Charlottenburg, Tiergarten
Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau

Leuchtender Riesenwurm

Leuchtender Riesenwurm
Umgeben von Hausbooten: die VWS in Tiergarten.
Der Fassadenanstrich in der Tiergartener Müller-Breslau-Straße 12 ist gewagt. Doch angesichts der beeindruckenden technischen Möglichkeiten der Versuchsanstalt für Wasser- und Schiffbau erblasst selbst das leuchtende Rosa des Gebäudes.

Mit der Goldelse im Nacken, auf halber Höhe zwischen Ernst-Reuter-Platz und Großem Stern nach links dem Tiergartenufer zugewendet und zwischen den Bäumen am Ufer hindurchgelugt: Voilà, da steht es, das komische Haus. Wie eine rosa Röhre. Wie ein rostiger Riesenwurm. Dann sieht man gegenüber, an ihren Ankerplätzen, auch die Hausboote dümpeln, die genauso viel Aufmerksamkeit erregen: Traumkähne mit Fenstern auf Wasseroberflächenniveau und Solarzellen auf dem Dach.

Dennoch, die Röhre, die auf der „Schleuseninsel“ des Landwehrkanals ein hohes rechteckiges Haus zu durchbohren scheint wie ein erstarrtes, altes Alien, das Haus fest im Griff hat, als ob von den Ohren eines Roboterkopfes Kopfhörer herabhängen – so etwas Seltsames lässt Kinnladen herunterklappen. Vor allem wegen seiner Farbe: Zwischen dem dunklen, spiegelnden Wasser und den roten Backsteinen eines benachbarten Gebäudes leuchtet das Ding im schwulsten, lebensfreudigsten Rosa, mit dem jemals eine „Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau“ (VWS) angepinselt wurde.

Für Tests an Schiffsmodellen wird das Wasser bewegt

Und, höchstens Nautiker und sonstige Schiffsnerds ahnen es: Die rosa Röhre ist der größte „Umlauftank“ der Erde, mit einem Durchmesser von acht Metern und einer Länge von 55 Metern. 3.300 Tonnen Wasser fließen durch den Riesenwurm, an einer Seite fallen sie wie ein Indoor-Wasserfall hinunter, auf der anderen Seite werden sie wieder heraufgepumpt. Das 35 Meter hohe, mehrstöckige, kastenförmige Gebäude, durch dessen Taille die Röhre sich schiebt, ist das Zentrum mit der Bedienungskonsole für den Tank.

Denn wird ein Schiff gebaut, muss man testen, wie es sich im Wasser verhält. Welche Größe die Schiffsschraube haben muss, damit sie den Rumpf bestmöglich antreiben kann. Wie das Schiff bei unterschiedlich starkem Seegang geschickt gesteuert werden kann. Im Inneren der Röhre macht man das: Von oben schaut man im dritten Stock des Hauses auf riesige, eiserne, dunkelgrüne Klappen mit wuchtigen Verschlüssen. Wenn sie geöffnet sind, wird das jeweilige Schiffsmodell für die Tests zu Wasser gelassen, an besonderen Vorrichtungen fixiert und die Maschinen eingeschalten. Das Wasser bewegt sich also, nicht das Schiff. Der Berg kommt zum Propheten.

Tsunamis zu simulieren ist kein Problem

„Die Messungen sind die gleichen“, sagt Christian Eckl von der TU Berlin, als er mit offenkundiger Begeisterung durch die VWS führt. Der Diplom-Ingenieur und Schiffsbauer erklärt auch die beiden „Schlepprinnen“, die im langgestreckten, flachen Bau bis weit unter die S-Bahn reichen. Eine ist 120 Meter lang, die andere 250 Meter, beide haben eine Breite von je acht Metern. In ihnen „kann man auch Tsunamis simulieren“, so Eckl. Mit zahlreichen kleinen Wellenbad-Wellen, die es gemeinsam auf die Stärke einer einzigen Monsterwelle bringen. Durch die Rinnen werden Schiffsmodelle mit einer Länge von bis zu zehn Metern gezogen: Die Werte, die so gesammelt werden, rechnet man auf das echte Schiff hoch. Und testet zusätzlich das Verhalten im Windkanal.

Eckl versichert: „Reingefallen ist noch keiner.“ Der Komplex mit der flachen Schlepprinnenbude und der rosafarbenen Röhre begeistert Design- und Schiffsverrückte genauso wie Baufachmänner: „Architekten sind hier regelmäßig hin und weg“, verrät Eckl. Wegen der Farbe des Tanks, zu der der verantwortliche Röhrenbaumeister Ludwig Leo, so erzählt man, sich angeblich aus Sympathie für eine Dame hat hinreißen lassen, die auf dieser Farbgebung bestand. „Der Tank steht unter technischem Denkmalschutz“, sagt Eckl, einen anderen Anstrich wird er also so schnell nicht bekommen.

Keine Tests für Kriegsschiffe

Die retro-futuristisch anmutende Kommandozentrale mit ihrem bunten Schaltpult, den grünen Luken und den Stahlstangen im Raum hätte jamesbondiger nicht werden können, auch nicht trotz Ken Adams: 1968 war Baubeginn, die Zukunft zeigte sich damals durch große Computer und möglichst viele blinkende, dicke Knöpfe. Und auch der Benzinverbrauch der Dieselmotoren, die für die Wasserpumpen im Einsatz sind, verweist definitiv auf Prä-Ölkrisen-Zeiten. Beide der jeweils 2750 PS-starken Motoren verschlingen zusammen an die 900 Liter – stündlich.

Die Wellen der Schlepprinnen übrigens schaffen problemlos Windstärke zwölf und zerteilten schon viele Gondeln: Kaiser Wilhelm II. wollte 1901 seine Kriegsmarine testen, er gab den Bau einer Versuchsanstalt für Schiffsbau in Auftrag. Gerade einmal zwei Jahre später schleppte man kleine Panzerkreuzer 147 Meter weit und testete sie. Durch die Bomben des zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude fast völlig zerstört. In den fünfziger Jahren baute man es wieder auf und modernisierte es. Seit 1995 ist die VWS an die TU Berlin angegliedert. Und darf inzwischen neben Fangbooten und Lastkähnen nur noch Loveboats testen: Miniaturen von Kriegsschiffen wird nie mehr zu auch nur einer Handbreit Wasser unterm Kiel verholfen. Das hätte man bei der Farbgebung auch gleich vermuten können.

Leuchtender Riesenwurm, Müller-Breslau-Straße 12, 10623 Berlin

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