Eine Art Stück-Kritik

Leander Haußmann belebt die Volksbühne wieder

Leander Haußmann belebt die Volksbühne wieder
Allein wegen der Stasi-Szenen rund um den Minister (Waldemar Kobus) lohnt sich der Theaterbesuch...
Mit der Uraufführung seines Stücks „Haußmanns Staatssicherheitstheater“ kehrt der erfolgreiche Regisseur und Castorf-Freund Haußmann an die einstige Kultbühne zurück und wird ausgiebig gefeiert.

Wenn das hier eine anständige Theaterkritik wäre, müssten wir erst einmal auf das Stück eingehen, das Leander Haußmann sogar selbst geschrieben hat… Aber irgendwie vermittelt sich uns der Eindruck, dass es gar nicht so sehr darum geht, was auf den bedeutenden Brettern in Mitte gespielt wird. Allein die Tatsache, dass nach all dem Trara einer aus der alten Riege wieder an der Volksbühne arbeitet, ist den Zuschauern ein Fest wert. (Sogar Frank Castorf selbst kam zur Premiere!) Ja, man meint zu spüren, wie erleichtert die gesamte Belegschaft ist und mit wie viel Schwung man den Neustart angeht: von den Bühnenarbeitern über die Garderobieren bis zu den Schauspielern. Ok, die meisten auf der Bühne waren früher gar nicht hier am Haus, sondern sind Haußmann aus anderen Produktionen (vor allem am Berliner Ensemble) oder Filmarbeiten in bester Erinnerung geblieben, was der Inszenierung einen familiären Charakter verleiht.

Schon das Bühnenbild von Lothar Holler, das den Puppenhausrahmen für die Komödie rund um Stasi, Spitzel und die Berliner Bohème bietet, wird mit großem Applaus begrüßt. Natürlich ist es toll gemacht, die Details eines Berliner Mietshauses sind perfekt eingefangen, aber normalerweise lässt sich ein Berliner Publikum doch nicht schon in den ersten Minuten zum Klatschen bewegen… Hier schon. Was sich dann in den nächsten dreieinhalb Stunden abspielt, ist nur schwer in Worte zu fassen. Haußmann, dem übrigens ein IM das „Gehabe eines labilen Gewohnheitslügners“ und „egozentrisches Alltagsverhalten“ attestierte, rechnet hier recht lose mit dem perfiden Stasi-System ab: Um in Künstlerkreise im Prenzlauer Berg eindringen zu können, werden Künstler oder solche, die es werden könnten, als Informanten rekrutiert. Stasi-Offiziere trainieren ihre neuen Mitarbeiter zu Bohemiens, um  die grenzenlose Überwachung im Alltag bis ins Bett sichern zu können… Schon zu DDR-Zeiten lag Haußmann nach eigener Aussage das Lachen näher als die Verzweiflung, so zielt seine Art der Aufarbeitung folgerichtig darauf, den komischen Aspekt der Stasi zu betonen.

 

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Ein Beitrag geteilt von Urban Zintel (@urban_zintel) am Mai 29, 2018 um 5:21 PDT

Und wie früher (an der Volksbühne) wird hier der Humor vom Sarkasmus bis zum Klamauk voll ausgenutzt, um uns die Unglaublichkeiten aus der DDR-Vergangenheit im Großen und Kleinen vor Augen zu führen. Das Stück verzichtet weitestgehend auf rührselige Ostalgie zugunsten einer kitschigen Ironie – gibt es nicht? Doch, jetzt schon. Seit längerem arbeitet Haußmann an dem Stasi-Stoff, aus dem er auch noch einen Roman und einen Film machen wird. Dabei sind schon jetzt großartige Szenen entstanden, die vor allem durch Christopher Nell und Waldemar Kobus jeden Jubel wert sind. An einige Stellen rutscht die Inszenierung ins operettenhafte ab – oder ist es das Publikum, das abrutscht, weil es, berauscht von der Musik, jede Distanz verliert? Der mageren Liebesgeschichte, die inhaltlich die roten Fäden bündelt, kommen die Songs (von Sir Henry und Herman Hermann musikalisch gekonnt begleitet) sehr zugute, vertreiben sie doch immer wieder die aufkommende Langeweile.

Aber was heißt schon Langeweile an der Volksbühne? In der Castorf-Ära gehörte es zum guten Ton, die Zeit zu dehnen, um es dem Publikum nicht zu bequem zu machen. Egal. Bleiben wir bei Haußmanns Staatssicherheitstheater: Man darf nicht vergessen, dass Leander Haußmann in der DDR gelebt hat, dass seine Auseinandersetzung mit dem Thema auch eine persönliche Sache ist. Er macht sich über sich selbst lustig, über die Stasi, über das Leben von damals und heute. Das ist gut, manchmal sogar viel mehr als das! (Wir sind gespannt, was er im Film daraus macht.) Und hat sich eigentlich etwas geändert? „Eine gute Lüge ist besser als eine beschissene Wahrheit“, leitet Horst Kotterba als alternder Schriftsteller Ludger in seinem Monolog die Show ein. Das ist immer noch so. Und spätestens am Ende des Stücks wird allzu deutlich, dass es die Speichellecker von damals wirklich immer schon gab und dass es sie auch weiter geben wird. Das stört das Publikum aber nicht. Es wird gelacht und geklatscht, denn hier und heute ist alles wunderbar: Die Volksbühne ist nicht mehr tot. Lang lebe die Volksbühne!

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