Zehlendorf
Berliner Babyklappen

Klappe zu - Kind gerettet

Klappe zu - Kind gerettet
20 Säuglinge wurden bisher in der Babyklappe des Krankenhaus Waldfriede abgegeben. Lisa war vor knapp zwölf Jahren der erste.
Vor mehr als zehn Jahren wurde das erste Berliner Baby anonym in einer Klinik abgegeben. Heute ist Lisa ein fröhliches Mädchen und beweist, wie wichtig das Angebot der Babyklappen in Berlin ist.

Lisa Wald läuft zielstrebig einen kleinen Weg vor dem Eingangsbereich des Krankenhauses Waldfriede entlang. „Ich weiß, wo sie ist“, ruft das elfjährige Mädchen und weist ihren vier Geschwistern den Weg. Schließlich steht sie gemeinsam mit ihrem sechsjähriger Bruder und den acht bis zehn Jahre alten Schwestern vor einem von Bäumen halb verborgenen Hinweisschild mit dem Schriftzug „Babywiege“.

„Hier lag ich drin“, erklärt Lisa mit Nachdruck. Ein wenig Stolz klingt auch in ihrer Stimme mit. Die Mutter Beate Wald ist den Kindern gefolgt und nickt: „Ja, ich weiß noch genau, wie unglaublich klein du warst, als Papa und ich dich das erste Mal gesehen haben. Aber du hast dich ins Leben gekämpft.“

Lisa war der erste Säugling, der in einer Berliner Babyklappe abgelegt wurde. Knapp drei Pfund wog das Mädchen damals nur, erinnert sich Gabriele Stangl, Mitarbeiterin des Krankenhauses Waldfriede. Die Ärzte hätten sich nicht nur um den kritischen Zustand des Babys gesorgt – auch die Gesundheit der unbekannte Mutter schien fragwürdig. „Sie sahen an dem Kind, dass es eine schwere, komplizierte Geburt war. Ohne ärztliche Behandlung kann die Frau oder das Mädchen es kaum geschafft haben.“

Hilfe für verzweifelte Mütter

Nicht nur die Babyklappe steht im Krankenhaus Waldfriede den Kindern verzweifelter Mütter offen. In den zwölf Jahren, die seit Lisas Geburt vergangen sind, nahmen viele Frauen in Notsituationen die Möglichkeit wahr, in der Zehlendorfer Klinik anonym, aber unter medizinischer Aufsicht entbinden zu können. Fast jede dritte Mutter entschied sich nach der Geburt dazu, ihr Kind doch zu behalten.

Trotzdem sind die Dienste des Krankenhauses bis heute umstritten. Gegner der Babyklappen führen an, dass den Kindern die Kenntnis über ihre Herkunft verweigert würde. Bundesfamilienministerin Schröder (CDU) will anonyme Geburten und neue Babyklappen daher verhindern. Der Berliner Senator Czaja und Bischof Mark Dröge sprechen sich gegen die Verbote aus. Es sei weit besser, ein Kind kenne seine leiblichen Eltern nicht, als dass es sterben müsse.

Eine zweite Chance

Auch Beate und Bernd Wald, die Adoptiveltern von Lisa, kritisieren die Pläne von Claudia Schröder. „Natürlich sollte das nicht über Privatinitiativen erfolgen, sondern über zuverlässige Institutionen wie Krankenhäuser und Jugendämter“, so Bernd Wald. „Dann werden sich immer Menschen finden, die diese Kinder lieben.“ Auch Lisas Eltern haben ein Jahrzehnt versucht, ein leibliches Kind zu bekommen. Schließlich entschlossen sie sich zur Adoption, durchliefen bei der Caritas alle Auswahl- und Prüfungsverfahren und bekamen schließlich den erhofften Anruf.

Man erzählte ihnen von dem winzigen Säugling in der Babyklappe. Danach begann die bange Wartezeit und das Nachdenken über möglicherweise zurückbleibende Schäden Lisas. Im Vordergrund stand für Beate und Bernd Wald von Anfang an jedoch, dass das Mädchen durchkommen würde. Jeden Tag besuchten sie es und konnten schließlich ein gesundes Mädchen mit nach Hause nehmen. Ihre später doch noch zur Welt gekommenen leiblichen Kinder vermehrten das Familienglück weiter. Über ihre Herkunft ließen Beate und Bernd Wald ihre erste Tochter nie im Unklaren. „Lisa hat sich damit zufriedengegeben, später immer mal wieder nachgefragt“, so die 38-jährige Mutter.

Erfolgreiches Konzept

Vier Babyklappen gibt es im Berliner Stadtgebiet. 43 Kinder wurden dort bisher abgelegt. Seit es die Einrichtungen gibt, sank die Anzahl der getöteten oder hilflos ausgesetzten Kinder im gesamten Bundesgebiet von 40 bis 60 auf circa 20 pro Jahr. Natürlich könne nicht jedem Kind geholfen werden. „Manche Mütter erreichen wir einfach nicht, andere haben die Schwangerschaft verdrängt und geraten bei der Geburt in Panik. Aber jedes Leben zählt“, so Stangl.

Zum Abschluss des Besuchs erzählt Beate Wald, wie Lisa an ihrem letzten Geburtstag unvermittelt fragte: „Mama, meinst du, dass meine Herkunftsmama heute auch an mich denkt?“ Nach kurzem Zögern versicherte die Mutter, dass das bestimmt der Fall sei. „Sie hatte dich doch auch lieb. Und wird diesen Tag ganz sicher nicht vergessen.“

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

mehr Informationen zum Angebot für Mütter in Not am Krankenhaus Waldfriede

Krankenhaus Waldfriede e. V., Argentinische Allee 40, 14163 Berlin

Krankenhaus Waldfriede e. V.

Screenshot der Website www.waldfriede.de

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