Virtual Reality im Jüdischen Museum

Geschichten aus Jerusalem selbst miterleben

Geschichten aus Jerusalem selbst miterleben
Grenzkontrolle am Checkpoint der Mauer: der Alltag für Palästinenser und Isrealis. Zur Foto-Galerie
Der jüdische Regisseur Dani Levy hat für das Jüdische Museum vier Virtual Reality-Filme gedreht. Sie handeln von Glaube, Liebe, Hoffnung und Angst in den Straßen Jerusalems und geben mit kritischem Humor einen intensiven Einblick in das Leben in der geteilten Stadt.

Der Dreh dieser vier Kurzfilme stellte den sonst so erfahrenen Regisseur und Schauspieler Dani Levy, bekannt unter anderem aus dem Film Der Staat gegen Fritz Bauer, vor einige Herausforderungen. Denn in der geteilten Stadt gelten andere Regeln, wie das „Anti-Normalisierungs-Gebot“ der palästinensischen Behörden: Dieses verbietet Palästinensern, an Projekten mit Israelis teilzunehmen. Begründung? Es gäbe keine Normalität zwischen Israelis und Palästinensern. Tatsächlich weigerte sich die palästinensische Schauspielerin in der Episode Liebe wegen diesem Gebot, auch nur ein Anzeichen von Sympathie gegenüber einem israelischen Soldaten zu zeigen – und so mischt sich in diese fiktiven Kurzfilme auch ein dokumentarisches Element. Das alles wird gewürzt mit dem trockenen, jüdischen Humor, der so typisch ist für Dani Levy und schon bekannt aus Filmen wie Alles aus Zucker.

Sein neues Projekt Geschichten aus Jerusalem ist eine filmische Installation für die derzeit laufende Ausstellung Welcome to Jerusalem im Jüdischen Museum und besteht aus vier Emotionen. „Glaube, Liebe, Hoffnung, Angst – profane Worte, arg strapaziert und oft benutzt, und trotzdem gibt es wenige Orte auf der Welt, die diese Themen auf engstem Raum so gerecht werden wie das zweigeteilte Jerusalem“, sagt Levy, der übrigens selbst in Schöneberg wohnt. Die Geschichten sind mal aus israelischer, mal aus palästinensischer Sicht erzählt und versetzen einen mitten hinein in den politischen Konflikt, der den Alltag der Bewohner Jerusalems bestimmt.

„Bei der VR-Technik bist du bist involviert als Mensch, als Zuschauer. Die Leute sprechen dich an, sehen dich an und interagieren mit„, so Levy in einem Interview. „Ich war selbt beim ersten Mal total aufgeregt. Es ist ein neuer Schritt im Filmeschauen: Echtzeit und Echtheit ist eine große Chance fürs Kino.“ Man dürfe die Zuschauer aber nicht überfordern. Als Beispiel nennt er die alte Stummfilmzeit, als zum ersten Mal ein pfeifender Zug auf der Leinwand erschien und die Zuschauer panisch aus dem Kino rannten, weil sie dachten, der Zug überfahre sie.

Eigenkreation: Die Kamera sitzt auf einem Flohmarkt-Helm und einer Kuchenform. ©Donschen/Medea Film

Der Nahostkonflikt im Alltag

Behutsam agieren musste das Filmteam nicht nur die zukünftigen Zuschauer, sondern auch für die Bewohner und Behörden der Stadt. Die Dreharbeiten sorgten für so viel Aufruhr, dass sogar Knallraketen von der palästinensischen Seite der Mauer geschossen wurden. Der Kurzfilm Angst gestaltete sich ebenfalls schwierig, da in den Ruinen von Abu Dis Abu Dis gedreht werden sollte, wo der Bau des zukünftigen palästinensischen Parlamentsgebäude geplant war. Dort wartet der Geist von Arafat selbst in den Ruinen, denn „Scheitern ist eine Illusion, genauso wie der Tod“. Nicht nur, dass der Dreh dort schlussendlich verboten wurde – kaum ein Palästinenser wollte den umstrittenen palästinensischen Freiheitskämpfer Jessir Arafat spielen.

Die Episode Glaube zeigt einen Straßenkomödianten. Eigentlich eine Alltagssituation, denn politische Stand-up-Comedy ist Teil der jüdischen Kultur. Aber regierungskritische Comedians haben es im heutigen Jerusalem schwer, und so heizt sich die Stimmung des zunächst unbeteiligten Publikums im Film gefährlich auf. Es ist eine lustige Szene, die plötzlich zu eskalieren droht – ganz im Gegensatz zur Episode Hoffnung: die liefert bildlich harten Tobak, ist aber inhaltlich herrlich schräg. Soldaten mit Scharfschutzgewehren stehen auf einem Dach, die Waffen auf einen Markt unter ihnen gerichtet. Man erwartet, einen Einsatzbefehl zu hören, stattdessen erlebt man, wie ein Soldat einen Kollegen unten am Bazar um eine Halskette für die Bar Mizwa seiner Tochter feilschen lässt. Dann wird er allerdings von der Ankunft Jesu unterbrochen. Jesus? Ja in der Tat. Wir wollen aber nicht alles spoilern und eine kurze Erklärung zu den jeweiligen Kurzfilmen gibt es dankenswerterweise auch immer am Ende jeder Episode.

Die VR-Ausstellung „Geschichten aus Jerusalem“ ist noch bis 16. Juni im Glashaus des Jüdischen Museums zu erleben und ist gratis. Alternativ kannst du die Filme auch auf ZDF oder ARTE gucken, aber ohne VR-Brille ist das definitiv nicht das gleiche!

Foto Galerie

Jüdisches Museum Berlin, Lindenstr. 9-14, 10969 Berlin

Telefon 030 25993300
Fax 030 25993409

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