Salonkultur in Berlin

WG-Party mit Bier und Beethoven

WG-Party mit Bier und Beethoven
Werden immer beliebter: Konzerte in Berliner Privatwohungen. 
Eine Party mit Späti-Wein – und plötzlich wird Beethoven gespielt. Live. Junge Berliner organisieren Kammermusik-Abende im Wohnzimmer, holen Theaterstücke und Kunst ins Private. So entsteht eine neue Salonkultur ohne Dresscode und Dünkel.

Rrring. Florian geht zum Eingang, öffnet die Tür einen Spalt. „Pssst!“ zischen ein paar Gäste im Wohnzimmer. Ein älterer Mann steht draußen, er sieht müde aus – und wütend. „Hallo, was gibt’s?“, flüstert Florian. „Könnt ihr nicht mal leiser sein?“, fragt der Mann. „Jedes Mal Party, Party, Party. Kann der ganze Lärm nicht mal aufhören?“

Der Lärm ist das Streichquartett Nummer 21 in D-Dur, K 575. Wolfgang Amadeus Mozart hat es 1789 geschrieben, es ist dem preußischen König Friedrich Wilhelm II. gewidmet. Das Quartett befindet sich im zweiten Satz, andante. Es gibt Menschen, die viel Geld zahlen, um solchen Lärm zu hören.

Die Gäste an diesem Abend zahlen nichts. Die meisten spenden etwas. Es sind auch nicht die typischen Gäste für einen solchen Abend. Und nicht der typische Ort.

Karl-Marx-Straße, Altbau, vierter Stock, Blick vom Balkon auf den Alfred-Scholz-Platz, das Stadtbad Neukölln, Spätis und Kleinkramläden. Im Wohnzimmer sitzen etwa 40 Menschen auf Sofas und Sofakanten, Sesseln und Sitzkissen oder direkt auf dem Boden. Die meisten sind zwischen 20 und 30, ein paar sind älter, einige wenige viel älter. In den Händen halten sie Pappbecher mit Späti-Rotwein, eine junge Frau verteilt Häppchen. Sit-in-Atmosphäre, Quatschen und Trinken. Eine ganz normale Privatparty eigentlich. Wenn da nicht dieses Streichquartett wäre.

Der Nachbar hält Klassik für „Lärm“

Der Nachbar ist wieder weg. Florian hat sich mit ihm geeinigt – bis 23 Uhr darf gespielt werden, danach ist Schluss. Seine kleine Nichte sei zu Besuch, sagt der Mann, die vertrage den Lärm nicht. Auf die Frage, ob sie nicht vielleicht zuhören wollen, ein bisschen Klassik, lächelt er und schüttelt den Kopf. „Nee, nee…“

Tony Rymer sitzt im Wohnzimmer, vor ihm ein Notenständer. Er hat die Hand noch fest am Hals seines Cellos. „Können wir weiter machen?“ Rymer setzt den Bogen an, streicht ein F, hält es. Die Viola setzt ein, spielt das Hauptthema, zuerst solo, erste und zweite Geige warten noch. Das 12. Streichquartett von Dvorák, „Das Amerikanische“. Rymer kommt aus Boston, ist 25 Jahre alt, seit etwas mehr als einem Jahr lebt er in Berlin. Das Wohnzimmerkonzert, auf dem er hier spielt, ist ein sogenannter „Groupmuse“. Ein Kommilitone von ihm hat diese Veranstaltungsform 2013 in seiner Heimatstadt erfunden, Rymer hat sie nach Berlin gebracht.

Ein Groupmuse, das ist irgendwas zwischen Kammermusik-Konzert und Hausparty. Am Anfang des Abends hält Rymer eine Ansprache, in der er den Geist der Veranstaltung erläutert: „Wir verbinden Elemente, die leider nicht so oft zusammenkommen: Lockerheit und klassische Musik. Kein Dresscode, kein Dünkel.“

Die Organisation läuft über eine Website. Jeder kann Gastgeber eines Kammerkonzerts werden – wenn genug Platz vorhanden ist. Man kann aber natürlich auch als Besucher kommen. Ein bestimmtes Kontingent der verfügbaren Plätze muss immer öffentlich sein – ein Groupmuse ist ganz bewusst nicht einfach ein Konzert unter Freunden, sondern steht im Prinzip jedem offen. Auch als Musiker kann man sich anmelden und Teil des großen Ensembles werden, das immer weiter wächst und wechselt.

Junge Berliner organisieren für sich selbst Kammermusik-Abende – wie passt das ins Bild der feierwütigen Technostadt? Ist der Do-it-yourself-Gedanke in der Klassik angekommen? Er zieht sich ja schon seit geraumer Zeit durch die Berliner Stadtgesellschaft. Fernab der großen Institutionen finden sich in vielen Kunstbereichen Menschen, die mit hohem Anspruch immer wechselnde private Räume bespielen. So auch im Theater. Ein Haus in der Prenzlauer Allee, Höhe Wasserturm. Auf dem Klingelschild hat jemand den Namen im dritten Stock links mit einem Zettel überklebt: „Altbau“ steht darauf.

Bitte die Schuhe ausziehen!

Rrring! „Willkommen, bitte die Schuhe ausziehen“, sagt eine Frau in Socken. Sie spricht Englisch mit italienischem Akzent. „Ins Wohnzimmer hier rechts bitte. Bier oder Wein gibt es in der Küche, für zwei Euro.“ Im Wohnzimmer hängen sauber angeordnete Bauhaus-Plakate, Sofas stehen im Halbkreis unnatürlich nah an der Kochnische. Ein riesiges Kuhfell bedeckt den Parkettboden, darauf stehen fünf Italienerinnen: „Wir haben von unserer Freundin von der Sache gehört und wollten das auch mal mitmachen.“ Die Rede ist von „Altbau“ – dem Stück, das gleich beginnt. Eine Theatergruppe führt es seit zwei Jahren in wechselnden Berliner Wohnungen auf. Die werden ihnen meist von Zuschauern nach der Aufführung angeboten. Auch die nächsten zwei Wohnungen sind schon organisiert.

Die Frau von der Tür heißt Serena Schimd und stellt sich jetzt in die Mitte des Wohnzimmers. „Alle da! Ich lese jetzt Namen vor und teile euch zu Gruppe A, B oder C zu.“ Rund 40 Namen und Buchstaben später dirigiert Schimd Gruppe B ins Schlafzimmer, Gruppe C ins Bad, Gruppe A bleibt, wo sie ist. „Ihr rotiert dann durch. Ach, und zur Sicherheit: Ich hoffe, keiner von euch hat ein Problem mit Blut?“

Gruppe C also. Das Stück beginnt mit einem kleinen Schock: Ein älterer Mann sitzt zusammengesunken in der Ecke des Badezimmers, aus seinem Mund tropft Blut. Rund um eine Platzwunde kleben seine langen, graublonden Haare an der Kopfhaut. Er sieht erbärmlich aus, sein Mund ist mit Klebeband verschlossen, seine Hände an den Heizkörper gefesselt. Am Boden kniet eine Frau im roten Kleid, deutlich jünger als er, wischt Blut von der Badewannenkante. „Ich wollte das nicht!“, schluchzt sie.

Die Schreie hört man bis ins Schlafzimmer

Eine Eifersuchtsszene: Der Mann ist ein berühmter Künstler, seine junge Freundin ist für ihn nach Berlin gezogen, hat ihre Tanzkarriere in Spanien aufgegeben. Sie zieht ihm das Klebeband vom Mund, der Mann röchelt, sagt, er könne doch nichts für ihre Entscheidungen. Dass sie seit drei Jahren nicht mehr getanzt hat, sei ihre eigene Schuld. Am Ende der Szene: ein Schrei, den man auch im Schlafzimmer hört.

Dort erlebt Gruppe B gerade Bettgeflüster mit Missverständnissen. Und in der Küche sieht Gruppe A einer Frau beim Kochen mit ihrer Affäre zu – man sitzt dort so nah am Topf mit Linsensuppe, dass man unweigerlich Appetit bekommt.

Jede der mal auf Deutsch, mal auf Englisch, Italienisch oder Spanisch gesprochenen Szenen ist so nah, dass sie fast unwirklich scheint. Im Bad sind die Zuschauer an die Wand gedrückt, nur wenige Zentimeter vom Gepeinigten entfernt. Ein Zuschauer hat sich eine Jacke über sein weißes Hemd gezogen, in der Angst, dass das Blut die Abendgarderobe ruinieren könnte. Im Schlafzimmer sieht man verkrampfte Gesichter im Publikum, wenn das Geturtel der beiden Liebenden plötzlich ernst wird. „Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du es in deiner Muttersprache sagen“, beklagt sich die Frau. „But then you wouldn’t understand it!“, gibt der Mann zurück. Wenn die beiden sich die Decke über den Körper ziehen, weht der Luftzug die Haare der Zuschauer in die Höhe.

Es geht um Sprache in den Szenen, ums Leben und Lieben im Ausland. „Wir wollten Themen behandeln, die uns auch persönlich berühren“, sagt Marina Rodriguez, die eben noch die Frau spielte, die das Blut des berühmten Mannes aus einem Schwamm wrang. Rodriguez spielt nicht nur, sie ist die Regisseurin des Stücks. Die drei Szenen funktionieren unabhängig voneinander, aber haben dieselbe Ästhetik. Geschrieben haben die Szenen verschiedene Autoren: eine Britin, ein US-Amerikaner und ein Australier.

Das Kollektiv um Rodriguez und Serena Schimd nennt sich „Theater am Tisch“. Viele der Mitglieder kommen nicht aus Deutschland, wohnen aber seit Jahren hier. Rodriguez ist 29 Jahre alt, seit fünf Jahren in Berlin, sie kommt aus einem Dorf bei Barcelona. Sie spricht ausgezeichnetes Deutsch, ist Vollzeitschauspielerin, genau wie ihr Kollege Nils Willers, dem noch immer ein wenig Kunstblut im Gesicht klebt. Willers ist 53 und hat schon an etlichen Bühnen gespielt: Im Maxim-Gorki-Theater, am Neumarkt in Zürich, im Beckett-Theater in Buenos Aires. „Man kommt viel rum mit der Zeit.“ Bei „Theater am Tisch“ ist er der Älteste.

 

 

Auch in Kneipen spielen sie Theater

„Der Name kommt daher, dass wir ursprünglich in Kneipen direkt an den Tischen im Publikum gespielt haben“, sagt Serena Schimd. Bis heute spielen sie etwa einmal die Woche in der Kneipe Mano, Skalitzer Straße, Kreuzberg. Schimd ist Italienerin, hat eine ähnliche Gruppe bereits in Mailand geführt. Als sie vor drei Jahren nach Berlin zog, hat sie „Theater am Tisch“ hier neu gegründet. Schimd hatte nicht viele Kontakte, also organisierte sie sich über das Internet. Die erste Spielstätte für „Altbau“ fand sie über das Ferienwohnungs-Portal Airbnb. „Eine unglaubliche Wohnung! Maisonette, direkt am Südstern.“ Die Premiere war ein Erfolg, einige Zuschauer boten an, ihre Wohnungen zur Verfügung zu stellen – so ging es los.

Es riecht nach echtem Leben

Was hat die Theatermacherinnen dazu bewegt, alles selbst in die Hand zu nehmen, ganz ohne Institution im Hintergrund? Ein Mangel an Möglichkeiten? Der Drang, ohne Bevormundung zu arbeiten? Wie so oft war es eine Mischung. Die Idee zu „Altbau“ kam vor vier Jahren. „Wir wollten die authentische Kulisse, die ein Theater nicht liefern kann“, sagt Rodriguez. „Es riecht nach echtem Leben in der Wohnung, da sind echte Flecken und Kratzer.“

Dieses Gefühl der Echtheit überträgt sich auch auf das Stück. Je nachdem, wo es aufgeführt wird, macht man als Zuschauer eine ganz andere Erfahrung – ob in einem riesigen Loft, wie der Künstlerwohnung am Südstern oder in einer Hinterhofwohnung in Neukölln. „Eine bestimmte Größe muss das Appartement haben“, sagt Rodriguez, „sonst funktioniert zum Beispiel die Badszene nicht.“ Aber eigentlich sei es egal, wo gespielt wird. „Es geht um die Nähe, die wir erzeugen.“ „Die Rückkehr der Salonkultur“ nennt es Nils Willers. „Die Leute wollen das Vergnügen wieder bei sich zu Hause haben.“ Marina Rodriguez und er putzen gerade im Badezimmer die Reste der blutigen Szene weg. Drei Tage spielen sie durchschnittlich pro Wohnung, danach machen sie alles wieder sauber.

Sie scheinen einen Nerv zu treffen

Die neue Nähe zur Kunst scheint einen Nerv zu treffen, das bestätigen die Gastgeber. Sie wollen etwas Ungewöhnliches erleben, aber auch etwas Persönlicheres. Das können die hohen Häuser der Kunst selten bieten. Zwei große Konzertsäle, drei Opernhäuser, 150 Bühnen, 180 Museen, 440 Galerien gibt es in Berlin – aber bei aller Auswahl scheint es das Bedürfnis nach etwas anderem zu geben, nach der ganz besonderen Nische.

In der Kunst bringt das Private einen weiteren Vorteil, wie aus Gesprächen mit Besuchern herauszuhören ist: Der Zuschauer oder Zuhörer ist freier in seiner Bewertung. Ist das Dargebotene nun „gut“ oder „schlecht“, „hochwertig“ oder „minderwertig“? Im Privaten ist man offener, im besten Sinne unvorsichtiger, seine Eindrücke auch zu äußern, sich miteinander auszutauschen. Ohne die darüber schwebende Angst, als Banause zu gelten.

Diese Grundeinstellung des Publikums gibt wiederum den Kreativen die Möglichkeit, viel freier zu experimentieren. Vor einem offenen, entspannten Publikum, das nicht beeinflusst ist von Faktoren wie dem hochkulturellen Renommee der Bühne, des Regisseurs, der Schauspieler.

Es geht ihnen um Selbstbestimmung

Oder auch der Bildenden Künstler. Kohlfurter Straße, Kreuzberg, „Please call this number“ steht, nebst einer Telefonnummer, auf einem Zettel an der Haustür. Rrring – „Hallo?“ – „Hallo, wir stehen vor der Tür und wollten…“ – „Ah, ich komme runter!“ Zwei Minuten später öffnet eine junge Frau die Tür – „zur Ausstellung hier hoch“ – und führt in den zweiten Stock. Die Gänge sind leer, Studentenwohnheimflair. Durch den Flur laufend hört man Geklirre, Raunen, eine Tür geht auf, dahinter stehen rund 30 Leute.

„Willkommen“, sagt Sam Rountree Williams, der in die Wohnung eingeladen hat. Der 29-jährige Neuseeländer ist Maler, stellt hier seine Bilder aus. Die Wohnung gehört einer australischen Künstlerin. Für die Ausstellung hat Williams sie leer geräumt, neben der Spüle trocknet noch ein Topf.

„Wir stellen nicht aus Mangel an Möglichkeiten hier aus“, sagt er und meint sich und seinen „Business-Partner“, den Bildhauer Richard Frater. „Es geht uns um Eigentümerschaft, Selbstbestimmung.“ Williams wird bereits seit Jahren von Galerien vertreten, hatte Ausstellungen in London. Aber schon in Neuseeland begann er, seine Arbeiten auch in Privatwohnungen zu zeigen. Im Frühjahr 2014 zog er nach Berlin und tat sich mit Frater zusammen. Die beiden kennen sich aus dem Kunststudium in Neuseeland, dann trennten sich ihre Wege, Williams ging an die Kunstakademie Düsseldorf, Frater nach Glasgow. Vergangenes Jahr trafen sie sich in Berlin wieder.

„Als ich neu in Berlin war, hatte ich – schlimmes Wort – kein Netzwerk hier“, sagt der Maler. „Wir wussten, dass wir etwas machen wollten, aber wir wussten weder wie noch wo.“ Williams und Frater suchten sich Künstler, die sie gut finden, suchten Orte, an denen sie ausstellen können. Premiere war im Oktober 2014. Da präsentieren die beiden Video-Arbeiten von Yuki Kishino in der Wohnung einer Bekannten am Rosa-Luxemburg-Platz.

Sechs Monate und sechs Ausstellungen später, in der Kohlfurter Straße, steht Williams vor einem seiner eigenen Gemälde. Eine Figur im urbanen Raum, klare, fast geometrische Einteilung der Leinwand, Randstriche dick wie in einem Comic. Einige Besucher unterhalten sich über die Anordnung dreier Bilder im Raum, alle mit ähnlicher Ästhetik – sie scheinen zu gefallen. Heute stellt Williams erstmals wieder selbst aus, seit er das Projekt gestartet hat.

Sie brauchen Freiheit

Der Privatraum als Ort ist für die Reihe zentral. Geld und Institutionen verleihen eine große Freiheit, sagt der Künstler. „Die ist aber nicht die Art von Freiheit, die wir brauchen.“ Ein fester Ort könne schnell erdrücken.Im Privaten, zumal im ständig wechselnden Kontext, könne man sich immer neu auf die ausgestellten Arbeiten beziehen, sich mit ihnen auseinandersetzen – ohne die historisch aufgeladene Umgebung eines Museums oder den Geist des Profits in Galerien.

Die Wohnung als Kunstraum – sie senkt die Hemmschwelle für die Streicher, bietet Authentizität für die Theatermacher und garantiert Freiheit für den bildenden Künstler. Es scheint, als sei Intimität der gemeinsame Nenner. Aber was ist mit den Vorteilen des institutionellen Raums? Die großartige Illusion, die ein Theatersaal erzeugen kann, in der Dunkelheit, in meisterhaftem Bühnenbild? Der Rahmen einer weißen Wand, eines leeren Galerieraums, der einem Gemälde eine herausgehobene Geltung verschafft? Oder die Akustik einer Philharmonie, die eigens dafür erbaut wurde, bis in den letzten Ton durchgearbeitete Musik erklingen zu lassen?

„Bei den Hauskonzerten geht es nicht um die musikalische Perfektion, sondern um die Freude an der Musik“, sagt Mia Bodet, die Violinistin vom Groupmuse in der Karl-Marx-Straße. Heute spielt sie auf einem Wohnzimmerkonzert am Kottbusser Damm. Die Show geht gleich los, kurz auf dem Balkon durchatmen. „Man kann ein Stück an einem Nachmittag vorbereiten oder in sechs Monaten. Es kommt drauf an, was man damit sagen will.“ Bodet weiß, wovon sie spricht. Wie Organisator Rymer ist sie Vollzeitmusikerin, spielt regelmäßig für das Orchestre de Paris.

Der Gastgeber ist 24 – und fühlt sich alt

Bodet stützt die Ellbogen auf das Balkongeländer, blickt hinunter auf den Kottbusser Damm. „Es ist spannend, dass wir jedes Mal anderswo spielen können.“ Der Student, der an diesem Abend seine Wohnung zur Verfügung stellt, saß beim vorangegangenen Groupmuse im Publikum, nach dem Konzert meldete sich der junge Pole bei Rymer. So läuft es eben.

Auch Tony Rymer steht mit Bodet und dem Gastgeber an der frischen Luft. Ein Blick nach innen: Sitzkissen, Poster vom Technoclub Sisyphos, ein Buddha, typische Altbau-Bude. Der Gastgeber feiert seinen 24. Geburtstag. Er sagt, ab jetzt fühle er sich alt. Er hat den Groupmuse für seinen Geburtstag organisiert. Ob das mit seinem gefühlten Älterwerden zusammenhängt – klassische Musik? „Ha, vielleicht!“

Die Musiker üben in einem der WG-Zimmer, Bodet und Rymer sind entspannt, beide haben einem Plastikbecher Wein in der Hand. Was hat euch dazu gebracht, eure Musik auf diese Weise zu präsentieren? Mia Bodet stellt den Becher ab, zeigt auf die rund 25 Leute, die im Wohnzimmer stehen, sitzen, trinken, quatschen. „Klassische Musik hat gerade einen neuen Höhepunkt erreicht. Vor allem bei jungen Leuten“, sagt sie. Klassik sei vor wenigen Jahren noch nicht so präsent gewesen wie heute. „Wir haben langsam genug von der ganzen Scheiße im Fernsehen, im Film, in der Musik. Der ganze Trash, die ganzen Pop-Hits“. Bodet ist sichtlich erregt, die „Pop-Hits“ packt sie per Handsignal in ausladenden Anführungszeichen. „Wir sehnen uns wieder nach berührbaren, unverfälschten Dingen.“

Am Anfang war Beethoven

Die Echtheit liegt nicht nur in der Musik – dem Handgemachten, live Gespielten, Nicht-Elektronischen – sondern auch in der Räumlichkeit. „In die Philharmonie zu gehen, ist einschüchternd“, sagt Tony Rymer. „Konzerthäuser haben ihre eigenen Codes, in Kleidung, Vokabular, Verhalten.“ Das alles sei im Privaten irrelevant. Viele kämen so gar nicht in Kontakt mit klassischer Musik. „Ich vergleiche das gern mit Literatur“, sagt Rymer, „es gibt tausende gute Bücher. Aber bevor dir nicht jemand, der einen Zugang zu Literatur hat, bestimmte Bücher oder Autoren nahelegt, hast du keine Beziehung dazu.“ Gerade Hochkultur, vor allem Klassik, sei nicht darauf angelegt, Menschen mitzunehmen. „Konzerthäuser sind eine sehr exklusive Veranstaltung.“ Als Gegenmodell dazu wurde Groupmuse gegründet.

Sam Bodkin, ein Freund von Tony Rymer, teilte sich 2010 ein Wohnheimzimmer mit einem Violinisten vom New England Conservatory, einer Musikhochschule in Boston, an der auch Rymer studierte. Irgendwann hörte Bodkin seinen Mitbewohner beim Üben. Er hatte, so sagt er, zuvor noch nie wirklich klassische Musik gehört. Er hatte nie Musikunterricht, kam nicht aus einer klassikaffinen Familie. Bodkin fragte seinen Mitbewohner, was er denn da spiele. Beethoven, aha. Ob er ihm eine Aufnahme davon geben könnte? Bodkin hörte Beethoven hoch und runter, stundenlang, fragte nach anderen Stücken, nach ähnlichen Musikern. Sein Mitbewohner besorgte ihm immer mehr klassische Musik, Bodkin wurde Fan.

 

 

Das Konzept kam aus den USA nach Berlin

Zur selben Zeit gingen Bodkin, Rymer und ihre Freunde auf Uni-Partys in den Räumen der Musikhochschule. Dort wurde geraucht, getrunken, gekifft – das übliche Partyrepertoire. In den Proberäumen aber spielten einige der Studenten klassische Stücke, hin und wieder gesellten sich einige der Partygänger zu ihnen. Bodkin war begeistert. Er begann, die Partys in den Proberäumen zu verbringen und fasste einen Plan: Anderen Leuten klassische Musik nahezubringen. So wie es sein Mitbewohner mit ihm gemacht hatte.

Also baute Sam Bodkin eine Website – und gründete Groupmuse. Die ersten Konzerte fanden statt, die Leute waren begeistert. Irgendwann war die Uni-Zeit zu Ende, viele der Musiker verteilten sich quer durch die USA – inzwischen gibt es Groupmuses in Los Angeles, New York, Seattle. Und Tony Rymer trug die Idee noch ein bisschen weiter nach Berlin.

Mia Bodet hält ihre Violine in der Hand, die Gäste warten gespannt, ein Zuhörer dreht einen Joint. „Das Stück jetzt ist von Beethoven. Es hat vier Sätze. Beethoven hat sich dabei von Romeo und Julia inspirieren lassen. Wer genau hinhört, kann am Ende des ersten Satzes die Tragödie hören, den doppelten Selbstmord.“

Die Musiker beschreiben ihre Stücke, bevor sie spielen. „Um sie für die Leute greifbar zu machen“, sagt Bodet. Den Zuhörern sei es meist egal, wann das Stück geschrieben wurde, was die Tonart ist oder in welchem Zeitmaß es gespielt werden soll. „Wir erzählen lieber Anekdoten.“ So erzeuge man ein Verständnis für den Komponisten. In welchem Zustand hat er das Stück geschrieben? Litt er an einer Krankheit? Wovon ließ er sich inspirieren? Hatte er Liebeskummer?

That was awesome!

Romeo erschlägt Paris in der Gruft, legt sich neben die scheintote Julia. Er will sich mit ihr im Tod vereinen, trinkt Gift. Julia erwacht, sieht den toten Romeo, küsst ihn und ersticht sich mit dem Dolch. Tony Rymers Hände zittern über den Hals seines Cellos, die Violinen drängen nach vorn. Der erste Satz endet abrupt. „Fuck, that was awesome!“, ruft eine Zuhörerin, das Publikum klatscht, pfeift, die „Whooo“-Rufe hört sicher noch der Nachbar. Der Joint ist fertig gedreht, angezündet wurde er nicht – zu beschäftigt war sein Besitzer mit der Musik.

Kleine Publikumsbefragung: Na, wie war’s? „Krass gut, oder? Normalerweise bin ich da eher schnell gelangweilt, aber das war mega.2 Nächster Gast. Hörst du öfter klassische Musik? „Das letzte Mal war ich, glaube ich, mit meinem Vater auf einem Klassik-Konzert, vor fünf Jahren oder so.“ Und wieso seitdem nicht mehr? „Orchester ist so unpersönlich. Tausend Leute in einem Raum. Das ist mir zu steif, und zu weit weg.“ Die Sitznachbarin stimmt zu. „Normalerweise gehe ich ja zu Techno oder House weg, aber ich hab zufällig von dem Konzert gehört. Und jetzt bin ich schon zum dritten Mal dabei.“ Ein Freund des Gastgebers steht im Wohnzimmer, schüttelt ungläubig den Kopf: „Ich hatte das Stück als Jugendlicher im Musikunterricht und habe es jetzt wieder erkannt. Ich hatte echt Tränen in den Augen!“

Tony Rymer packt sein Cello in den Koffer. Es war sein letzter Groupmuse für einige Monate. Jetzt ist er erst einmal für eine Weile in Japan, später in den USA – für klassische Konzerte an größeren Häusern in Tokio und Chicago.

Mehr Leute erreichen – das war der Grundgedanke

Mia Bodet macht weiter, es läuft in Berlin einfach gut. Sie hat schon große Pläne: „Ein Freund hat ein Klavier gekauft. Das stellt er uns gratis zur Verfügung.“ Das Klavier steht im Agora, einem Künstlerraum in Neukölln. Ab jetzt sollen dort regelmäßig Groupmuses stattfinden, „einmal die Woche wäre optimal“, sagt Bodet.

Aber: Entspricht das dann überhaupt noch der ursprünglichen Idee? Ist das Agora, wenn auch ein unabhängiger Projektraum, nicht irgendwie auch eine Institution? Ist es nicht das Gegenteil davon, direkt zu Leuten nach Hause zu gehen? Ja, sagt Bodet. Aber das sei nicht schlimm. Die Leute würden schon kommen, wenn sie davon wüssten – und dann sei die Wirkung dieselbe. Wichtig sei, dass die Selbstbestimmung und Lockerheit der Veranstaltungen nicht verloren geht. „Außerdem erreichen wir so mehr Leute“, sagt Bodet. „Das war ja auch ein Grundgedanke von Groupmuse.“

Auch die Künstler Sam Rountree Williams und Richard Frater wollen in Zukunft mehr Struktur in ihre Ausstellungen bringen. Das Umherziehen an sich sei nicht so wichtig. „Wir müssen einen Weg finden, die Freiheit, die das Umherziehen gibt, auch an einem festen Ort zu bündeln.“ Ein Kollektivraum sei nicht genug – „es muss in unserer Hand bleiben.“

Erst beim Verlassen der Wohnung hört das Stück wirklich auf

In der Prenzlauer Allee packen Serena Schimd, Marina Rodriguez und ihre Kollegen das Bühnenbild ein. Nicht besonders viel Zeug – das meiste, wie der Kochtopf für die Linsensuppe, gehört der Gastgeberin. Wo will denn das „Theater am Tisch“ hin? Ist die Gruppe auch, wie die anderen, auf der Suche nach mehr Struktur? „Wir werden es versuchen“, sagt Serena Schimd. „Langfristig wollen wir mehr Sicherheit. Unser Ziel ist es, eine Produktionsgemeinschaft zu sein, mit Ensemble, Textern, Regisseuren.“ Am Ende wollen sie eine fertige Inszenierung verkaufen.

 Aber selbst wenn die heutigen Wohnzimmerkünstler morgen schon ihre eigenen Institutionen gründen – es werden neue kommen, die den privaten Rahmen als Spielwiese und Sprungbrett nutzen. Mit ihren Privatvorstellungen erschließen die Künstler neue Publikumsschichten – für sich selbst, aber auch für die Kultur als Ganzes. Wenn jemand einen Groupmuse oder das „Theater am Tisch“ zu sich nach Hause einlädt, sagt er Freunden und Bekannten Bescheid – vielleicht auch solchen, die sich vorher nicht für klassische Musik interessierten. Einige von denen kommen vielleicht wieder – und trauen sich irgendwann sogar mal in die Philharmonie oder ins Deutsche Theater. Und wenn nicht, schauen sie im Internet nach der nächsten WG-Ausstellung.

Beim Verlassen des Hauses in der Prenzlauer Allee spürt man den harten Übergang in die normale Welt. Das Theaterstück hört erst jetzt wirklich auf. Auf dem Klingelschild des dritten Stocks links sieht man Reste eines Klebestreifens. Der „Altbau“-Aufkleber ist verschwunden.


Quelle: Der Tagesspiegel

WG-Party mit Bier und Beethoven, Knaackstr. 22, 10405 Berlin
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