Doku Berlin Excelsior

Zwischen Escort und Start-up: Leben im Super-Wohnblock

Zwischen Escort und Start-up: Leben im Super-Wohnblock
Die Doku Berlin Excelsior taucht in den Alltag der dortigen Bewohner.
Regisseur Erik Lemke lebt im Excelsior-Haus in der Stresemannstraße mit mehr als 500 Nachbarn. Einst ein Prestige-Projekt mit Kosten von 45 Millionen Deutschen Mark finden sich heute in den engen Räumen mit Küchennische viele Menschen mit großen Träumen.

1207 hängt vertikal an einer Türe im qietschgrünen Treppenhaus – eine alte Erinnerung an die damaligen Bauherrn, die mit dem Excelsior Projekt in den 60ern ein Stückchen New York in die Hauptstadt bringen wollten. Heute wirken die vielen quadratischen Fenster des grauen Kolosses am Anhalter Bahnhof wie Tore in ganz viele eigene Welten, abgeschottet aber von der Anonymität der Masse. Der Regisseur und Mieter im Excelsior-Haus, Erik Lemke, öffnet nun diese Türen und zeigt statt ganzen Lebensläufen, kleine Ausschnitte aus dem Alltag der Bewohner.

Insgesamt 40 Protagonisten konnte er mit Flugblättern, Gesprächen im Aufzug und einer eigens organisierten Weihnachtsfeier für sein Projekt mit Drehbuchautor André Krummel gewinnen. Besonders im Fokus stehen aber der 30-jährige Norman, der mit einem Kumpel das Start-up ChangeU gegründet hat, sowie Claudia, die im im Haus ansässigen Restaurant Solar arbeitet und gerne ins Showbusiness zurück will. Der dritte im Bunde ist Michael aus dem 14. Stock. Der 48-jährige Holländer gibt sich gerne um zwanzig Jahre jünger aus, um bei seinen jungen männlichen Eroberungen gut anzukommen. Auf seinem Youtube-Channel gibt er Tipps für Invisible Make-up für den Mann – damit möchte er durchstarten, so wie die ganzen anderen Internet-Stars, die haben es doch auch geschafft, warum also nicht auch er ? Weil das Business aber noch nicht läuft, bietet er Escort-Dienste an. Sein inniger Wunsch: sich einfach mal was kaufen können.

Mit der Doku Berlin Excelsior taucht der Zuschauer innerhalb weniger Szenen in ganz persönliche Träume, Befindlichkeiten, aber auch skurrile Eigenheiten ein. Viele Begegnungen wirken dabei klar forciert, wenn zum Beispiel Norman wegen seiner ADHS-Störung zu seinen Nachbarn geht, um seine Chakren auspendeln zu lassen. Die Unterhaltung selbst hat aber wieder dieses unmittelbare, so als ob die Kamera für einen Augenblick gar nicht da wäre. Trotz der Moment-Aufnahmen bleibt Berlin Excelsior länger im Kopf. Dafür sorgen die vielen emotionalen Brücken zum Zuschauer. So wirkt Norman, der eigentlich Kindererzieher ist, sehr selbstbewusst und fordernd, wenn er nach mehr gesellschaftlicher Anerkennung verlangt. Er will die dicke Karre und im Fitness-Business endlich durchstarten. In intimen Gesprächen mit seiner Mutter zeigt sich aber die Verzweiflung: Wie soll das weiter gehen in Zukunft? Und noch viel wichtiger: Wie sollen die 700 Euro Miete bezahlt werden?

Wir fragen uns, wie es mit Michael, Norman, Claudia und dem netten Herrn, der gerne Golf in seiner Wohnung spielt, weitergegangen ist. Einen Endsatz gibt dieser Film nicht, sondern vielmehr öffnen sich Mikrokosmen voller Schrulligkeit, Lebensfreude und Einsamkeit. Die einen sind gerade in Berlin angekommen und versuchen sich mit studentischen Nebenjobs durchzuschlagen, die anderen jagen Idealen hinterher und wieder andere sind wie festes Mobiliar bereits mehr als fünf Jahrzehnte mit dem Ort namens Excelsior verbunden. Ein Weggehen? Undenkbar.

Die Doku Berlin Excelsior ist seit dem 29. November im Kino zu sehen.

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