• Dienstag, 08. Mai 2012

Gustav-Falke-Schule in Wedding

Gut durchmischt ist halb gewonnen

  • Gustav-Falke-Grundschule
    Viel Spaß beim Lernen: Nicht nur den Schülern bereitet der Unterricht an der Gustav-Falke-Grundschule im Wedding Freude. Foto: Der Tagesspiegel - ©Kitty Kleist-Heinrich

Die Gustav-Falke-Schule in Berlin-Wedding betritt mit einem speziellen Lernkonzept neue Wege in der Berliner Grundschul-Bildung. Mit Deutsch-Tests soll eine gute Mischung in der Zusammensetzung der Schüler erreicht werden. Doch auch mit anderen Methoden wirbt man um die Gunst der Eltern.

"Wer hat Angst vor Dracula?" So schallt es durch einen Klassenraum der Weddinger Gustav-Falke-Grundschule. Die Kinder der JüL-Klasse beginnen mit dem Lied vom hungrigen Vampir ihren morgendlichen Deutschunterricht - und machen keinen besonders ängstlichen Eindruck. Im Gegenteil: Erst einmal sollen die munteren Erst- und Zweitklässler ordentlich Dampf ablassen, bevor sie von ihrer Lehrerin Sabine Gryczke an ihren Tischen mit Arbeitsmaterial versorgt werden. Wärend die Kinder schließlich über ihren Aufgaben brüten, betritt immer wieder Petra Brandenburg den Raum und holt ein bis zwei Kinder zum individuellen Lese-Unterricht heraus.

In dem Klassenzimmer mit der Spielecke und den bunten Bildern an den Fenstern geht es an diesem Morgen eigentlich ganz normal zu. Doch die Klasse der sechs- und siebenjährigen Schüler ist eine ganz spezielle. Als sie vor zwei Jahren eingerichtet wurde, zog die Weddinger JüL-Klasse viel Aufmerksamkeit auf sich. Man sprach von "Elite-" und "Deutschklassen". Tatsächlich hat sich vor Sabine Gryczke ein bunt gemischter Kinderreigen versammelt.

Vielfalt im Klassenzimmer

Schüler aus elf Ländern sitzen im Klassenraum. Einige von ihnen haben deutsche Eltern, einige stammen aus binationalen Partnerschaften oder haben Deutsch nicht von Beginn an als Muttersprache erlernt. Doch den Bärenstark-Test vor dem Start in ihre Schulzeit konnten alle Kinder erfolgreich ablegen. Darin mussten sie ihre Deutschkenntnisse unter Beweis stellen. Für die Leitung der Gustav-Falke-Schule sind die neuen Gruppen "Nawi-Klassen", denn sie werden von Anfang an in Naturwissenschaften unterrichtet. Auch der Englisch-Unterricht beginnt bereits in der ersten Klasse.

Der Test am Anfang ihrer Schullaufbahn fördert den Unterricht. "Man merkt schon, dass die Sprachkenntnisse besser als in anderen Klassen sind", berichtet Lehrerin Gryczke. "Aber das sind nicht alles kognitive Überflieger, sondern ganz normale Kinder" fügt ihr Kollege Oliver Fromm hinzu. So gibt es auch in Gryczkes Klasse Kinder, die aufgrund ihrer Lernschwäche zusätzlichen Unterricht benötigen würden.

Wenn die sogenannte "Elite" zur Sprache kommt, winken die Grundschullehrerin und ihr Kollege Fromm ab. Beide stammen aus dem Wedding und sind mit ihrem Bezirk vertraut. Ihnen gehe es "um eine gute Mischung". Und die könne nicht garantiert werden, wenn 90 Prozent der Kinder innerhalb des Klassenverbandes eine andere Muttersprache hätten. Die Deutschkenntnisse spielten nicht einmal die entscheidende Rolle. Die Eltern müssten sich an der Bildung ihrer Kinder interessiert zeigen, das sei wichtig. Ein Zeichen dafür wäre schon die Anmeldung der eigenen Kinder für die Nawi-Klasse. Die Lehrer bemerken das Interesse schließlich auch an den stark nachgefragten Elternsprechstunden.

Vorteile für alle Schüler

Durch eine gelungene Mischung, so hofft Gryczke, können auch die Perspektiven für Schüler aus problematischen Verhältnissen verbessert werden. "So bekommen sie vielleicht mit, dass man seine Freizeit auch anders gestalten kann als nur im Gesundbrunnencenter.“ Die Klassen, in denen der Bärenstark-Test nicht verlangt wird, könnten von dem Schulprojekt durch kleinere Klassen und den ebenfalls angebotenen Englisch- und Nawi-Unterricht profitieren. Auf dem Schulhof tauschen sich die Schüler darüber hinaus aus und sorgen damit für ein vielfältiges und offenes Klima. Von einem möglichen Neid auf die sogenannten Nawi-Klassen habe sie nocht nichts gespürt, so eine Mutter.

Karin Müller ist seit 25 Jahren Rektorin der Weddinger Grundschule. Die Zahl der Schüler sank seit dem Mauerfall beständig - von rund 620 auf derzeit 360 Kinder. Fast eine Klasse pro Jahr sei dabei verloren gegangen, erzählt Müller. Die demografischen Verhältnisse im Bezirk hätten sich dramatisch gewandelt. Bildungsnahe Familien verließen den Stadtteil und zogen in andere Kieze oder an den Stadtrand. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund.

Erstmals seit Jahren steigt die Zahl der Neuanmeldungen an der Gustav-Falke-Schule nun jedoch wieder. Im kommenden Jahr können bereits vier Nawi-Klassen eröffnet werden. Die Durchmischung der Schüler scheint dabei auf einem guten Weg. "Wir haben mittlerweile 25 Familien aus Alt-Mitte", so die Rektorin. Damit besuchen auch wieder Kinder aus dem bürgerlichen Stadtteil jenseit der Bernauer Straße ihre Schule.

Die Wünsche der Eltern

Für viele Eltern aus dem finanziell gut gestellten Milieu war die Vorstellung, ihren Nachwuchs gemeinsam mit Kindern aus dem problematischen Kiez Gesundbrunnen einschulen zu lassen, bis vor wenigen Jahren eine erschreckende Vorstellung. Auf die aus diesem Grund gegründete Elterninitiative ging die Gustav-Falke Schule im Jahr 2008 gezielt zu. "Wir haben sie gefragt: Was müsste denn passieren, dass ihr zu uns kommt?"

Die Eltern antworteten mit einem "Wunschzettel". Deutsche Umgebungssprache, Englisch-Unterricht von Anfang an und eine Schulküche in Bioqualität standen darauf. Und Müller konnte mit Hilfe von Eduard Heußen, dem früheren Senatssprecher und Bildungsberater, auf die Wünsche eingehen. Das Modellprojekt wurde von offizieller Seite genehmigt und läuft nun erstmal bis 2014. Müller würde es auch danach gerne weiterführen. Denn es brauche Zeit, bis sich das Projekt herumgesprochen habe, eine gute Mischung entstanden und das Vertrauen auch der bürgerlichen Familien gewonnen sei.

Im Einsatz für die Zukunft

Das Engagement des ganzen Kollegiums sei dabei gefragt, so Müller. Auf den Elternversammlungen der angrenzenden Kitas wirbt die Gustav-Falke-Schule für ihre Nawi-Klassen und man lädt zu Probestunden ein. So könne der Modellversuch Vorbildcharakter für andere Bezirke wie Kreuzberg oder Neukölln haben. Auch dort suchen Grundschulen nach Wegen, um für bildungsnahe Familien interessant zu werden. Auch die Bildungsverwaltung spielt bereits mit dem Gedanken, an unattraktiven Schulen Spezialklassen einzurichten.

An der Gustav-Falke-Grundschule sind bisher alle zufrieden. Auch eine Mutter aus Alt-Mitte sagt: "Wir fühlen uns dort wohl." Sie wird auch ihr zweites Kind in einer Nawi-Klasse einschulen lassen.

Gustav-Falke-Grundschule

Strelitzer Str. 42
13355 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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