• Dienstag, 31. Januar 2012

Betreutes Wohnen in Dahlem

Brotscheibenzähler

Brotscheibenzähler

Millionen Menschen in Deutschland sind schwierige Esser. Während viele von ihnen glauben, sie hätten ein Problem mit dem Essen, haben manche tatsächlich eins. Jugendliche mit Essstörungen finden in der Wohngemeinschaft „Bitter & Süß“ in Berlin-Dahlem Betreuung rund um die Uhr.

Auf einem breiten Sessel sitzen zwei schmale Mädchen nebeneinander und kichern ein wenig. Beide haben die Knie ans Kinn gezogen. Eine ist blond, die andere brünett. Ihren Namen wollen beide nicht nennen. “Nennen Sie mich Penelope wie die Frau von Odysseus“, sagt die Blonde lachend. Man könne sie ja Nora nennen, sagt leise die Brünette.

Die beiden sind die ersten Bewohnerinnen einer außergewöhnlichen WG in Berlin-Dahlem: “Bitter & Süß 2“ heißt die Wohngemeinschaft des Jugendhilfeträgers “Nachbarschaft hilft Wohngemeinschaft“ (NHW). Es ist eine WG für junge Frauen ab 15 Jahren, die ein schwieriges Verhältnis zum Essen haben. Hier werden sie rund um die Uhr von Ernährungsberatern und Sozialpädagogen betreut. Erst seit drei Monaten gibt es das Konzept mit der Tag-und-Nacht-Betreuung. Bei “Bitter & Süß 1“, der ersten WG des Trägers, ist die Betreuungszeit auf gerade einmal einige Stunden am Tag bemessen.

Diskussion um eine Scheibe Brot

Beide WGs sind für Jugendliche mit unterschiedlichen Essstörungen gedacht, egal ob sie dünn, dick oder vielleicht sogar ganz normal aussehen. Doch noch wohnen in der WG 2 nur die beiden schmalen Mädchen. Sie habe “Anorexia nervosa“ sagt Penelope, erneut lachend, und klingt dabei, als sei das etwas völlig Normales. Magersucht – und das seit acht Jahren. “Ich war schon in allen möglichen Kliniken, habe schon 1.000 Therapien hinter mir und bin zigmal bei meinen Eltern ausgezogen. Aber dann bin ich immer wieder in einer Klinik gelandet – und anschließend wieder bei meinen Eltern.“ Doch die scheinen eher Teil des Problems als der Lösung zu sein. “Ich kann das, was man mir in der Klinik beibringt, nicht in den Alltag übertragen“, sagt sie und klingt jetzt ernster. Deshalb wollte sie nach dem letzten Klinikaufenthalt unbedingt etwas anders machen.

Penelope ging zur Schöneberger Beratungsstelle “Dick und Dünn“. Dort hörte sie von der WG. Seit kurzem wohnt sie nun in der großen Altbauwohnung mit den hohen Räumen: “Hier ist immer jemand da, mit dem ich über meine absurden Probleme reden kann.“ Zum Beispiel, wenn das Abendbrot in ihrem Bauch sich anfühlt “wie ein Elefant“. Zusätzlich zu den Sozialpädagogen kommt fünfmal in der Woche eine Ernährungsberaterin in die WG und bleibt für je sechs Stunden. Sie isst mit den Mädchen, “und wir diskutieren zum Beispiel darüber, ob eine große Scheibe Brot genauso viel zählt wie zwei kleine“, sagt Nora. Sie wohnt hier seit drei Monaten, zunächst allein mit den Betreuern. Nora geht weiter zur Schule: “Das Leben hier ist so weit ganz normal, aber es ist eine geschützte Normalität“, sagt sie.

Zu viel Selbstständigkeit kann Bewohner überfordern

Ernst Pfeiffer, der leitende Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Charité, erklärt: “Die meisten Jugendlichen mit Magersucht brauchen nach der stationären Behandlung keine Jugendhilfemaßnahme. Sie sind danach ausreichend stabilisiert, um nach Hause zurückzukehren.“ Bei rund zehn bis zwanzig Prozent seiner Patienten jedoch empfiehlt er nach dem Klinikaufenthalt Jugendhilfemaßnahmen, genau genommen einen Einzelfallhelfer oder eine Einrichtung.

“So eine WG kann eine wichtige Ergänzung zu anderen Therapieformen sein. Manche brauchen das“, so Pfeiffer. Bei der Behandlung von Magersucht sei nur eine Kombination von mehreren Maßnahmen sinnvoll. Auf seine Initiative hin hat NHW die 24-Stunden-WG eingerichtet. Ein wichtiges Argument dafür war, dass die Patientinnen immer jünger werden. “Bei den Eltern gibt es oft eine große Sorge, wenn ihre Töchter in eine Einrichtung ziehen“, sagt Manfred Jannicke, Sozialpädagoge und Leiter der beiden WGs. Er kann das durchaus verstehen: “Man muss bedenken, dass Magersucht eine Krankheit mit hoher Sterblichkeit ist. Trotzdem war er zu Beginn kein Freund der 24-Stunden-Betreuung. “Man nimmt den jungen Frauen etwas von ihrer Selbstständigkeit.“ In der ersten WG wiederum seien einige mit dieser Selbstständigkeit überfordert gewesen.

Es geht nicht nur um Probleme

Nachts kommen am ehesten depressive Verstimmungen auf. “Es ist wichtig, dass ich weiß, dass immer jemand da ist“, sagt Penelope. “So können sich Verzweiflung und Probleme gar nicht erst von Mücken zu Elefanten aufbauen, weil man weiß, man kann jetzt mit jemandem darüber sprechen.“ Selbst wenn sie es dann gar nicht tut. Sie legt auch Wert darauf, dass bei den Mahlzeiten immer jemand aufpasst: “Wenn ich allein bin, fange ich sofort an, mich selbst zu betrügen: Die Portionen auf meinem Teller werden immer kleiner.“ Das endete bisher häufig in einer Klinik, einmal musste sie sogar durch eine Sonde ernährt werden.

In den Kliniken hat es ihr fast nie gefallen. “In der WG bekommt man professionell Unterstützung, ohne dass es so klinisch wirkt“, sagt sie. „Und man ist nicht mehr immer nur auf das Problem fixiert. Es geht auch um andere Sachen.“ Zum Beispiel um ihre Wollmütze. Die ist gerade beim Waschen ganz fürchterlich eingelaufen. “Und Nora hat mich ausgelacht.“ Jetzt lachen beide noch einmal darüber.

WG Bitter & Süß

Reichensteiner Weg 18
14195 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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