Zu Besuch bei Weddings ältester WG-Bewohnerin

"Ich und mein Männeken!"

Elisabeth Gundermann im Gespräch mit ihrem früheren Schwiegersohn.
Elisabeth Gundermann im Gespräch mit ihrem früheren Schwiegersohn.
Weddings älteste WG-Bewohnerin ist gerade 105 geworden. Ja, richtig: 105. Ihre Zeit verbringt sie am liebsten im Trubel der WG-Küche. Und auch nach mehr als einem Jahrhundert ist Elisabeth Gundermann kein bisschen leise. Eine Begegnung.

Am Anfang ist es ein bisschen so wie befürchtet. Was tun, wenn man einem vollen Jahrhundert gegenüber sitzt? Man fühlt sich erst mal irgendwie so, tja, wie? Klein? Unbedeutend? Verdammt jung jedenfalls. Jahrgang 1908, mein Gott. Was fragen? Wo beginnen?

Frau Gundermann, das ist hilfreich, schert sich ohnehin erst einmal nicht um Reporter oder Fotografin. Frau Gundermann füttert den Therapiehund. Der heißt Lilly und ist 104 Jahre kürzer auf dieser Welt als die Frau am Tischende in ihrem Rollstuhl, in weißer Bluse, grauer Strickjacke und schlichtem Halstuch, die Frau, die sich jetzt gerade ein Stückchen Wiener zwischen die Zähne steckt. Als wäre es ein Zigarrenstumpen. Lilly, der weiße Schäferhund, kommt um den Tisch gewedelt. Lilly kennt das Ritual. Und seine retardierenden Momente: „Heeeej“, ruft Frau Gundermann mit gespieltem Entsetzen. „Wat drängelste denn? Jeh mal erst nach Hause, wasch dir die Neese sauber!“ Schwanzwedelnde Lilly. Erwartungsfroher Hund. Frau Gundermann beugt sich nach vorne, Lilly schnappt routiniert nach der Wurstzigarre, haps, weg. Applaus.

29. Juli 1908. Man muss sich das Geburtsdatum erst mal aufschreiben, aber auch dann wirkt es noch abstrakt, wie eine Zeile aus einer alten Chronik mit fleckigem Einband und vergilbten Seiten. Berlin im Sommer 1908. Der Deutsche Kaiser heißt Wilhelm. Anfang September werden seine Untertan wie jedes Jahr den Sedanstag feiern, den Sieg über Frankreich. Am 27. Januar dann wieder Kaisers Geburtstag. Die Sütterlinschrift ist noch nicht erfunden. Die Stadtgrenzen Berlins sind, zwölf Jahre vor der Entstehung der Stadt in ihren heutigen Ausmaßen, noch enger als der heutige S-Bahn-Ring, zwei Millionen Menschen leben hier dicht an dicht. In Preußen wählt man noch nach dem Dreiklassenwahlrecht. Frau Gundermann ist gerade zwei Wochen alt, da wird der „Hauptmann von Köpenick“ wegen guter Führung aus dem Zuchthaus entlassen.

Man würde sie auf 80 schätzen, vielleicht jünger

Ein langes Jahrhundert, vollgepackt mit Geschichte. Als der 1. Weltkrieg ausbricht, geht die kleine Elisabeth in die erste Klasse. Als die Nazis kapitulieren, ist sie 36, als Neil Armstrong den Mond betritt 60, als die Mauer fällt 81. Und jetzt sitzt sie, das nächste Wurststückchen im Mund, am Kopfende ihres Küchentischs in der Weddinger Koloniestraße. Es ist 2013. Und Frau Gundermann ist immer noch da.

„Sie haben Glück, sie ist gut drauf“, sagt ihre Betreuerin. Frau Gundermann, das sei dazu gesagt, wohnt in einer WG. Ganz im Nordosten des ehemaligen Bezirks Wedding, Ortsteil Gesundbrunnen, der Eingang zur WG liegt hinter einer schlichten Fassade ohne Klingelschild. Hier wohnt Frau Gundermann, zusammen mit acht anderen Demenzkranken, gepflegt werden sie von der Caritas. Es ist ein langgezogener Altbau. Die Küche riesig und hell, der massive Holztisch passt locker rein. An der Wand hängt ein selbstgemaltes Plakat, „4 Jahre WG“, die 4 in Regenbogenfarben. Darum herum Schmetterlinge, Blumen. Es gibt eine Terrasse, dort wird im Sommer gegrillt. Es gibt einen großen Aufzug in den ersten Stock. Hier liegt das Zimmer von Frau Gundermann. Nach vorne, zur Straße. Ein schlichtes Bett, eine IKEA-Kommode, darüber ein alter Wandteppich. Gegenüber ein Abreißkalender. Hier ist sie eh nur zum Schlafen, sagt die Betreuerin. Unten, im Trubel, fühle sie sich noch immer am wohlsten.

„Wir haben ein Kind mit vier Beinen“, sagt Frau Gundermann, Begeisterung in der Stimme, nach dem dritten Stückchen Wurst, das in Lillys Maul verschwunden ist. „Schlau der Hund.“ Wie sie ihn neckt und mit ihm spielt, würde man sie auf 80 schätzen, vielleicht auf jünger. „Hee, meine Nase“, ruft sie mit gespielter Empörung. „Du beißt mich ja inne Neese rin!“ Besorgter Blick in die Runde: „Guckt mal. Ist noch alles dran?“

 

Die Erinnerungen sind träge

Frau Gundermann hat Altersdemenz, zweite Stufe, sagt die Betreuerin. Das heißt, sie reagiert noch auf Fragen, nimmt am Leben teil, nicht jeder ihrer Mitbewohner kann das noch, manche sind halb so alt wie sie.

„Kaffee, Frau Gundermann?“ – „Naja, wenn ich noch einen bekomme!“ Die Erinnerungen aber, sie kommen immer schwerer hervor, träge und vereinzelt. Hier und da taucht, wenn ihre Betreuerin ihr ein Stichwort gibt, eine Information aus dem Nebel des Jahrhunderts auf. „Der Puppenwagen“, sagt sie dann etwa, „der war größer wie ich. Da hat man von weitem bloß meine kleinen dicken Beene gesehen.“ Die Besucher lachen. Frau Gundermann unterhält die Runde. „Mein Vater? Ein doller Hengst war er ja.“ Und der schnelle Nachsatz: „Naja, der Berliner spricht so. Groß und schlank war er.“ Die Mutter dagegen, „die war hart, meine Mutter. Aber sie musste so sein.“

Auch Frau Gundermann hatte etwas von ihrer Mutter in sich. „Sie hat das Sagen gehabt.“ Sagt jedenfalls ihr früherer Schwiegersohn, der erste Mann von Tochter Waltraud, der an diesem Nachmittag in der WG zu Besuch ist. Aus der Zeitung hat er von ihrem 105. Geburtstag erfahren, 50 Jahre haben sie sich nicht gesehen. Schwer zu sagen, ob sie ihn erkannt hat, als er sich vorhin zögernd ihrem Rollstuhl genähert hat, „hallo, ich bin der Hansi, der Hansi aus Siemensstadt“. – „Einen Moment“, hat Frau Gundermann nur gesagt, sich vorgebeugt und ihm einen Handkuss gegeben. Triumphierende Stimme: „So macht man das!“

Früher plättete sie in der Küche

Teils zu viert haben sie damals unter einem Dach gelebt, in den 50er Jahren in Siemensstadt, Voltastraße 9, so erzählt es Hans-Joachim Langnau, der Sohn des Schuhmachers aus dem Quellweg, der ist nur zwei Straßen weiter. Zu viert auf anderthalb Zimmern, Elisabeth und ihr Eugen im einen, Waltraud und ihr Hansi im anderen, und tagsüber, wenn ihr Mann seiner Arbeit als Dreher in der Fabrik nachging, plättete Frau Gundermann in der Küche Hemden, für ein bisschen mehr Haushaltsgeld.

Frau Gundermann schaut Fotos. Gleich das erste, schwarz-weiß, drückt sie dicht an ihre Bluse – es zeigt einen jungen Mann mit kindlichem Gesicht in strammer Wehrmachts-Uniform,. „Mein Männeken“, sagt Frau Gundermann und dann gibt sie dem gerahmten Glas einen Kuss. „Ach, mein Süßerchen.“ Ihren Eugen erkennt sie immer noch auf Anhieb. „Ich und mein Männeken!“, sagt Frau Gundermann.

So ist das mit den Erinnerungen. An ihren Geburtstag neulich dachte Frau Gundermann erst zwei Wochen später wieder, schön war’s, sagte sie auf einmal zu ihrer Betreuerin, wirklich schön.


Quelle: Der Tagesspiegel

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