• Freitag, 24. August 2012

Die stressfreie Oase

Das schönste Beet weit und breit

  • Anti-Stress-Oase
    Winfried Lauter kümmert sich täglich um seine Pflanzen - direkt neben der vierspurigen Seestraße. Foto: Der Tagesspiegel - ©Kai-Uwe Heinrich

Am staubigen Rand der Weddinger Seestraße regieren kaputte Bodenplatten, Hundekot und Müll. Nur eine kleine, bunte Oase stellt sich der grauen Umgebung entgegen.

Acht Jahre ist es her, dass Winfried Lauter das öffentliche Beet vor dem Altbau in der Seestraße mit den ersten Pflanzen schmückte. Die Nachbarn waren skeptisch. Inzwischen ist der 54-Jährige bei ihnen als Mann mit dem grünen Daumen bekannt und sie sind stolz auf die Zier vor ihrer Haustür. So mancher Tourist, der in den Ferienwohnungen entlang der Straße sein Quartier bezieht, bleibt stehen und fotografiert die bunte Blumenpracht.

Lauters Beet ist die Ausnahme. Entlang der vierspurigen Straße wurden viele andere von Steinen umgrenzte Erdflächen angelegt, die Präsentationsflächen für hüfthohes Unkraut und alte Kühlschränke sind. Ein besonderes Highlight sind die kaputten Fernsehgeräte. "Uns hat der Dreck gestört", erklärt Lauter, der von seinem Wohnzimmer einen guten Blick auf sein Beet hat.

Einzige Auflage: Keine Nutzpflanzen

Also nahm seine Frau Monika den Hörer in die Hand und kontaktierte das Grünflächenamt, um seinen Mitarbeitern von dem Plan zu berichten. Beide rechneten mit Problemen – aber es kam anders. Einzige Auflage: Keine Nutzpflanzen wie Kartoffeln und Obstbäume. Mehr mussten sie nicht beachten. Seitdem pflanzt und gießt Lauter fleißig in den 32 Quadratmetern vor seiner Haustür. Seine Wurzeln liegen im ländlichen Unterfranken, wo ihn seine Großeltern aufzogen. "Schon als Kind habe ich im Garten umhergewurschtelt", sagt Lauter. In den Neunzigerjahren verschlug es den gelernten Tischler nach Berlin.

Lauter wohnt im Erdgeschoss, in einer Wohnung, die früher eine Gaststätte und zwischenzeitlich eine Galerie war. "Arts & more" ist noch immer über seinen Wohnzimmerfenstern zu lesen. Heute geht er meist vor die Tür, um direkt aus seinem Wohnzimmer in seine kleine Anti-Stress-Oase treten zu können. So bezeichnet der Frührentner selbst den grünen Fleck.

Im Frühling wird eine neue Humus-Schicht aufgetragen, er pflanzt Blumen und Sträucher, das bestehende Grün wird gehegt und gepflegt. In der heißen Jahreszeit macht er es sich oft mit seiner Frau unterm Sonnenschirm auf dem Gehweg bequem und genießt den "kleinsten Biergarten Berlins", wie ein Besucher aus den Niederlanden es einmal nannte. Die Lauters mögen diesen Titel. Sie frequentieren Weddings Kneipen eher selten. Warum sollten sie auch? "Wir haben einen besseren Blick als in jeder Kneipe hier im Umkreis", meint Lauter.

Diebe verlieren gegen schöne Momente

Ganz ohne Stress lebt es sich aber auch in seiner Oase nicht. Immer wieder kommen Pflanzen weg. 2012 verschwand erst ein Rhododendron, dann der Flieder. Vor vierzehn Tagen stahl jemand eine Haselnuss, die schon vier Jahre an Ort und Stelle wuchs. Wie eine öffentliche Vermisstenanzeige soll das flache Loch wirken, das nach der Tat übrig blieb. "Dumm ist, dass man sich ärgert", sagt Lauter. Doch das Paar versucht es leicht zu nehmen, eine andere Reaktion würde auch nicht weiterhelfen, findet Monika. "Wir freuen uns, dass unsere Blumen Ihnen so gut gefallen", lautet ihre Nachricht an den Dieb. Für eine Pflegeanleitung brauche er nur zu klopfen. Aber niemand meldete sich darauf.

Ab und an spielt das Paar mit dem Gedanken, den Garten ruhen zu lassen. Dann müssen sie keine Gedanken mehr verschwenden an gestohlene Pflanzen, pinkelnde Hunde und Müll, der noch immer in sein Beet geworfen wird. Als der Stock-Flieder abhandenkam, war er kurz davor hinzuschmeißen. Aber dann gibt es die Augenblicke, in denen er beobachtet wie Kindergartengruppen innehalten und die Vögel beobachten, Nachbarn seinen Garten loben und ihm manchmal Blumen zum Einpflanzen geben. Dann vergisst er die schlechten Seiten. "Es ist schon eine persönliche Sache mit dem Garten", sagt Lauter. "Aber wenn wir eine Pflanze setzen, dann gehört sie allen."

Adresse

Müllerstraße 123-125
13349 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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