Studie der Charité

Wie selbstverliebt ist Westberlin?

Wie selbstverliebt ist Westberlin?
Viele Klischees um Ost und West kursieren nach wie vor. Welche davon sind wahr?
Typisch Wessi, typisch Ossi – solche Vorurteile gibt es doch schon lange in Berlin. Und genau das sind die meisten davon: einfach nur Vorurteile. Ein Narzissmus-Spezialist der Berliner Charité hat sich einen Aspekt besonders angeschaut. Mit interessanten Ergebnissen.

Im Zeitalter des wachsenden Narzissmus der westlichen Welt haben sich Professor Stefan Röpke und Psychologin Aline Vater eine Studie für unsere Hauptstadt überlegt, bei der 1000 Probandinnen und Probanden in ganz Berlin Angaben zu ihrem eigenen Selbstbild machten.

Zustimmung oder Ablehnung von Online-Aussagen wie „Andere Menschen sind neidisch auf mich“ und „Meine Geschichten hört sich jeder gern an“ zeigten dem Narzissmus-Experten Stefan Röpke die Mentalität der Befragten in Hinblick auf das eigene Selbst. Was dabei herauskam, bestätigt ein altes Klischee: Befragte, die in Westberlin aufwuchsen, scheinen eher zu Selbstüberschätzung zu neigen als ihre Ostberliner Mitmenschen.

Besonders wer vor der Wendezeit aufwuchs, bestätigt das Klischee. Foto: pixabay ©Maria Tortajada

Unterschiede besonders durch die Wendezeit

Besonders Menschen, die zur Zeit der Wende zwischen sechs und 18 Jahren alt waren, wiesen große Differenzen auf. Für den Charité-Professor, der sich intensiv mit Narzissmus und Persönlichkeitsstörungen auseinandersetzt, zeigt dieses Ergebnis, dass Menschen der damaligen BRD eher „Ich“-fokussiert aufwuchsen, während bei Ostberlinern das „Wir“ im Vordergrund stand. Seiner Meinung nach könnte die Ursache darin in Wohlstand und der Überbewertung von Kindern in Kleinfamilien liegen. Dagegen waren im ehemaligen Osten soziale Unterschiede und Konkurrenz weniger stark ausgeprägt, wodurch sich das eigene Selbstwertgefühl weniger durch vermeintlichen Erfolg ausmacht.

Theoretisch klingt das alles einleuchtend – aber kann man das in der Praxis auch so sagen? Die Berliner Bevölkerung zeigt sich zwiegespalten. Natürlich hat sich nach der Wende so einiges radikal verändert in der Stadt. Berlin ist mittlerweile zu einer Hochburg der Multikulturalität geworden, die Menschen mit allen möglichen kulturellen, familiären und sozialen Hintergründen miteinander in Kontakt bringt. Viele alte Vorurteile haben sich so nach und nach verflüchtigt, doch noch immer gibt es Stimmen, die Differenzen zwischen Ost und West sehen. Da muss sich wohl jeder selbst positionieren. Klar ist aber, dass in der Studie zwischen Menschen aus Nach-Wende-Zeiten keine Unterschiede festgestellt wurden.

Charité, Charitéplatz 1, 10117 Berlin
XMAS Newsletter

Weitere Artikel zum Thema Wohnen + Leben

Wohnen + Leben

Döner essen und dabei Gutes tun

Seit 2012 versucht die Kampagne "One Warm Winter", junge Menschen für Obdachlosigkeit zu sensibilisieren. Gemeinsam […]
Ausbildung + Karriere | Wohnen + Leben

Plan B: Das Betahaus zieht um

Das Betahaus ist groß geworden, die Kinderschuhe zwicken – nächstes Jahr wird die Coworking-Location zehn […]