Ach, Günter Grass, du lokalpatriotischer Literat: Früher, als Tante Pinchen hier wohnte, war alles anders, und auch heute, zu fortgeschritteneren kapitalistischen Zeiten als damals, 1990, ist die Gegenwart unvergleichlich mit dem, was Deine Protagonisten im Mietshaus Kollwitzstraße 75 zu Umbruchzeiten erlebt haben. Vormittägliche Recherchen führen uns, aus traurigem Anlass, in die Gegend rund um Deine geistesverwandte Käthe, und nur sie ist so geblieben, wie sie immer war auf ihrem Sockel – alles andere hat sich seit dem „Weiten Feld“, diesem Roman des Umbruchs aller Ansichten von Straßen, Häusern und Plätzen, so verändert, dass recht eigentlich ein neues Buch fällig wäre.
Bio-Mode statt Kohle-Lieferungen
Ein Laden heißt „Salonmeister“ und vermittelt Friseurtermine, ein anderer versendet en Gros Tee, zwischen den Start-ups von heute und dem Schuster von vorgestern hatten, wie überall in Prenzlauer Berg, junge Leute die leeren Höhlen und Hüllen besetzt und als Wohnungen okkupiert, Gott weiß, wie viele Kinder hier gemacht wurden. Heute fahren die Mütter vom Kollwitzplatz stolz mit ihren Kinderwagen, so geräumig wie Kleinautos, zum nächsten Café Latte, und reden über Bio-Mode statt über Kohlenanlieferung.
Die ersten West-Mieter sind nun selbst Gentrifizierungs-Opfer
Lisa Strehmann, die Politikwissenschaftlerin, die hier in der Etage, die Grass beschreibt, aufgewachsen ist, findet den Hof geradezu romantisch: Ein Großstadtidyll, das versucht, seinen Charakter zu bewahren. Freilich merkt man allein an den teuren Autos, wie sich der Kiez verändert. Nicht nur zum Nachteil: „Hier ist es sehr angenehm zu leben“.
Detlef Wittenberg mochte nicht das Hochglänzende, sondern das Verfallene, Verwilderte, „schließlich war ich Kriegskind“. Und: Er mochte die Bescheidenheit der Leute von Prenzlauer Berg gegenüber den reichen Westlern, die Sitten waren anders, „weil die Leute kein Telefon hatten und statt dessen ein Zettel mit Bleistift an der Tür hing, auf den man seine Mitteilungen schrieb. Das war der Alltag“. Dann kam die Anarchie, und die war riesig. Und die Schwaben sind doch nur Sinnbild für wohlhabende Menschen. Zwei Häuser weiter sitzt ein junger Mann aus Estland, vor sich ein Schild: „My family was killed by Ninjas, little help for Karate lessons.“ Danke. Ninjas? „Ein Joke. Ich brauche Geld.“ 26 Cent liegen schon in der Mütze.
Ach, noch immer: Ein weites Feld!






