Früher war alles anders

Westalgie: Die Sehnsucht nach dem alten West-Berlin

Berlin Wall. East and West Berlin. 1984. Cold War. Warning you a
Mit dem Fall der Mauer gingen nicht nur die DDR und Ost-Berlin unter, sondern ebenso endete die seit dem Kriegsende eingenommene Sonderstellung des Westteils der Stadt. Da der für viele etwas Besonderes war, ist eine diesbezügliche Nostalgie – oder eben „Westalgie“ – ein wachsendes Phänomen.

„Wenn du nicht dabei warst, wirst du es nicht verstehen; wenn du dich noch daran erinnern kannst, warst du nicht wirklich dabei.“ So in etwa lässt sich das beschreiben, was viele Alt-Berliner und Ausgewanderte, die hier früher lebten, über das alte West-Berlin denken. Die „Insel der Freiheit“, ein Refugium der Unangepasstheit, ein Schutzreservat für diejenigen, die sich weder Ost noch West wirklich zugehörig fühlten.

Doch reicht das alles für eine akzeptable Form von „Westalgie“ oder schauen vielleicht viele mit einer zu rosaroten Brille auf die aus heutiger Sicht so merkwürdig erscheinende Stadt, die umringt war von 155 Kilometern Mauer und Stacheldraht? Wir verraten es dir und zeigen, was und wie das alte West-Berlin wirklich war.
Fun-Fact: Ob man damals West-Berlin oder Westberlin, Ost-Berlin oder Ostberlin schrieb, war zeitweilig ein regelrechtes Politikum.

1. Der Westalgiker: Ein Blick auf einen besonderen Typus Mensch

Wenn du heute ein halbwegs junger Hauptstadtbewohner bist, kennst du wahrscheinlich zwei Sorten Menschen – Berliner*innen und alle anderen. In früheren Zeiten war das jedoch nicht so. Genauer: zwischen dem 5. Juni 1945 und dem 1. Oktober 1990, also gut 45 Jahre.

In diesem Zeitraum wurde West-Berlin von den drei westlichen Siegermächten des Krieges (USA, Großbritannien und Frankreich) verwaltet und ab 1950 direkt vom Senat regiert; wobei die Alliierten stets das letzte Wort hatten. Dabei war es über weite Teile dieser 45 Jahre nicht einmal ganz klar, was West-Berlin eigentlich aus völkerrechtlicher Sicht war.

So sah das Brandenburger Tor zum Kriegsende am 8. Mai 1945 aus.

Brandenburger Tor im Zustand des 8. Mai 1945 (Kriegsende)

• Faktisch war es ein Bundesland West-Deutschlands. Nachgewiesen unter anderem im Grundgesetz, der berlinerischen Verfassung und im Berliner Viermächteabkommen – selbst wenn die Sowjetunion und die DDR das streckenweise völlig anders sahen.

• Praktisch war West-Berlin hingegen „nur“ ein Sondergebiet, das mit dem Westen verbunden war. Viele west-deutsche Gesetze galten hier nicht; auch hatten Abgeordnete aus der Stadt im Bonner Bundestag nur ein beratendes Stimmrecht. Zudem hatten die Siegermächte deutlich mehr Entscheidungshoheit über West-Berlin als über jedes andere west-deutsche Bundesland.

Damit kommen wir zu den Bewohnern dieser Stadt: Wer heute ein Westalgiker ist (ungeachtet dessen, ob er sich selbst so bezeichnet), der hat in diesen 45 Jahren höchstwahrscheinlich das alte West-Berlin am eigenen Leibe erlebt – und befindet es noch heute – vielleicht auch nur in Teilen – für besser als das geeinte Berlin.

Warum? Nun, darauf lässt sich keine pauschale Antwort geben. 1989 lebten im Westteil der Stadt 2,13 Millionen Menschen. Zieht man all jene ab, die damals zu jung waren, um West-Berlin „aktiv“ mitbekommen zu haben, verbleibt trotzdem eine ziemlich hohe Zahl von Personen. Sie alle haben ihre eigenen Gründe, warum sie West-Berlin mehr oder weniger nostalgisch betrachten und der Stadt teilweise sogar stark nachtrauern.
Was jedoch solche Menschen antreibt, lässt sich selbst für Außenstehende und deutlich jüngere Berliner verstehen, wenn man einen genaueren Blick auf diese westliche Insel inmitten eines realsozialistisch geprägten Meeres wirft.

2. West-Berlin: Ein Überblick über die allgemeinen Realitäten

Auf dem Papier klang es eigentlich sehr einfach: Die Westalliierten verpflichteten sich, der Sowjetunion Teile der von ihnen befreiten Gebiete in Mittel- und Ostdeutschland zu überlassen. Umgekehrt verpflichtete sich die Sowjetunion dazu, die von ihr allein eroberte Hauptstadt des Deutschen Reiches, eben Berlin, mit den drei anderen Alliierten zu teilen.

Ein Antrag auf Einreise in die DDR.

Das Ergebnis war die sowjetische Besatzungszone (SBZ), die am 7. Oktober 1949 zur DDR wurde. Ferner entstand ein Berlin, das zunächst viergeteilt war – der Osterteil unterstand der Sowjetunion, der Westen wurde in die drei Sektoren unterteilt.
Schon kurz nach Kriegsende verschlechterten sich jedoch die Beziehungen zwischen den Alliierten. Genauer gesagt zwischen der Sowjetunion auf der einen Seite und den Westalliierten auf der anderen Seite. Die Gründe dafür waren vielfältig:

• dramatisch unterschiedliche politische Systeme.

• unter anderem davon ausgelöste Fluchtbewegungen aus SBZ und Ost-Berlin nach West-Berlin und in die westlichen Besatzungszonen.

• Festhalten der Westalliierten am Berliner Viermächtestatus, wohingegen die Sowjetunion die Stadt lieber in Gänze unter ihren Einfluss bekommen hätte. in größerer Betrachtung bezog dieser Streit sogar Gesamt-Deutschland mit ein.

Die Fronten verhärteten sich zusehends und wurden spätestens zementiert, als die Sowjetunion am 24. Juni 1948 alle Transitstrecken nach West-Berlin abriegelte, um die Stadt buchstäblich auszuhungern. Anders als geplant beugten sich die Westalliierten jedoch nicht den Tatsachen, sondern versorgten West-Berlin mehr als ein Jahr lang über den Luftweg.

Ein mehr als deutliches Signal: „Wir geben West-Berlin nicht auf!“, lautete es. Für sehr viele damalige West-Berliner war das sozusagen ein Startschuss für charakterliche Eigenständigkeit. Man begann sich als ein Bollwerk gegen das sowjetische Vorgehen zu sehen; eine Insel von Freiheit und Demokratie. Aufgrund der geographischen Lage jedoch buchstäblich „von allen Seiten umringt“.

Ein Vergnügen war die Ausreise in Richtung DDR nie.

Damit keimte schnell ein anderes Bewusstsein auf als in West-Deutschland. Eine Art besonders starker Lokalpatriotismus. Der wurde noch verstärkt, weil West-Berlin über seine gesamte Existenz hinweg einen Sonderstatus beibehielt. Den Gipfel bildete schließlich der Mauerbau ab August 1961. Er machte West-Berlin endgültig zu einer echten Insel.
Um zu verstehen, wie das tagtägliche Leben hier aussah, musst du einige Key-Facts kennen:

• Ein erheblicher Teil sämtlicher Güter des täglichen Bedarfs musste aus dem Westen importiert werden. Damit eine solche Lage wie bei der Blockade nicht mehr auftreten konnte, wurden in Form der Senatsreserve zudem gigantische Mengen von Gütern in geheimen Depots eingelagert.

• Zwar unterhielten die drei Westalliierten Truppenpräsenzen in der Stadt. Angesichts der enormen Entfernung zu West-Deutschland (kürzeste Distanz bis ins östliche Niedersachsen ca. 130 km) wäre West-Berlin jedoch im Kriegsfall wahrscheinlich schnell gefallen.

• Aufgrund des Berlin-Status und den Kriegsverheerungen verlor West-Berlin viele Industrie- und andere Wirtschaftsbetriebe aus der Vorkriegszeit. Teils, weil diese in den sichereren (d.h. nicht von der DDR „umzingelten“) Westen umsiedelten; teils, weil die Betriebe in West- und Ost-Berlin aufgespalten waren oder gänzlich im Ostteil lagen. Ein vorsichtiges Aufblühen dank Subventionen wurde durch den Mauerbau jäh abgewürgt. In der Folge gingen West-Berlins Wirtschaftsleistung und Arbeitslosenzahlen andere Wege als in West-Deutschland.

• Bis auf die (für viele West-Berliner zu teuren) Flugverbindungen gingen sämtliche Transport- und Kommunikationsrouten durch die DDR. Das bedeutete lange und erniedrigende Grenzkontrollen. In Sachen Telefonie sowie Radio- und Fernsehübertragung setzte man teils sogar auf Richtfunk, um nicht auf durch die DDR laufende (= leicht abzuhörende) Leitungen angewiesen zu sein.

Zwar blühte auch West-Berlin nach dem Krieg auf. Allerdings aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Lage längst nicht so nachhaltig, wie es in West-Deutschland der Fall war. Teile der Stadt waren aus politischen Gründen Brachen. Vielfach wurde noch für Jahrzehnte aus Wohnraumnot so gelebt wie in Vorkriegszeiten – etwa mit Kohleöfen in jedem Raum.

Spürbar war die Teilung auch auf Reisen in den Westen, dank schikanierender Kontrollen wie hier beim Übergang Dreilinden.

Viele West-Berliner verließen die Stadt. Von 2,23 Millionen Einwohnern 1957 waren 1984, dem Tiefstand, nur noch 1,85 Millionen verblieben. Diese Lage führte jedoch zu einer Situation, in der eben jenes alte West-Berlin entstehen konnte, dem heute viele Westalgiker nachtrauern. Eine in jeglicher Hinsicht besondere Stadt.

• zwar westlich geprägt, aber im Alltag ganz und gar nicht west-deutsch.

• zwar tief in der DDR gelegen, aber dennoch völlig anders als dieser Staat.

Ein Kuriosum, ein geschichtlicher Ausnahmefall. Ein sonderbarer Mix zwischen Vorkriegs-Berlin und Kalter-Krieg-Realitäten – einige davon selbst im Vergleich mit West-Deutschland äußerst positiver Natur.

3. West-Berlin: Die positiven Seiten der untergegangenen Stadt

In den Jahren bis zum Mauerbau waren sich West-Deutschland und -alliierte sehr wohl über die Strahlkraft West-Berlins im Klaren. Aus diesem Grund wurde hier viel getan, um inmitten des Ostblocks die Überlegenheit westlicher Demokratien sichtbar zu machen.

Nirgendwo sonst im westalliierten Deutschland waren die Schaufenster nach dem Krieg so rasch proppenvoll mit westlichen Waren. Es wurden Vorzeige-Objekte wie das Hansaviertel oder das Kongresszentrum hochgezogen. West-Berlin orientierte sich zudem in diesen ersten anderthalb Jahrzehnten soziokulturell besonders stark an den USA; stärker als andere deutsche Regionen.

Zudem sorgte der Sonderstatus der Stadt für das Aufkommen von Realitäten, die in West-Deutschland unmöglich oder deutlich schwieriger waren:

  • West-Berlin war explizit von wehrpolitischen Belangen West-Deutschlands ausgeklammert. Die einzigen militärischen Präsenzen waren die Berlin Brigade der USA und Großbritanniens sowie die französischen Forces Françaises à Berlin. Weder hatte die Bundeswehr Standorte in der Stadt noch zog sie Personen mit ständigem Wohnsitz in West-Berlin zum Wehrdienst ein. In Zeiten, in denen der Dienst das Leben vieler junger Männer empfindlich unterbrach, war dieser Sonderstatus naturgemäß sehr beliebt – so beliebt, dass über die Jahre einige Zehntausend West-Deutsche extra deswegen nach West-Berlin umsiedelten.
  • Wer in West-Berlin arbeitete, egal ob er dort lebte oder eigentlich in West-Deutschland, der bekam ab 1971 grundsätzlich eine sogenannte Berlinzulage ausbezahlt: Acht Prozent zusätzlich aufs Brutto-Gehalt – und das steuerfrei. Obendrein musste der Brutto-Lohn aufgerundet werden, um durch 10 teilbar zu sein. Real gabs also noch mehr als diese 8,0 Prozent.
  • Wer nach West-Berlin zum Arbeiten zog, bekam zudem verschiedene Hilfen und Zulagen wie etwa eine Erstattung der Umzugskosten oder 1.200 D-Mark Überbrückungsgeld.
  • Anders als West-Deutsche konnten Berliner ab 1971 mit erleichterten Visa-Regelungen nicht nur nach Ost-Berlin reisen, sondern in die ganze DDR – etwa, um Angehörige zu besuchen. Obendrein mussten West-Berliner keine obligatorischen Visa-Gebühren bezahlen.

Vor allem nach dem Mauerbau (mehr zu dessen negativen Auswirkungen liest du im nächsten Kapitel) begann zudem eine Entwicklung zu einer noch stärkeren charakterlichen Eigenständigkeit gegenüber West-Deutschland.

Das führte dazu, dass in West-Berlin soziokulturelle Tatsachen aufblühen konnten, die in West-Deutschland einen schwierigeren Stand hatten. So waren vor allem die jüngeren Einwohner der Stadt (nicht nur, aber auch die vielen Studierenden) deutlich offener gegenüber alternativen persönlichen Lebens- und Gesellschaftsmodellen. West-Berlin war daher unter anderem eines der wichtigsten Zentren der deutschen Studentenbewegung ab Mitte der 1960er Jahre.

In die gleiche Kerbe schlug die Offenheit gegenüber queeren Menschen. Schon in den 70er Jahren gab es wohl in ganz West-Deutschland keinen einzigen Ort, an dem LGBTQ-Menschen sich so frei und ungestört unter ihresgleichen bewegen konnten wie beispielsweise rund um den Nollendorfplatz in Schöneberg.

Ebenso schaffte es West-Berlin, die damaligen „Gastarbeiter“ aus der Türkei und anderen Nationen besser zu integrieren, als es die vielfach sehr ablehnende Haltung in West-Deutschland zuließ.

Nicht zuletzt muss man hierbei West-Berlins Club- und Kneipenkultur erwähnen. Ihr gelang es durch den Sonderstatus der Stadt, zu einem faszinierenden Mix aus Retro, Moderne und Futurismus zu werden. Typische Eckkneipe neben High-Tech-Club, Freizeitmusiker neben internationalen Größen wie David Bowie. Wohl nirgendwo sonst konnten solche Extreme so gut nebeneinander und miteinander existieren. Die nichtexistente Sperrstunde – eine Einzigartigkeit – trug ihr Übrigens dazu bei.

Unterm Strich: West-Berlin schaffte es, ein sehr liberaler, vielfältiger, offener Gegenpol zum westlich-konservativen West-Deutschland zu sein, ohne sich jedoch darüber zu stark dem Osten anzunähern. Sozusagen ein Ort, an dem in vielerlei Hinsicht ein drittes Modell zwischen den verfeindeten Blöcken Ost und West existieren konnte.

Bis heute kann Berlin in dieser Hinsicht überzeugen. Nach Ansicht vieler Westalgiker wurde dies jedoch schlicht dadurch verwässert, weil Berlin nach dem Mauerfall wieder eine völlig normale Stadt wurde. Eine Stadt, die keinerlei politische Besonderheiten mehr besitzt, weil sie nunmehr bloß noch im Ostteil des geeinten Deutschlands liegt.

4. West-Berlin: Die häufig etwas übersehenen Realitäten

Es gehört praktisch zum Wesenskern einer jeden Form von Nostalgie, zurückliegende Zeiten zu verklären. Berlin-bezogene Westalgie macht dabei keinen Unterschied. Ja, die Stadt war etwas ganz Besonderes, etwas völlig anderes. Das darf jedoch nicht über das Vorhandensein weniger schöner Realitäten hinwegtäuschen.#

In dieser Hinsicht war der Mauerbau nicht nur für die Bewohner der DDR und von Ost-Berlin eine Zäsur. Indem er die Mauer baute, schaffte es der Osten, so abstrus es klingen mag, Ruhe in die ständig schwelende Berlin-Frage zu bringen. Die zweite Berlin-Krise wurde radikal beendet. Zwar endete nicht der Zwist zwischen Westalliierten und der Sowjetunion, aber er verlor bedeutend an Schärfe.

West-Berlin büßte dadurch sehr schnell seinen Status als Vorposten und vor allem als Schlupfloch in den Westen ein. Hatten zuvor ungezählte DDR-Bürger das Land via West-Berlin verlassen (was ein wesentlicher Grund für den ständigen Berlin-Streit war), war dieser Weg nun völlig versperrt – und West-Berlin noch stärker isoliert.

In West-Berlin entstand bei vielen der Eindruck, nunmehr vom Westen etwas vergessen worden zu sein. Verstärkt wurde dieses Gefühl, weil tatsächlich nach dem Mauerbau die west-deutschen und -alliierten Anstrengungen rund um die Stadt zurückgingen.

Zudem zeigte sich vielerorts die Wirkung der abgewanderten Wirtschaft. Die Arbeitslosenquote war hier stets etwas höher als in West-Deutschland. Gleichsam hatten viele West-Berliner das Gefühl, nicht zuletzt die architektonische Modernisierung würde um ihre Stadt einen Bogen machen. Projekte wie die Gropiusstadt waren eine Ausnahme, entwickelten sich jedoch rasch zu sozialen Brennpunkten. Trotz aller Quirligkeit entstand immer stärker der Eindruck, Berlin würde stillstehen. Eingemauert, von Ost und West immer mehr vergessen.

Zu diesen Realitäten kamen weitere empfundene oder reale Nachteile:

  • Liberalismus hin oder her, wo in West-Deutschland Dinge wie das Glücksspiel schon nach dem Krieg wieder aufblühten, blieb West-Berlin diesbezüglich eine Wüste. Erst 1975 wurde die Spielbank eröffnet, blieb jedoch bis zur Wende die einzig legale Option.
  • Was in West-Berlin an Wirtschaft existieren konnte, war im Höchstmaß subventioniert. Zudem sorgte die Lage mit den langen, komplexen Transportwegen für im Vergleich höhere Lebenshaltungskosten. Anders formuliert: Die Berlinzulage wurde in der Realität oft von den „Berlinkosten“ restlos aufgefressen.
  • Insbesondere für viele Alt-Berliner ging das Rebellentum eindeutig zu weit. Etwa die Ausschreitungen zum Ersten Mai, die ständigen Hausbesetzerkrawalle oder die diversen Straßenschlachten während und im Nachgang der 1960er.
  • Trotz offiziellem Status konnten West-Berliner ihre Politik nur indirekt bestimmen. Es gab keine Möglichkeit, Bundestagsabgeordnete direkt zu wählen; diese wurden vom Berliner Abgeordnetenhaus bestimmt.
  • Nicht zuletzt der „behelfsmäßige Personalausweis“ war ebenfalls vielen ein Dorn im Auge. Bis 1990 enthielt er keinen Verweis auf die Bundesrepublik, nicht einmal einen Bundesadler. Nur ein Vermerk „Der Inhaber dieses Ausweises ist deutscher Staatsangehöriger“. Für viele wirkte das so, als seien sie damit keine richtigen West-Deutschen.
  • Egal, wo man sich in West-Berlin befand: Nirgendwo war die sichtbare Mauer mehr als einige Minuten Fußmarsch entfernt. Das sorgte bei vielen für ein Gefühl des Umzingelt-seins, das sich bei einigen stark auf‘s Gemüt niederschlug.

Viele West-Berliner hatten es sich im Lauf der Jahrzehnte inmitten all dieser Realitäten gemütlich gemacht. Allerdings zeigte sich speziell im letzten Jahrzehnt dieser Stadt eine Tatsache immer stärker:

Berlin geriet mehr und mehr von einem Symbol der westlichen Demokratien zu einem „Klotz am Bein“. Die Subventionen gingen so weit, dass im Westen produzierte Zigarettenschachteln nur nach West-Berlin verfrachtet wurden, damit man ihnen dort westliche Steuerbanderolen aufkleben konnte. Bonn hatte sich als west-deutsche Hauptstadt etabliert, die einstmals ständigen Forderungen nach Wiedervereinigungen rückten in weite Ferne. Immer lauter wurden die Fragen, wie lange West-Deutschland und nicht zuletzt die West-Alliierten diesen „Preis der Freiheit“ noch zahlen wollten – zumal West-Berlin nicht nur gefühlt immer abhängiger wurde.

Zwischen 1950 und 1989 musste West-Deutschland fast 245 Milliarden D-Mark nach Berlin schleusen. Ab den späten 1970ern war der Anteil dieser Mittel am West-Berliner Haushalt größer als alles, was die Stadt selbst erwirtschaftete.
Für nicht wenige Zeithistoriker und damalige West-Politiker kam deshalb die Wende zu einer wahrlich passenden Zeit. Denn früher oder später hätte sich wohl selbst ohne Umbruch in der DDR die Frage gestellt, wie mit Berlin weiter zu verfahren sei. Ob sowohl West-Alliierte als auch West-Deutschland noch lange gewillt gewesen wären, den kostspieligen Status quo aufrecht zu erhalten, darf zumindest angezweifelt werden.

5. Fazit Westalgie: Zurecht?

34 Jahre ist es 2023 her, dass an jenem Novemberabend 1989 durch Günter Schabowski nicht nur das Ende der DDR, sondern ebenso das Ende einer seit 1945 bestehenden besonderen Stadt eingeläutet wurde. Eine Stadt, die fraglos so in der gesamten Weltgeschichte einzigartig war und an der es in der Tat vieles gibt, was man zurecht aus heutiger Sicht vermissen darf.

West-Berlin war einfach über 40 Jahre anders als alles andere. Das solltest du tatsächlich mit einer gewissen Portion Verständnis akzeptieren, wenn in deinem Umkreis mal wieder jemand sehnsuchtsvoll alten Zeiten nachhängt.
Doch so einzigartig und anders das Leben im alten West-Berlin sein konnte, es hatte ebenso eine Menge Schattenseiten, die wahrscheinlich von vielen Westalgikern nicht ganz so sehr angesprochen werden wie die schönen Facetten. Diese Schattenseiten begannen schlicht bei der Tatsache, in einer eingekesselten Stadt inmitten eines sehr realen kalten Krieges zu leben. Eine Stadt, in der jederzeit die Versorgung rigoros gekappt werden konnte.

Ja, West-Berlin war definitiv in vielerlei Hinsicht ziemlich knorke. Ihm allerdings andauernd nachzutrauern, insbesondere, wenn man darüber im heutigen Berlin alles schlecht findet und mit den alten Zeiten vergleicht, ist es nicht. Da unterscheidet sich Westalgie bei allem Verständnis nicht von jeder anderen Nostalgie – eben auch dem ostalgischen Gegenstück.

Weitere Artikel zum Thema

Essen + Trinken | Wohnen + Leben
Top 10: Grillplätze in Berlin
Bei tollem Wetter gibt es kaum etwas Schöneres, als unter freiem Himmel ein leckeres Barbecue […]