Wasserklops wird abgerissen

Dann reißt auch das Europa-Center ab - oder?

Dit is' Berlin. West-Berlin, aufgenommen aus dem neuen Hotel Waldorf Astroia. Vorn die Spitze der Gedächtsniskirche und hinten: das Europa-Center.
Dit is' Berlin. West-Berlin, aufgenommen aus dem neuen Hotel Waldorf Astroia. Vorn die Spitze der Gedächtsniskirche und hinten: das Europa-Center.
Der Wasserklops in der City West soll verschwinden. Warum eigentlich? Wenn, dann könnte man doch über einen ganz anderes Bau reden.

Das geht nun doch ein wenig ans West-Berliner Eingemachte. Weg mit dem Wasserklops? Es könnte eine Art Versuchsballon sein: Was kann ohne viel Getöse noch weg auf dem pfeilgeraden Weg zur schönsten Innenstadt von allen? Die Stimmung passt grad so schön.

Zugegeben: Der Breitscheidplatz ist seit Jahrzehnten, eigentlich seit dem Bau des Europa-Centers, eine Projektionsfläche für städtebauliche Experimente, die nach ihrer späteren Abschaffung von niemandem vermisst werden. Da gab es die „Schnalle“, die vielspurige Querverbindung zwischen Tauentzien und Budapester Straße. Sie wurde aufgegeben, dafür bohrte man gleich nebenan eine massive Unterführung durchs städtische Erdreich, deren wirklicher Nutzen sich erst jetzt erwies, als sie wieder zugeschüttet wurde: null. Teure Sitzbänke um die Kirche: zerfallen. Eine dominante Fußgängerbrücke überspannte die Tauentzien, und ihr wirklicher Nutzen erwies sich, als sie wieder abgeschafft wurde …

Der Wasserklops kam 1984 auf die Berliner Welt als verschrobene Idee eines Stadtausstatters, der der Fachwelt immer irgendwie suspekt war, zu wenig intellektuell überhöht, fern jeglicher Betroffenheitssymbolik, dafür mit verständlichem, etwas einfachem Witz. Joachim Schmettau entwarf also eine Art gehärtete Sandburg mit Wasserspielen und metallenen Biestern, die komischerweise nicht nur Kindern gefiel, sondern auch die Entdeckungsfreude Erwachsener anstachelte.

Der Wasserklops ist Anziehungspunkt und Planschbecken

Der Wasserklops wurde zum Treffpunkt und Anziehungspunkt, Fotomotiv und Planschbecken – also zu etwas, was die meisten Städte der Welt verzweifelt zu inszenieren versuchen. Sein Verhängnis ist die enge Verbindung mit dem Europa-Center. Von ihm führt eine Treppe hinunter ins Untergeschoss, vorbei an einem Café, das weder in den Reiseführern noch im öffentlichen Bewusstsein existiert, in eine dunkle Kelleretage, die erst recht niemand braucht. Man würde so etwas heute nicht mehr bauen, das ist klar – aber wenn das Europa-Center selbst wenigstens noch einen Hauch einstigen Glanzes besäße und nicht zur Resterampe verkommen wäre, dann fiele das niemandem auf.

Die Idee allerdings, dass man nur dieses Loch zuschütten und den Klops entsorgen müsse und dort dann dem Europa-Center gewissermaßen automatisch ein fulminantes Entree verschaffe statt des aktuellen rundum hintertürhaften Zustands – die ist recht seltsam. Was an Ideen derzeit existiert, läuft ja im Grunde darauf hinaus, dass an Stelle des Brunnens und des Lochs eine glattgebügelte Granitfläche entsteht, die sich allnächtlich besenrein machen lässt und je nach Stimmung der jeweils kommunal Verantwortlichen mit Stühlen und Tischen zugeparkt werden darf oder eben auch nicht, eine große innerstädtische Kaugummiabwurffläche.

Cleaner Gestaltungszeitgeist

Dahinter steckt wieder mal die übliche Berliner Zwangsvorstellung, dass man seine Boulevards bei jeder Gelegenheit gewissermaßen aus einem Guss gestalten müsse. Daraus ergaben sich immer neue kurzlebige Gimmicks, die ein paar Monate lang bejubelt und ein paar Jahre später klammheimlich entsorgt werden, Lampen, Möbel, Blumenkübel. Der aktuelle Zeitgeist geht nun von einem cleanen Gestaltungsmodell aus, poliert, rechteckig, spülmaschinenfest, möchte nichts mehr wissen von dunklen Ecken, die sich den Blicken der Ordnungshüter entziehen. Am Wochenende war zu lesen, dass nun auch das hölzerne Terrassen-Podest vor der Paris-Bar in der Kantstraße entfernt werden musste, weil es dem erwünschten Gesamteindruck zuwiderläuft – solcher Kleinkram beschäftigt die Verwaltung jahraus, jahrein. Das große Umgraben und Neubauen rund um die Gedächtniskirche verklärt diese Ideen gewissermaßen zu einem gestalterischen Imperativ der Gegenwart.

Der Schmettau-Brunnen gehört nicht zu den kurzlebigen Ideen des Zeitgeistes. Er trägt zwar dessen Zeichen, hat aber seine Rolle gefunden, wird längst als Baustein der Berliner Identität wahrgenommen – so ähnlich wie der Vostell-Cadillac am anderen Ende des Kudamms.

Wenn etwas überprüft gehört an dieser Stelle, dann ist es das komplette Europa-Center, das seinen Lebenszyklus schon vor geraumer Zeit beendet hat. Da wäre anzusetzen, und wenn das den Klops das Leben kostet, dann ist das eben so. Es spräche nämlich nichts dagegen, ihn irgendwo dort auch wieder aufzubauen.


Quelle: Der Tagesspiegel

Europa-Center, Tauentzienstraße - 912, 10789 Berlin

Telefon 030 26497940
Fax 030 26497950

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Das Europacenter wird im kommenden Jahr 50. Zum Jubiläum bringt es ein Buch heraus, dafür können Zeitzeugen ihre Erinnerungen beisteuern.

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