Unterwegs im Kiez

Erst Villenviertel, dann Landpartie

Erst Villenviertel, dann Landpartie
Unmittelbar vor der Stadtgrenze zu Berlin darf Potsdam diese schmucke Villa noch sein Eigen nennen.
Griebnitzsee – Raus aus der Bahn, rein in den See. Naja fast. Wenn man den S-Bahnhof Richtung Norden verlässt, fällt man quasi in das L-förmige Gewässer. Und der Ufer-Panoramablick bleibt nicht das letzte "Wow" auf dem "Inter-City-Spaziergang" zwischen Potsdam und Berlin. Wir waren unterwegs auf einer Route, die irgendwo zwischen Luxusvillen und Landpartie zu verorten ist.

Allein der graue Himmel versaut die Illusion: Von der leichten Anhöhe am Ufer schaut man nicht etwa hinunter auf den Gardasee, sondern auf den südlichsten Punkt des Griebnitzsees, der Berlin und Potsdam miteinander verbindet. Verbindet – das gilt hier erst wieder seit der Wiedervereinigung, denn die innerdeutsche Grenze verlief einst mitten durch den See. Alten Mauerresten, so viel sei vorweggenommen, wird man hier noch begegnen.

Los geht’s aber auf der Rudolf-Breitscheid-Straße, die nach ein paar Metern zur Neuen Kreisstraße wird. Am Rand der Allee räkelt sich eine Luxusvilla neben der anderen. Nur zu gerne würde man wissen, wer hier ein- und ausgeht. An manchen Grundstückszäunen hat die Bürgerinitiative „Griebnitzsee für alle“ ihre Banner aufgehängt: Sie fordern öffentliche und frei zugängliche Ufer rund um den historisch bedeutsamen See.

Back in Berlin

Ein paar Meter weiter gen Westen taucht es dann auch auf, ein altes Stück der Berliner Mauer – und zwar hinter einem Zaun, bunt besprayt. Spätestens jetzt wird klar, dass man gerade Teile des Berliner Mauerwegs abschreitet. Nach dieser Geschichtslektion geht’s gedankenverloren weiter. Und ehe man sich versieht, hat man auch schon wieder Hauptstadtboden unter den Füßen, ein Ortseingangsschild markiert die Stadtgrenze. Optisch merkt man das kaum, die Villenparade will nicht enden. Einzig zwei, drei ausgefallene Hauseingänge, einer bewacht von einer goldenen Mini-Rehskulptur, könnten als Indiz für Hauptstadt-Verrücktheiten durchgehen.

Nach circa hundert Metern heißt es abbiegen, rechts in die Bäkestraße. Noch immer ist man auf dem Mauerweg, noch immer suchen Schickimicki-Neubauten nach finanziell potenten Bewohnern.

Grünzeug, soweit das Auge reicht

Und dann? Dann ist man plötzlich in einer anderen Welt. Was erst wie eine Sackgasse wirkt, ist ein Tunnel, hinter dem eine Weggabelung folgt: Man läuft hindurch und noch während der Blick eine Gedenk-Inschrift der preußischen Eisenbahn streift, steht man unversehens mitten in der Natur. Ein Schild warnt vor Kröten, aus dem Wald tönt es „kuckuck“ und Nacktschnecken fürchten sich vor Fußsohlen. Geradeaus geht’s in ein verwunschenes Waldstück, zur linken erstreckt sich das Kremnitzufer am Rande des Teltowkanals.

Während man Bretterställe und Weidenzäune hinter sich lässt, glaubt man kaum, noch in Berlin zu sein. Am Kanal entlang lässt es sich herrlich flanieren, weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Ein Landgut und einen Fischerverein lässt man noch hinter sich, dann taucht zur linken Seite, bevor das Kremnitzufer in die Straße „Albrechts Teerofen“ übergeht, der Zeltplatz Bäkewiese auf. Mit Campingplatz hat dieses grüne Areal nicht zu tun, es ist vielmehr ein natürlicher Zeltplatz mit Feuerstelle fürs Stockbrot. Und von weitem linst sie schon um die Ecke, die Weidenkirche. Denn: Hier wird gerade eifrig an Berlins erster Open-Air-Kirche gebaut.

Hier endet der Kiezspaziergang mit ganz viel Landflair. Wer noch mehr entdecken will, sollte selber herkommen, am besten mit Fahrrädern. Dann kann‘ s auch eine längere Inter-City-Tour werden.

Weidenkirche auf der Bäkewiese, Kremnitzufer 9, 14109 Berlin
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