Wohnungsknappheit in Berlin

Aldi baut 2000 Wohnungen über Filialen in Berlin

Aldi baut 2000 Wohnungen über Filialen in Berlin
So könnte es schon ab 2019 über der Aldi-Filiale in Lichtenberg aussehen.
Immer mal wieder was Neues wagen – das ist wohl ganz die Devise von Aldi Nord. Der Discount-Gigant steigt in den Immobilienmarkt mit ein und schafft in Berlin mit einem bisher einzigartigen Modellprojekt neuen Wohnraum in Berlin. Wir wissen, wo die ersten Wohnungen in der Hauptstadt gebaut werden.

Dauerthema seit Jahren im Alltag der Berliner und den Berliner Medien sind die immer weiter steigenden Mietpreise und die Gentrifizierung in ganzen Stadtteilen der Hauptstadt. Studenten und Studentinnen zahlen teilweise horrende Mieten für kleine Zimmer in WGs in extra ausgelegten Apartmenthäuser, wie zum Beispiel in der Kaiserin-Augusta-Allee in Moabit. Eine 80 Quadratmeter Wohnung in Prenzlauer Berg wurde von gut 800 Bewerbern bei einer Besichtigung im Oktober 2017 überrannt, weil die monatliche Miete mit unter 1000 Euro ausgeschrieben war – ein echtes Schnäppchen für drei Zimmer im Altbau mit Balkon, Dielen und in Top-Lage. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt ist angespannt – Hunderte suchen, wenige finden.

Ziel des Senats: 194.000 neue Wohnungen bis 2030

Das sind nur Beispiele der allgegenwärtigen Wohnungsnot in Berlin. Diese wird sich auch in Zukunft nur verschärfen. Denn bis 2030 wird in der Hauptstadt ein Bevölkerungswachstum von bis zu 300.000 Einwohnern erwartet. Laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen müssen bis 2030 mindestens 194.000 neue Wohnungen gebaut werden. Bei einem Zuzug von jährlich circa 50.000 bis 60.000 Neu-Berlinern ist diese Zahl an geforderten neuen Wohnungen nicht verwunderlich. Bauland und der Platz für neue Großprojekte wird vor allem in den begehrten Lagen, wie zum Beispiel in Neukölln und Mitte, allerdings immer knapper, sodass bereits vorhandene, bebaute Flächen auch in den Blick geraten und in Erwägung gezogen werden. Hierunter fallen die meist zentral und gut gelegenen Discounter, die bezahlbaren Wohnraum für verzweifelte Berliner bereithalten könnten.

Modellprojekt von Aldi startet in Berlin

Dass das Modellprojekt von Aldi in Berlin startet, ist also durchaus kein Zufall. Aldi Nord will nach eigenen Angaben an mindestens 30 Standorten sogenannte „gemischt genutzte Immobilien“ mit mehr als 2000 Wohnungen über Discounter-Filialen bauen lassen, die dann vermietet werden sollen. Konkret gebe es bereits zwei Leuchtturmprojekte in der Silbersteinstraße in Neukölln und der Sedanstraße in Lichtenberg – mit insgesamt 200 geplanten Wohnungen, die bereits in der Umsetzungsphase stecken und bis 2019 fertiggestellt sein sollen. 30 Prozent dieser Wohnungen sind als Sozialwohnungen konzipiert.

Wie der Konzern weiter mitteilt, seien bereits weitere 15 Standorte mit einer Kombination aus Supermarkt und Wohnraum in Planung. Bei der anzunehmenden sehr hohen Nachfrage der neuen Wohnungen über den Discountern, ist eine Wartezeit von bis zu sechs Monaten – wie bei fast allen anderen verfügbaren Wohnungen in der Hauptstadt – nicht auszuschließen. Deshalb ist es ratsam, mit der Suche nach dem eigenen neuen Heim frühzeitig zu beginnen.

Wohnbauprojekt könnte für Entspannung auf Wohnungsmarkt sorgen

Sebastian Czaja (FDP) widmet sich dem Thema rund um die Bebauung von Supermarkt-Flächen durch die Betreiber in einer parlamentarischen Anfrage an Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Er fragt hier nach, wie viele Wohnungen durch diese Bauweise in Berlin entstehen können. In ihrer Antwort verweist Lüscher auf ein Gutachten, dass rund 330 Standorte mit bis zu 36.000 Wohnungen prognostiziert – konkrete Bezirke für solche Baumaßnahmen nennt sie allerdings nicht. Jedoch wird in Lüschers Antwort die Bedeutung von Wohnungen über Lebensmittelgeschäften für den Berliner Wohnungsmarkt „als nicht gering“ betitelt.

Welche Kriterien von den Supermarkt-Flächen erfüllt werden müssen, ist laut Lüscher nicht konkret festgelegt, sondern müsse bei jedem Bauvorhaben und Projekt neu geprüft werden. In Industrie- und Gewerbegebieten sei die Bebauung jedoch per Gesetz kategorisch ausgeschlossen.

Mehrwert für Berlin

Aldi Nord will einer Pressemitteilung zufolge seine Filialen moderner und größer gestalten, mit einer geplanten Größe von 1.400 Quadratmetern pro Filiale. Da die Stadt Berlin wachse, wolle sich Aldi daran anpassen und laut Aldi-Immobilienchef Jörg Michalek möchte man an möglichst hochfrequentierten Lagen für die Kunden da sein. „Wir möchten aktiv bei der Nachverdichtung Berlins und beim ökologischen Stadtumbau unterstützen“, so Michalek.

In der Pressemitteilung heißt es weiter, die Kombination der Discounter und dem neu entstehenden Wohnraum werde nicht nur als Vorteil für das Unternehmen wahrgenommen, sondern stelle auch einen „Mehrwert für ganz Berlin“ dar. Bei der Umsetzung und Planung des Vorhabens setzt Aldi Nord laut eigenen Angaben auf eine enge Zusammenarbeit mit den Stadtbezirken und dem Berliner Senat. Das Vorpreschen von Aldi auf dem Immobilienmarkt kann natürlich auch als Maßnahme verstanden werden, um anderen Discountern zuvor zu kommen und Mieter auf diese Weise auch an sich zu binden.

Leben auf dem Supermarkt

Die Vorstellung den Lebensmittelhändler direkt im Erdgeschoss unter der eigenen Wohnung zu haben, hat durchaus etwas Reizvolles und auch sehr praktisches Potential. Kommen Freunde oder die Familie zu Besuch und die eine Flasche Wein genügt nicht, ist der Weg zum Lebensmittelgeschäft nicht weit. Deine Einkäufe musst du dann auch nicht über mehrerer Straßen oder gar U- oder S-Bahnstationen nach Hause schleppen. Das klingt schon fast nach einem eigenen, riesigen begehbaren Kühlschrank im Erdgeschoss deines Wohnhauses, den du mit anderen Kunden und Anwohnern teilst.

Das kann unter Umständen aber auch unangenehme Auswirkungen auf die Wohnqualität haben – vor allem für die ersten zwei Etagen. Die Wohnungen direkt über der Filiale werden wohl kaum vom Lärm der Anlieferung früh morgens oder nachts und der Einkäufer am Tag verschont bleiben – gerade in den Hauptstoßzeiten an Wochenende und vor Feiertagen könnte dies zur Belastungsprobe für die Nerven der Anwohner werden. Ganz zu schweigen von den teilweise sehr langen Öffnungszeiten einzelner Filialen und der Sonntagsöffnung, die bis zu neun Mal im Jahr stattfinden kann. Das Thema birgt ein nicht geringes Potential an Konflikten zwischen Betreibern und zukünftigen Bewohnern des Supermarktgeländes.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Leuchtturmprojekte der Lebensmittelkette entwickeln und von Anwohnern, Bewohnern und den Kunden angenommen werden. Ab 2019 könnten aber wohl schon in manchen Wegbeschreibungen zu Geburtstagen, Einweihungspartys oder WG-Feiern einiger Berliner dann „2. Etage über dem Supermarkt rechts“ stehen.


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