Martin-Luther-Straße in Schöneberg

Verstopfte Ader für freie Bürger

Im Zweiten Weltkrieg beschädigten Bomben die Martin-Luther-Straße schwer. Den mit dem Wiederaufbau betrauten Stadtplanern schwebte ein autogerechtes West-Berlin nach dem Vorbild amerikanischer Städte vor. Zwischen den Abgaswolken findet man heute erstaunlicherweise auch idyllische Plätze.

Man hört sie schon von Weitem und zu jeder Tageszeit. Erst ist es nur ein Rauschen, die gleichmäßige Brandung der Großstadt. Kommt man jedoch näher, nimmt man das Rattern der Räder und das Röhren der Motoren wahr. Die Martin-Luther-Straße ist eine der Hauptschlagadern des Berliner Organismus, die jedoch gelegentlich unter Hochdruck leidet.

Die Ader verläuft vom Innsbrucker Platz zweieinhalb Kilometer lang bis zur Urania und damit quer durch Schöneberg. Als sechsspurige Trasse verbindet sie die Stadtautobahn mit dem Tiergarten und der City West. In der Behördensprache wird sie „überbezirkliche Hauptverbindungsstraße“ genannt. Heutzutage ist sie in erster Linie das asphaltgewordene, abgasumwölkte Denkmal für den Traum vom Ausbau West-Berlins zur autogerechten Stadt. Aus dem längst ein Albtraum geworden ist. Freie Fahrt für freie Bürger, ein Versprechen des Nachkriegskapitalismus, kann diese Straße bis heute nicht bieten.

Am südlichen Ende, dort, wo sie noch vierspurig aus der Hauptstraße hervorgeht, steht der Mittagsverkehr auf der Martin-Luther-Straße an einem ganz normalen Werktag nach Rotphasen zwei komplette Wohnblöcke entlang bis zur Heylstraße. Die Fahrzeuge schleichen an Antiquariaten,  Genossenschaftsbauten, dem Hundesalon „Terrier & Co.“ und kleinen Gewerbebetrieben wie Glasern und Klempnern vorbei. Die fetten Jahre der Gegend sind vorbei.

Amerikanische Ideale

Beim Schöneberger Rathaus – seit der Kreuzung mit der Dominicusstraße hat die Martin-Luther-Straße sechs Spuren – meint man immer noch das Echo der berühmten Worte zu hören: „Ick bin ä Bärlina.“ Heute offeriert der „Kennedy-Grill“ 23 Stunden am Tag „Kroatische & Internationale Küche“. Gegenüber erinnert der Lufthansa-Schriftzug eines Reisebüros an die strahlende Markenwelt der alten Bundesrepublik.

Aus einem „Schadensplan“, der heute in der Bibliothek des Schöneberg-Museums liegt, wird im Detail ersichtlich, wie gravierend die Zerstörung im Westen Schönebergs war. Im Bereich der unteren und mittleren Martin-Luther-Straße sind auf der Karte einige Gebäude verzeichnet, die nur zu höchstens 15 Prozent beschädigt waren. Weiter oben sind fast alle Häuser als schwer beschädigt markiert, ganze Blöcke wurden ausradiert.

Die Stadtplaner nutzten die Tabula-rasa-Situation für großzügige Neuentwürfe nach amerikanischem Vorbild. Am Bayerischen Platz wurde das Straßennetz neu geordnet, die Speyerer Straße, abgetan als „störende Diagonalverbindung“,  musste zum großen Teil weichen. Ironie der Geschichte: Die Beseitigung der Trümmer und die Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum liefen parallel zum Abriss von Mietshäusern für den Straßenbau. Der Motorisierung wurde in der Nachkriegszeit häufig Vorrang eingeräumt.

Oasen im Verkehr

Erstaunlich, dass an der verkehrsumtosten Martin-Luther-Straße dennoch einige Oasen eine Art Idyll entstehen ließen. Auf dem Wartburgplatz, der diesen Spitznamen wegen einer großen Kletterburg aus Holz trägt, verbringen Familien und Kita-Gruppen unter alten Bäumen am Ritterspielplatz sonnige Nachmittage. Eine Oase mit kleinen Palmen und großen Blumen in Betonkübeln existiert auch an der Ecke Grunewaldstraße, der stark bewachsene Biergarten gehört zur Tag- und Nacht-Kaschemme „Joschi“. Zwei Miniaturspringbrunnen kommen mit ihrem Plätschern jedoch nicht gegen den Verkehrslärm an.

Einen Stammgast fragt die Bedienung: „Na, mein Dickerchen, noch ein Erwachsenenbier?“ Erwachsenenbier, das zur Erläuterung, ist hier der Halbliterkrug. Ältere Paare, Rollatorenfahrer und Zigarilloraucher genießen den sonnigen Tag im Müßiggang bei Hefeweizen oder Herrengedeck. Das szenige Schöneberg mit Institutionen wie Mister Hu oder Café M ist zwar nur wenige Straßen entfernt, wirkt jedoch ganz weit weg.

Die Zeitung „Der Neue Westen“ schrieb im Jahr 1956, Radwege wären demnächst überflüssig, „wenn die Straßen so angelegt werden, dass sie den Verkehrsansprüchen der kommenden Jahrzehnte genügen“. Nahe der Kreuzung zur Motzstraße stehen Polizeiautos quer auf der Martin-Luther-Straße. Ein Fahrrad mit verkrümmter Gabel liegt neben einem Auto. Der Radfahrer, gezeichnet vom Schock, kauert auf dem Grünstreifen. Er ist noch mal davongekommen.


Quelle: Der Tagesspiegel

Verstopfte Ader für freie Bürger, Martin-Luther-Straße, Berlin

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