Berlin will mit der Zeit gehen – auch im Autoverkehr. Das ist die gute Nachricht. Doch bei dem längst fälligen und nun kurz bevorstehenden Umbau der Torstraße zeigt sich, dass die Meinung darüber, was eine sinnvolle Lösung wäre, weit auseinandergeht. Umweltschützer, der ADFC, Anwohnende, Gastronomen und andere betroffene Berliner wüten gegen die Planung, die vor allem dem Autoverkehr weiterhin viel Platz einräumt.
Bleiben sollen nämlich vier Fahrspuren – je zwei pro Richtung. Das sei notwendig, da die Torstraße täglich von etwa 20.000 Fahrzeugen befahren wird. Diese Entscheidung zugunsten des Autoverkehrs sorgt für die größte Empörung. Zumal Recherchen des Tagesspiegels wohl ergeben haben, dass der Kfz-Verkehr laut Verkehrsdaten seit 2015 zurückgeht. Zu neuen Überlegungen anregen konnte diese Veröffentlichung scheinbar auch nicht. Als Kompromiss soll wohl dienen, dass die jeweils rechte Spur außerhalb der Stoßzeiten zum Parken freigegeben wird. Echte Parkplätze, die Anwohnende zeitlich unbegrenzt nutzen können, gibt es übrigens dann nicht mehr.
Immerhin möchte der Senat auch den Radfahrern eine eigene Spur gönnen. Dafür wird aber nicht der motorisierte Verkehr eingeschränkt, wie in anderen Teilen der Stadt üblich, sondern der Fußgängerweg verengt. Die Idee wirkt befremdlich, geht es doch dem Senat angeblich darum, „eine attraktive Straße mit einer hohen Aufenthaltsqualität“ zu gestalten. Laut ADFC seien durch die fehlende bauliche Trennung von Fuß- und Radweg Konflikte vorprogrammiert. Zudem wären die Radfahrer hinter Bäumen und parkenden Autos für abbiegende Autofahrer nur schwer zu sehen.
Darüber hinaus sollen mindestens 32 Bäume gefällt werden, um die neue Aufteilung des Straßenraums zu realisieren. Laut der Initiative „Torstrasse beleben“ sind es sogar 40 alte Bäume. Zwar sollen 24 neue Bäume gepflanzt werden, die allerdings Jahrzehnte brauchen, um klimatechnisch auf das Niveau ihrer Vorgänger zu kommen. Die Initiative Torstrasse beleben setzt sich aus Gastronomen, Einzelhändlern und anderen lokalen Gewerbetreibenden zusammen, die Umsatzeinbußen durch den Umbau befürchten.
Die Arbeiten im ersten Bauabschnitt zwischen Chausseestraße und Rosenthaler Platz sollen im dritten Quartal 2026 beginnen. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für Proteste, zumal diese schon seit Monaten andauern. Es gab einen offenen Brief, eine lange Tafel der Baukultur, um die Nachbarschaft ins Gespräch zu bringen und sachliche Kritik. Auch die voraussichtliche Bauzeit von gut zweieinhalb Jahren bereitet den Inhabern von Restaurants, Bars und Geschäften Sorge. Ihre wirtschaftliche Existenz scheint bei der Planung nicht berücksichtigt worden zu sein. Dabei wünscht sich die Initiative eine Stadtentwicklung, die Menschen zusammenbringt, statt sie gegeneinander auszuspielen. Das klingt sinnvoll.
Auch der Rat für Stadtentwicklung bemängelt, dass die Planung zu sehr den Autoverkehr in den Fokus rückt. Der unabhängige Zusammenschluss von Experten aus der Stadtplanung und dem Architektur- und Bauwesen mahnt zudem, dass es für Fußgänger – darunter viele Schulkinder – bei der Überquerung der Torstraße Probleme geben werde und die Radwege nicht ausreichend sicher geplant seien.
Der Verein Changing Cities hat eine Alternative mit Querungsinseln, geschützten Radwegen und abgestimmten Sichtverhältnissen erarbeitet sowie ein externes Sicherheitsaudit der Senats-Pläne durchführen lassen, das 90 sicherheitsrelevante Defizite mit zum Teil hohen Risiken für schwere Unfälle identifiziert hat. Und der Berliner Fahrgastverband hatte sich dafür ausgeprochen, den Umbau für eine sinnvolle Neugestaltung und Platzierung der Haltestellen zu nutzen. Dass die Öffis in der Torstraße beständig im Stau stehen, wird sich in Zukunft nichts ändern. Eine breite Radspur, die gegebenenfalls von Rettungsfahrzeugen genutzt werden könnte, wird ja ebenfalls nicht realisiert.
Wie es aussieht, bleibt der Senat bei seinen Plänen. Wenn der erste Teil 2029 fertiggestellt ist, startet der zweite Bauabschnitt, der dann ebenfalls zweieinhalb Jahre für Chaos durch Bauzäune und Staus sorgen wird. Das Ergebnis kann ja mit viel Geld nachgebessert werden, auch das wäre in Berlin nicht das erste Mal…






