Fluglärm ärgert, lässt die verschobene Eröffnung des Willy-Brandt-Flughafens in Schönefeld Freude aufkommen. Wir haben einige Reaktionen in der Hauptstadt für Sie gesammelt.

Es sollte ein fröhliches Fest werden. Am 3. Juni wollte man im Pankower „Café Canapé“ auf den ersten Tag ohne Flugzeuglärm anstoßen. Auf einer Tafel vor der Tür wurden bereits seit Monaten die Tage bis zum Ende des Flughafens Tegel abgezählt. Nun ziert ein bitteres Fragezeichen den Aushang und Betreiberin Renate Laurentius, Mitarbeiter und Gäste müssen weiterhin den Lärm der startenden und landenden Flugzeuge ertragen.

Alle paar Minuten lassen sie das Pankower Zentrum in einer Flughöhe von nur knapp 200 Metern erzittern. Der Ärger ist groß. „Hier sind alle sauer. Unvorstellbar, wie das passieren kann. Und wir bekommen ja noch mehr Flieger als jetzt“, so Laurentius. Die Feier Anfang Juni wolle man sich jedoch nicht verderben lassen. Sie wird stattfinden und am tatsächlichen Tag des letzten Fluges einfach wiederholt.

Die Absage der Eröffnung des Großflughafens BER hat zwischen Spandau und Pankow unzufriedene Gesichter hinterlassen. Vielleicht sogar bis über die Ferienzeit hinaus müssen sich die Anwohner in der Flugschneise des Tegel-Airport weiterhin mit dem Lärm abfinden. Zwar hat man sich mit der Lautstärke seit Jahren arrangiert, doch die Ruhe wird trotzdem sehnsüchtig erwartet.

Ruhig Grillen im Grünen

„Man hat den Moment herbeigesehnt“, so Horst Mellentin. Der Pankower Rentner lebt seit einem halben Jahrhundert mit dem Lärm der Flugzeuge und träumt von einem freundlichen Herbst in seiner Laube am Schlosspark, „um dann beim Grillen die flugzeugfreie Ruhe zu genießen.“ Erleben durfte er das schon einmal: Mitte 2010 brachte die Aschewolke eines auf Island aktiven Vulkans den Flugverkehr auch in Tegel zum Erliegen.

Ein ganz anderes Bild im Süden der Stadt. Hier sind die meisten Anwohner froh über jeden Tag, den sie den Krach der Flugzeuge noch nicht ertragen müssen. Bei einem Spaziergang oder in einem der zahlreichen Cafés in Friedrichshagen genießen sie die bis auf weiteres anhaltende Ruhe. Hermann Gutske blickt mit seiner Frau von einem Bänkchen aufs Wasser des Müggelsees und freut sich: „Wenigstens diesen Sommer werden wir also vom Krach der Flugzeuge verschont“.

Dies scheint die vorherrschende Meinung hier in Friedrichshagen zu sein. Seit Monaten wehren sich die Anwohner gegen die geplanten Flugrouten. Sogar Friedrich II. wird in den Protest eingespannt. Er ziert den Markt an der Bölschestraße und trägt ein blaues Band – das Zeichen gegen den Fluglärm. „Am liebsten wäre mir, wenn der Chaos-Flughafen gar nicht öffnet“, so eine Marktbesucherin. „Tegel und Schönefeld können doch den Flugbetrieb alleine bewältigen, wie sich jetzt zeigt.“

Hohe Kosten

Die Mitglieder der Bürgerinitiative, die schon zahlreiche Protestmärsche in Friedrichshagen auf die Beine gestellt hat, wollen sich über die verschobene Eröffnung nicht so recht freuen. „Diese kostet schließlich den Steuerzahler viele Millionen Euro, die dann bei anderen Projekten in Berlin und Brandenburg fehlen werden“, so ein Sprecher. Trotzdem genieße man natürlich die anhaltende Ruhe und nutze die Zeit, um die Forderungen der Friedrichshagener Bürger weiterhin publik zu machen. Keine Flüge während der Nachtruhe, verbesserter Schutz vor Lärm, kein Ausbau des BER und eine Verlagerung der Flugrouten im Sinne der Gesundheit stehen auf der Agenda. An den Kundgebungen am 24. Mai und 3. Juni wolle man daher festhalten.

Auch in der Bar „Gestrandet am Müggelsee“ macht man sich über die kommenden Monate Gedanken. Der Betreiber Michael Rahn kann noch nicht einschätzen, wie stark die Belastung durch die Flugzeuge sein wird. „Niemand weiß, wie stark der Fluglärm wirklich ausfällt. Wenigstens diese Sommersaison ist gerettet.“ Alles Weitere könne nur die Zukunft zeigen. Seine Gäste nicken beifällig.

In Pankow kann von einem ruhigen Plausch im Grünen keine Rede sein. Im Kinderbauernhof Pinke Panke ist man enttäuscht über den anhaltenden Lärm. Hier wollte man ebenfalls mit den Kindern die Ruhe Anfang Juni feiern. Denn bisher musste man oft gegen die Flieger anschreien, beim Sprechen innehalten oder die kleinen Aufführungen des Kindertheaters unterbrechen.

Keine Ruhe zur EM

Auch andere Anwohner rund um den Bürgerpark schimpfen. „Eine Katastrophe, der Lärm ist extrem“, sagt etwa die im Kiez heimische Tanja Kschinschig, 44. Und das Public-Viewing der EM-Spiele im K4 wird nun also doch vom Fluglärm begleitet. Eigentlich wäre die Schließung Tegels zur Eröffnung der Spiele am 8. Juni gerade rechtzeitig erfolgt.

Doch es gibt auch glückliche Gesichter. In der Kita der Schlossparkspatzen sind die Kinder begeisterte Zuschauer. „Die gucken gerne, welche Airline aus welchem Land gerade anfliegt“, berichtet die Leiterin Karin Hartrott. Doch natürlich freue auch sie sich auf die einkehrende Ruhe in Pankow. Ob sie diese jedoch schon im Herbst genießen kann, wird von vielen Anwohnern im Bezirk stark bezweifelt.

 

Tipps für Passagiere:

Airline anrufen, Reiseveranstalter fragen
Soll ich das Taxi fürs Reisegepäck ab 3. Juni nun zum Flughafen Tegel oder Schönefeld bestellen? Welchen Flughafenbus soll ich wählen? Wo sollen mich Verwandte oder Freunde abholen? Solche Fragen stellen sich gerade Tausende Urlauber und Dienstreisende.

Wer online einen Flug gebucht hat, sollte sich an die Fluggesellschaft wenden – die Hotlines findet man auf den Websites. Die meisten von ihnen sind noch wegen der Alternativ-Airports in Verhandlungen. Wenn überhaupt, sollten sich die Flugzeiten nur leicht ändern.

Die Flughäfen Tegel und Schönefeld sind über 0180 5000186 zu erreichen (Kosten: 0,14 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz, bei Mobilfunk fallen maximal 0,42 Euro pro Minute an).

Wer eine Pauschalreise gebucht und bezahlt hat, für den muss im Extremfall der Reiseveranstalter eine Ersatzbeförderung besorgen.


Quelle: Der Tagesspiegel

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