• Mittwoch, 07. März 2012
  • von Julia_von_QIEZ

Restaurant in Wedding

Gerichte mit besonderer Note

  • Fünf & Sechzig
    Einen Besuch wert: das Fünf und Sechzig im Wedding Foto: QIEZ - ©QIEZ

Gute Restaurants sind die Vorhut der Veränderung. Wedding wurde von Gourmets lange gemieden. Trifft man hier doch eher Imbiss- und Kneipenkultur an. Eine der wenigen Ausnahmen ist das Fünf & Sechzig, ein sehr ambitioniertes Restaurant in der Torfstraße.

Die Preise sind moderat und die Einrichtung in Anlehnung an Alt-Berliner Wohnzimmer modern interpretiert. Kaffeehaus-Literaten freuen sich über eine alte Reiseschreibmaschine im Fenster, notorische Fröstler am Kamin und an den warmen Brauntönen, begeisterte Antikladenstöberer werden sich auf den alten Wohnzimmerstühlen wohlfühlen und die letzten Raucher im eigens für sie eingerichteten Aquarium. Kurzum: Nostalgiker werden an der Atmosphäre Gefallen finden, die ein bisschen an die 80er Jahre erinnert, als eine neue Welle anspruchsvoller Restaurants die Stadt bereicherte.

Eine Servicekraft an diesem Abend als Solist die nicht sonderlich belebten drei Räume. Er wirkte anfangs ein kleines bisschen entschleunigt, man kann nur hoffen, dass Verstärkung kommt, wenn auch die Terrasse frequentiert wird. An der flotten Folge der Gänge war allerdings nichts auszusetzen.

Ein dreigängiges Menü kostet 22 Euro, man kann es frei aus allen angebotenen Speisen zusammenstellen. Auf dem Antipasti-Teller gesellten sich eingelegtes Gemüse, Paprika, Zucchini, Auberginen zu schwarzen Schrumpeloliven und Möhren im Linguine-Look. Zum Einzelpreis von 7,40 Euro hätte das sicher noch etwas angereichert sein dürfen, beispielsweise durch Salami oder Käsewürfel. Dafür war das hausgebackene Oliven-Walnussbrot köstlich und die weiche Blüte aus Kräuterbutter verstärkte den guten nostalgischen Eindruck noch.

Hausmannskost mit dem gewissen Etwas

Gut gelungen war die cremige Zitronengrassuppe mit losen Blättern von frischem Spinat drin und ebenfalls frischen Champignons. Lammsugo mit Tabule-Minz-Couscous und Grillgemüse brachte im Beilagenteil ein Wiedersehen mit den Hauptdarstellern der Vorspeise, Zucchini und Aubergine, diesmal gegrillt und leider sehr mit Öl vollgesogen. Couscous kam eher als puristisches Küchlein daher denn als Tabule-Minz-Version. Das Fleisch war gut und zart in einer wunderbar dicken Tomatensauce.

Chickencurry klingt nach Hausmannskost, war hier aber ebenfalls gut umgesetzt. Das Hühnchen vom Geschmack her tadellos und so perfekt gegart, dass es sich kauen ließ wie Eierstich, superzart. Dazu passte das knackige Wokgemüse besonders gut, auch wenn es etwas sprossenlastig war.

Originell fanden wir beim Dessert das Erdnussparfait mit Erdbeersorbet. Das hätte nur zehn Minuten früher das Tiefkühlfach verlassen dürfen, um nicht ganz so knallhart auf den Gast zu treffen. Davon abgesehen fanden wir die Kombination aber gut und nachahmenswert. Auch das kleine Stück New York Cheesecake gefiel uns mit dem saftig krümeligen Boden und den Schokoladenblättern, die wie drei große Segel da draufsteckten.

Achtbare Weinkarte

Zum Anspruch des Hauses gehört das Zeremoniell beim Wein. Die Karte ist gut, es gibt eine achtbare Auswahl offener Weine, wie den australischen Shiraz-Cabernet Sacred Hill, der, wie der kräftige spanische Rioja, aus schönen Dekantierern eingeschenkt wird. Auch der Crémant zum Aperitif war gut und frisch.

In dieser Gegend muss man natürlich jonglieren können und Gerichte anbieten, die vielen gefallen und trotzdem eine besondere Note haben. Da hat die kleine Karte gute Lösungen zu bieten, den glasierten Chicorée auf orientalischem Linsensalat zum Beispiel oder auch Tofu im Sesammantel mit Süßkartoffelpüree und Pflaumenconfit.

Restaurant Fünf & Sechzig

Torfstraße 9
13353 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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