Heilungsgottesdienst im Estrel

Mein erstes Mal beim ukrainischen Wunderheiler

Mein erstes Mal beim ukrainischen Wunderheiler
Vladimir Muntyan ist Vorsitzender einer ukrainischen Sekte, die mit den Hoffnungen schwerkranker Menschen Geld macht. Zur Foto-Galerie
Vladimir Muntyan verspricht, schwere Krankheiten wie Krebs und Unfruchtbarkeit oder sogar Armut zu heilen – denn der Heilige Geist spreche durch ihn. Zu seinem Heilungsgottesdienst am Sonntag in Neukölln pilgerten hunderte Menschen.

„Der Bezirk Neukölln warnt vor dem Wunderheiler Vladimir Muntyan“, so steht es in den Zeitungen vorab zu lesen – für uns Grund genug, sich seinen sogenannten Heilungsgottesdienst in Neukölln einmal anzusehen. Nach einiger Recherche finde ich die Sache dann aber doch so gruselig, dass ich einen Freund zu dem Spektakel mitnehme, der praktischerweise auch noch Russisch spricht. Wunderheiler Vladimir aus der Ukraine ist übrigens kein harmloser Irrer, sondern der Gründer der einflussreichen Sekte Geistliches Zentrum Vozrozhdenie und dort laut ukrainischen Nachrichten bereits wegen Betrugs und Diebstahl vorbestraft. Im Hotel Estrel darf er dennoch auftreten, denn es gibt trotz öffentlicher Kritik keine rechtliche Grundlage für ein Verbot. Die Veranstaltung ist sogar gratis und wie die Saalmiete von 25.000 Euro bezahlt werde, das erklärt Vladimir Muntyan bei der Pressekonferenz nur kryptisch mit seinem „Business“, das alles finanziere.  

Die große Kongresshalle des Estrel ist überraschend voll – dabei waren auf Facebook nur 30 Interessierte und 24 Zusagen zu sehen. Per Postwurfsendung wurden die Berliner aber zusätzlich auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht. Darin wird Heilung versprochen für „Erbflüche“, „chronische Krankheiten im Stammbaum“, „vorzeitiger Tod in der Familie“ oder auch „Fehlgeburten, Unfruchtbarkeit“ sowie „Armut, Verschuldung und Misserfolge im Business“. Im Saal wird viel Russisch gesprochen, denn in der Ukraine ist die Sekte relativ groß. Das Publikum ist sehr unterschiedlich: Kinder, schicke Paare mit Rollkoffer – sie im engen Kleid, er im Anzug –, Dandys, ältere Frauen und sogar der alte Mann mit weißem Zottelbart, den ich öfter in der S-Bahn sehe, sitzt neben mir. Er ist nie ohne seinen kleinen Koffer mit der Aufschrift „Jesus lebt“ unterwegs, auch heute hat er ihn wieder dabei. Der Greis zittert stark, doch seine blauen Augen sind groß und leuchten voller Vorfreude – Jesus ist heute zum Greifen nah.

Die riesige Halle mit Platz für 2500 Leute ist fast voll. ©Julia Stürzl

Eine Mischung aus Abschiedsball und Zaubershow

Auf unseren Plätzen begrüßt uns erstmal ein leeres Kuvert mit russischer Aufschrift. Darauf steht, dass man unter Angabe seines Namens bitte spenden solle für das Geistliche Zentrum Vozrozhdenie. In der Ukraine, wo Muntyan längst von seriösen Christen aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen wurde, werden Sektenmitglieder von den jeweiligen Vorsitzenden regelmäßig zu hohen „Spenden“ genötigt. Die riesige blaue Bühne ist in blaues Licht getaucht mit einzelnen gelben Spotlights, am Rand wartet schon eine pailettengold-glitzernde Band auf ihren Auftritt. Mich erinnert diese mit Vorfreude und Mysterium aufgeladene Stimmung an einen Mix aus amerikanischem Abschiedsball und David Copperfield-Show. Dann beginnt die Band zu spielen und jetzt fühle ich mich zusätzlich wie beim Eurovision Song Contest: Die ukrainischen Songs schwanken zwischen Kirchenmusik und Folklore und sie zielen deutlich darauf ab, Emotionen wachzurufen. Nach einem stimmungsvollen, ruhigen Lied spielt die Band einen rockigen Song voller Energie und Pathos, der die Menschen mitreißt: Sie werfen ihre Arme in die Höhe, singen mit geschlossenen Augen und jubeln.

Jetzt sind sie eingestimmt und bereit für ihren Messias, den „13. Apostel“, wie Vladimir Muntyan sich nennt. Als er auf die Bühne kommt, brandet begeisterter Applaus auf. Natürlich ist er ganz in Weiß gekleidet, seine Dolmetscherin übersetzt parallel jeden Satz auf Deutsch. Auf Russisch muss seine Rede bestimmt noch eindringlicher wirken, denn er versteht es perfekt, sich in Szene zu setzen als eine Art mächtiger, gutmütiger Übervater. Und natürlich hat der Messias eine frohe Botschaft im Gepäck: Gott ist stärker als der Mensch. Heißt konkret: „Wenn du schwer krank bist und die Ärzte sagen, es gibt keine Hoffnung mehr für dich – Gott kann dich trotzdem heilen, denn Gott steht über dem Menschen und seine Botschaft für den Menschen ist nicht der Tod.“ Der Heilige Geist habe schließlich das letzte Wort.

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Massengebet statt medizinischer Hilfe

Dann wird gemeinsam gebetet, viele schließen die Augen und murmeln die Worte mit, die sie anscheinend schon kennen. Die Hoffnung zieht sie an, die eingebildeten und die wirklich Kranken: Ein dünner, bärtiger Mann, dessen rechte Backe enorm angeschwollen ist, hält sich noch zurück. Es sieht nach einem Tumor aus. Er klatscht ab und zu, aber meistens hat er die Ellbogen auf die Knie gestützt und die Augen geschlossen. Seine Hände bedecken das Gesicht, die Finger drücken auf die die Nasenwurzeln. Wenn er einmal aufblickt, ist sein Blick stumpf, die Augen leer. Ich weiß nicht, ob er so starke Schmerzen hat oder innbrünstig betet, doch er scheint ernsthaft krank und verzweifelt genug zu sein, hierher zu kommen und auf Heilung zu hoffen.

Russische Medien schreiben, dass Vladimir eine bestimmte Art der Massenhypnose einsetze – ob das stimmt, weiß ich nicht, aber nach einiger Zeit bekomme ich Kopfweh. Vielleicht arbeitet sich da der Heilige Geist Muntyas schon in mein Gehirn? Nach zwei Stunden gehen wir wieder, denn wir ahnen: Die Wunderheilung ist der krönende Abschluss, vorher muss die Masse noch eingestimmt werden. Bis acht Uhr abends wollen wir aber nicht mehr bleiben – wer weiß, ob wir am Ende nicht auch noch bekehrt werden? Als wir den Saal verlassen, kommt uns ein Fernsehteam entgegengelaufen, auf der Suche nach einem Statement von Muntyan-Anhängern: „Seid ihr Journalisten?“, fragen sie uns. Unsere Antwort stößt auf Enttäuschung, wie man sieht ist das Interesse der Öffentlichkeit an dem Wunderheiler sehr hoch: Laut der Berliner Zeitung erwägt der Neuköllner Gesundheitsstadtrat eine Anzeige gegen den Ukrainer: „Hier wird auf perfide Art und Weise mit den Hoffnungen und Ängsten der Menschen gespielt“, sagte er. Und das auch noch mit Erfolg: Der Messias will dieses Jahr noch 100 Gottesdienste halten und einen Film drehen.

Foto Galerie

Estrel Berlin, Sonnenallee 225, 12057 Berlin
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