Die Niedstraße in Friedenau

Sich ausziehen, um dort einzuziehen

Der mit Eichlaub-Stuckgirlanden geschmückte Gründerzeitbau in der Friedenauer Niedstraße 14 birgt eine Mischung aus Esprit und Entspanntheit. An dieser mag es wohl auch liegen, dass der Bezirk im Südwesten Berlins zu einem vielbesungenen Künstlerviertel avanciert ist. Wer hierher ziehen will, braucht allerdings einen langen Atem oder viel Einfallsreichtum.

In seinem Roman „Jahrestagen“ setzte Uwe Johnson jener Gegend ein Denkmal, die ab 1959 neun Jahre lang sein Zuhause war. Betrübt hatte der Autor die DDR verlassen, gen Westen, der Gedankenfreiheit wegen, in jenes Dachatelier in der Niedstraße 14, in welchem einst der „Brücke“-Maler Karl Schmidt-Rottluff gearbeitet hatte. Hier saß Johnson nun vor einem Fernseh-Gerät, um Sendungen des Ost-Programms zu schauen und anschließend für den Tagesspiegel zu rezensieren.

1968 verlässt Johnson Berlin und reist nach New York. In seine bescheidene Bleibe zieht Ulrich Enzensberger, der jüngere Bruder seines Schriftstellerfreundes Hans Magnus. Umgehend eröffnet Ulrich hier eine Filiale der „Kommune 1“. Johnson liest in der „New York Times“ von der Puddingbomben-Attacke auf den US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey. Diese soll in der Niedstraße geplant worden sein. Umgehend ruft er seinen alten Nachbarn Günter Grass an, der in Haus Nummer 13 wohnt und eskortiert die Hausbesetzer höchstpersönlich aufs Trottoir – wo natürlich schon die sensationsgierige Journaille wartet.

Nachmieterin in der Dachstube wurde Uwe Johnsons nikotinabhängige Schwester, die einmal fast die ganze Bude in Brand gesetzt hätte. Mit einer Zigarette im Mund war sie eingeschlafen. Diesem Malheur ist es geschuldet, dass sich die Hauseigentümerin später dagegen sträubte, als Grass an der Fassade eine Gedenkplakette für Uwe Johnson anbringen lassen wollte. Erst ihre Tochter stimmte 2002 der Befestigung jener schlichten Plexiglas-Tafel zu, die heute an den Schriftsteller wie auch an den „Brücke“-Maler erinnert. Und die damit die Niedstraße 14 als ein typisches Wohnhaus im viel besungenen Künstlerviertel Friedenau auszeichnet.

Künstler repräsentieren den Geist der Gegend

Max Frisch und Ernst Ludwig Kirchner, Hans Christoph Buch und Christoph Meckel, Lilo Fromm und Wilhelm Lehmbruck, Erich Kästner, Hannah Höch, Max Bruch – und natürlich Herta Müller – repräsentieren den Geist der Gegend. Dabei hatten die Gründerväter dieser Südwestberliner Vorstadtsiedlung 1871 eigentlich eine ganz andere Klientel im Sinn: Beamte, wohlhabende Handwerker und Studienräte nämlich, die sich hier ihren Traum vom Landhausleben erfüllen wollten. Die gibt es selbstverständlich auch heute, sie stellen wahrscheinlich sogar die unsichtbare Mehrheit. In die Presse aber kommen die Künstler.

Die Wohnstraßen sind in Friedenau nicht breiter als in der Innenstadt, nur der Platz wird anders verteilt. Knapp bemessen ist der Raum für die Fahrbahn, dann folgen bequeme breite Bürgersteige – und jedes Haus hat seinen repräsentativen Vorgarten. Auch in der Niedstraße 14 grünt und blüht es prächtig vor dem vierstöckigen Gebäude, dessen beigefarbene Fassade mit dem weiß abgesetzten Stuck, dem Fachwerk-Dekor im obersten Stock und den reich verzierten Balkongittern jeder Makler als Jugendstil anpreisen würde, ohne mit der Wimper zu zucken.

Wenn man aber genau hinsieht, merkt man, wie sehr hier alles darauf angelegt ist, oberflächlich Eindruck zu schinden. Sicher, weißer Marmor bedeckt Boden und Wände im Entree, doch sofort dahinter verengt sich das Treppenhaus zum schmalen Schlauch. Innen finden sich edle Messingbeschläge an den Türen. Aber nur in den Repräsentationsräumen. Hinten müssen einfache Griffe genügen. Parkett ziert Salon und Herrenzimmer, die hinteren Räume haben nur Dielen.

Prächtige Vorzeigeräume und versteckte Küchen

Grundriss und Ausstattung der Wohnungen wurden allein davon bestimmt, welche gesellschaftlichen Ansprüche die avisierte Klientel zu erfüllen hatte. Darum sind die Vorzeigeräume prächtig, die Bäder winzig und die Küchen im Seitenflügel versteckt. Dass neben dem herrschaftlichen Aufgang auf der Hofseite noch ein Gesinde-Treppenhaus existiert, führte in der Wohnungsnot der Nachkriegszeit dazu, dass der jeweils hintere Teil der 175-Quadratmeter-Zimmerfluchten abgetrennt und als separate Mini-Wohnung mit Podest-Toilette vermietet wurde.

Auch in der Niedstraße gibt es noch die geteilten Einheiten. Doch die Leute, die neu herziehen, suchen meist gezielt nach großen Wohnungen, in denen sie auch arbeiten können. So wie die Webdesignerin und der Fotograf vom Hochparterre. Sie installierten eine Kochzeile im Berliner Zimmer und schufen so Platz für ein großes Bad in der ehemaligen Küche. Die Kacheln mit dem Sinnspruch „Sich regen bringt Segen“ wollten sie beim Umbau natürlich erhalten, wie sie auch den Deckenstuck in mühevoller Arbeit von zahllosen Farbschichten befreiten.

Im Immobilienteil nicht zu finden

Nach Friedenau zieht man, wenn die Kinder klein sind – und verbringt hier den Rest des Lebens. Und wenn tatsächlich mal eine Wohnung frei wird, taucht sie fast nie im Immobilienteil auf. Die Webdesignerin und der Fotograf haben vor sieben Jahren Zettel verteilt, auf denen ihre nackten Oberkörper in einem Goldrahmen prangten. „Wir sind ausgezogen, um hier einzuziehen“ war darunter zu lesen. Zehn Menschen meldeten sich – einer aus der Niedstraße 14.

Es sind nette Menschen, die man in Friedenau trifft. Leute, mit denen man gerne auf dem Balkon oder im Garten sitzend eine Flasche Wein leeren würde. Akademiker und Kreative, die es nicht für unberlinerisch halten, wenn es draußen auf der Straße ruhig und drinnen gemütlich ist.


Quelle: Der Tagesspiegel

Sich ausziehen, um dort einzuziehen, Niedstraße 14, 12159 Berlin

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